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Weihnachtsbesuch im Armenhaus

Die Geschichte der Familie Jungel

SCHWALLDORF (um). Weihnachtsgeschenke wurden nicht verteilt: Der Besuch des Vorstands der Ortsarmenbehörde Schwalldorf am 24. Dezember 1884 im Armenhaus wurde ohne Vorankündigung „ganz unerwartet“ durchgeführt. Sie sollte klären, ob die kranke Bewohnerin Katharina Jungel nicht doch einer Erwerbstätigkeit nachgehen könne, statt für sich und ihren Mann Zachäus Armenunterstützung zu beziehen.

24.12.2003

Beim Anblick des Armenhaus-Elends ordnete Pfarrer Albert Fischer „sogleich“ an, dass die 55-Jährige noch in der Heiligen Nacht „die Stubenkammer beziehen solle und dürfe, da es da wärmer als auf der Bühne unter Dach sei“. Auf dem zugigen Dachboden hatte die Frau in eisiger Kälte gehaust, während ihr an Schwindsucht leidender Mann Zachäus wenigstens ein Bett in einer kleinen Kammer hatte. Im baufälligen und viel zu kleinen Haus lebte zeitweise auch der 17-jährige Sohn Wilhelm Jungel, damals in der Lehre bei Schneidermeister Gustav Uttenweiler am Rottenburger Metzelplatz. Mitbewohnerin im Armenhaus war außerdem die „presthafte“ Ottilie Baur, die immer wieder für „missliebige Erfahrungen“ sorgte, indem sie, „ohne Schamgefühl“ nur mit dem Hemd bekleidet gesichtet wurde.

Beide Hände abgefahren

Zachäus Jungel kam 1830 als sechstes der elf Kinder von Georg Jungel und Antonia geb. Birkle in Schwalldorf zur Welt, wurde Soldat des Königlichen Artillerieregiments und arbeitete schon in jungen Jahren als Zimmermann in Ulm, Stuttgart, Aalen und im Oberamt Vaihingen. 1852 starb seine Mutter, 1864 der Vater. Seit 1861 verschollen war sein Bruder Stephan, der als Bauernknecht in die Fremde gegangen war. 1865 wurde Zachäus Jungel selber von einem schweren Schicksalsschlag getroffen: „Derselbe verunglückte auf der Eisenbahn, es wurden ihm dabei beide Hände abgefahren“.

Im gleichen Jahr kam in Stuttgart-Gablenberg seine Tochter Marie zur Welt, 1867 Sohn Philipp Joseph, 1868 Wilhelm, 1869 Johannes und 1870 Gottlob Christian – die beiden Jüngsten starben noch in den Windeln. Die Hochzeit mit Katharina Rapp, der Mutter seiner Kinder, fand erst 1871 statt, vermutlich weil dem Bräutigam als Krüppel wegen „ungenügendem Nahrungsstand“ die Genehmigung zur Eheschließung erst erteilt worden war, nachdem er als „Händler“ arbeitete. 1870 war er vom Oberamt Vaihingen noch wegen „Unzucht unter Verlobten“ zu drei Tagen Arrest verurteilt worden.

Die französische Erbschaft

Der schwerbehinderte Zachäus Jungel gab nicht auf: Er betätigte sich in Rottenburg als „Schreibheftenfabrikant“ und kaufte 1873 für 800 Gulden ein Haus in der Stadt. Die Schulden dafür versuchte er abzustottern, schaffte es aber nicht. Da half auch nicht die ihm zugefallene „französische Erbschaft“: Seine Schwester Franziska, seit Jahrzehnten Köchin bei einem vornehmen Herrn am Boulevard Poissonière in Paris, war plötzlich gestorben und hinterließ Goldschmuck, Foulards und eine rote Crinoline. Ihre Geschwister erhielten einiges von den Ersparnissen, und „Françoise“ Jungel vermachte außerdem einen Teil ihres kleinen Vermögens der Gemeinde Schwalldorf zugunsten der Ortsarmen.

Wenig später gehörte ihr mittlerweile an Tuberkulose erkrankter Bruder Zachäus zu dieser Kategorie der Dorfbewohner. Seine Frau hielt die Familie mit etwas Handel, Putzen und Kleiderspenden der Paulinenpflege notdürftig über Wasser, bis auch sie krank wurde und als letzte Rettung nur noch das Schwalldorfer Armenhaus blieb. Die Ortsarmenbehörde, die pro Tag 40 Pfennige Unterstützung gewährte, hatte von Katharina Jungel zuvor ein ärztliches Zeugnis verlangt, ob „sie nicht doch ihrem Handel nachgehen könne“, was der behandelnde Rottenburger Arzt Doktor Biesinger mit nein beantwortete.

Immerhin blieb es Zachäus Jungel erspart, im Armenhaus zu sterben. Wenige Wochen vor seinem Tod zog er mit seiner Frau in das von Händler Jakob Friedrich Schach gemietete Häusle im Schneckenhof bei der Kirche. Den Vertrag unterschrieb sein Sohn, der 19-jährige Schuhmacher Philipp Joseph, der vielleicht auch die Miete zahlte. Das Weihnachtsfest 1886 erlebte der kranke Vater nicht mehr, im Spätherbst wurde der „Mann ohne Hände“ auf dem Schwalldorfer Friedhof begraben, er war 56 Jahre alt geworden. Wegen „notorischer Armut“ des Verstorbenen musste die Gemeinde ihre Forderungen „in Abgang nehmen“.

Philipp Joseph Jungel kaufte im Januar 1887 bei Paul Rukgaber Rothgerbers Witwe in Rottenburg letztmals Sohlhaut und Schmalleder für seine kleine Werkstatt, konnte die Rechnung aber nicht bezahlen. Kurz darauf verließ der junge Schwalldorfer Schuster sein Heimatdorf, wanderte nach Amerika aus und gründete dort die Familie „Yungel“ wie auch die Fabrik „New Oxford Baby Shoe Co.“.

Seine Schwester Marie heiratete den Schleifer Gottlob Eisele und wohnte samt Kindern bei der verwitweten Mutter. Wilhelm schließlich ging in die Schweiz. Er kehrte später mit Familie zurück und wurde als Schneider, Händler und Mesner zu einer Schwalldorfer Institution – fürs Liefern von „Lichtern fürs Rathaus“ ebenso zuständig wie, im Ersten Weltkrieg, fürs Verteilen der Zuckerrationen, welche die Schwalldorferinnen zum Backen der Weihnachts-Springerle benötigten.

Die Geschichte der Familie Jungel
So sah die Schwalldorfer Hauptstraße vor etwa 50 Jahren aus. Links das inzwischen abgebrochene Armenhaus.

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24.12.2003, 12:00 Uhr

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