Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Den „famosen Studentenulk“ setzte Hoffotograf Julius Wilhelm Hornung 1909 ins Bild

Die Germanen auf der Neckarbrücke

Im Januar 1909 war’s, als die Burschenschaft Germania über die Neckarbrücke zog. Begleitet von einer Kapelle brachten die Studenten einen Kommilitonen in den Karzer.

28.01.2012
  • Manfred Hantke

Tübingen. Das Foto überreichte die Tübingerin Lisett Riedel dem Zeitzeugnis-Projekt und füllt mit diesem historischen Zeugnis studentischer Freizeitgestaltung eine visuelle Lücke der damaligen Berichterstattung. Denn vor 103 Jahren, am 12. Januar 1909, brachte die Tübinger Chronik lediglich einen Text über das karnevaleske Treiben der Studenten.

„Einen famosen Studentenulk“ hätten die Germanen „wieder einmal“ veranstaltet, schrieb die Chronik. Dem Zug voran schritt eine kostümierte Kapelle, die „traurige Weisen“ spielte, abgewechselt von „dumpfem Trommelwirbel“. Unter den Augen zahlreicher Schaulustiger an den Straßen und in den Fenstern zogen die Studenten über die Neckarbrücke, durch die Uhlandstraße zum Uhlanddenkmal und dann zum Karzer. Ein lange nicht erlebtes Schauspiel, so die Chronik. Warum der Student allerdings einsitzen sollte, teilte sie dem Leser nicht mit.

Der Delinquent jedenfalls sitzt auf einem mit den Germanenfarben drapierten Wagen in einem Drillichanzug, vor ihm die Kapelle, Reiter mit Feuerwehrhelmen auf dem Kopf und ein Tambour in roter Uniform. Dabei war auch ein als Frau verkleideter Student mit einem Kinderwagen, in dem ein schon „recht bejahrtes Kind saß“.

Am Schluss des studentischen Zuges fährt sogar ein Automobil, das Steuer auf der rechten Seite, die Radspeichen ebenfalls in den burschenschaftlichen Farben schwarz-rot-gold eingefärbt. Die Studierenden auf dem Dach warfen Knallerbsen unter die Leute. Bald aber war Schluss mit lustig: Auf Anordnung des Senats der Universität wurde der Zug vom Pedellen bei der Stiftskirche aufgelöst.

Im Bild festgehalten hat das Spektakel der Königliche Hoffotograf Julius Wilhelm Hornung (1827 – 1911), dessen Vater Wilhelm zusammen mit Paul Sinner ab 1865 für zwei Jahre gemeinsam ein Foto-Atelier in der damals so genannten Neckarvorstadt betrieb. Julius Wilhelm übernahm das väterliche Geschäft in der Uhlandstraße 11 und verlegte sich auf studentische Gruppenbilder, Portraits und gelegentliche Trachtenbilder. Beliebt waren seine Scherzmontagen bei den Studentenverbindungen.

Das Hornung-Bild war Teil der umfangreichen historischen Fotosammlung von Karl Keim (1902 – 1996), dem Reutlinger Lokalhistoriker, einstigen Kurator des Reutlinger Heimatmuseums und Vater von Lisett Riedel. Er überließ in den 1970er Jahren rund 10.000 Bilder dem Reutlinger Stadtarchiv. Darunter waren Reproduktionen, aber auch Original-Aufnahmen, etwa von Paul Sinner. Sie dokumentierten die Jahre 1860 bis 1930. Auch eigene Fotos aus den 1960er und 1970er Jahren überließ er dem Archiv. Unser Foto vom Zug der Germanen über die Neckarbrücke war nicht darunter.

Die Germanen auf der Neckarbrücke
Der Königliche Hoffotograf Julius Wilhelm Hornung hat den Studentenzug im Januar 1909 vom TAGBLATT aus fotografiert. Das Gebäude stand damals seit vier Jahren. Auf dem Bild zu sehen ist auch noch Universitätsgründer Graf Eberhard in seinem Türmchen. Er wurde im Juli 1942 abmontiert und der Rüstungsindustrie zugeführt.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

28.01.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball