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Glückliche Umstände und eine große Portion Mut

Die Geschichte einer Desertion am Ende des Zweiten Weltkriegs beeindruckte am Freitag etwa 50 Zuhörer

Was es am Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete, die Gefahren einer „Fahnenflucht“ auf sich zu nehmen, erzählt Christoph Scheytt in seinem Buch. Seine Tochter las am Freitagabend aus den bewegenden Erinnerungen ihres Vaters.

13.07.2015
  • Philipp Koebnik

Tübingen.„Wohin wir gehen. Geschichte einer Fahnenflucht“ – so heißt das vor zwei Jahren erschienene Buch, in dem der Pfarrer Christoph Scheytt die Erinnerungen an seine Desertion im Frühjahr 1945 niederschrieb. Daraus wollte Scheytt am Freitag in der Eberhardskirche lesen. Er musste jedoch kurz zuvor auf Anweisung seines Arztes in eine Klinik gebracht werden. Kurzfristig sprang seine Tochter Martina Scheytt-Lempp für ihn ein. Etwa 50 Interessierte waren der Einladung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Tübingen – Mössingen, des Tübinger Friedensplenums/Antikriegsbündnisses und der Eberhardskirche gefolgt.

„Mein Vater sieht sein Buch als einen Beitrag zur Erinnerung an die ungezählten namenlosen Deserteure“, betonte Scheytt-Lempp. Für ihren Vater sei die erfolgreiche Flucht aus der Wehrmacht mehr als nur zufälligen glücklichen Fügungen zu verdanken. Vielmehr habe auch Gott seine Hand über ihn gehalten, ist er sich sicher. Als 16-Jähriger hatte er im Frühjahr 1945 helfen sollen, Berlin zu verteidigen.

Flucht während eines Fliegerangriffs

Während die Alliierten auf die Reichshauptstadt vorrückten, kam Scheytt zu einem sogenannten Hitlerjugend-Panzerjagdkommando. Untergebracht waren die rund hundert Jugendlichen in der Nähe des Olympiastadions. Angesichts des Schreckens und der Ausweglosigkeit des Krieges beschloss er – darin bestärkt durch seinen Freund Walter Rieg – zu fliehen.

Während der allnächtlichen Stromsperren packen die beiden heimlich ihre Sachen, auf einen günstigen Augenblick zur Flucht wartend. Sie nutzen das Durcheinander während eines Fliegerangriffs, um sich von der Truppe zu entfernen. Das Ziel der beiden: ihre Heimatstadt Murrhardt im Schwäbisch-fränkischen Wald.

Nachdem sie eine Weile gelaufen sind, verbringen sie die Nacht in einem kleinen Steinhäuschen an einem S-Bahnhof. Doch Scheytt kann nicht schlafen, quälende Fragen drängen sich ihm auf: „Begehen wir nicht eine große Torheit? Wie weit ist der Weg nach Süddeutschland, nach Murrhardt – wie weit und voller Gefahren!“ Was, wenn die SS sie schnappt? Und was würden seine Eltern denken, wenn sie erfahren, dass er „als Fahnenflüchtiger erschossen oder erhängt worden“ ist? Ist es da nicht besser, „in den bevorstehenden Kämpfen um oder in Berlin zu fallen?“ Er erzählt Walter von seinen Zweifeln, doch dieser überzeugt ihn: „Christoph, wenn wir jetzt nicht gehen, kommen wir nicht mehr heim.“

Die Sehnsucht nach der Heimat, nach dem elterlichen Zuhause zieht sich durch das gesamte Buch. Sie ist augenscheinlich ein sehr wichtiger Beweggrund des 16-Jährigen, der jedoch auch große Angst hat und am Erfolg der Flucht zweifelt. Die treibende Kraft ist immer wieder sein Freund Walter. Er macht ihm Mut und gibt die Richtung vor.

Auf verschlungenen Wegen erreichen sie schließlich Regensburg. Mal fahren sie mit dem Zug, mal laufen sie, mal nimmt sie ein LKW mit. Doch dann werden sie von einem SS-Kommando aufgegriffen. Ein SS-Mann will wissen, wohin die beiden wollen – „nach Murrhardt“, entgegnen sie. „Ihr lasst also den Führer in seiner schwersten Stunde allein?“ Allerdings wendet sich vorläufig alles zum Guten: Der SS-Mann erteilt ihnen einen Marschbefehl in ihre Heimatstadt.

Die beiden hatten in doppelter Hinsicht Glück. Einmal, weil sie nicht gleich erschossen wurden. Außerdem diente ihnen der Marschbefehl als Passierschein – sie konnten nun weiterziehen, ohne befürchten zu müssen, als Deserteure aufzufliegen. Sie erreichen schließlich Murrhardt. Zwischenzeitlich hatten sie, ohne es zu bemerken, die Front durchquert. Ihre Heimatstadt befindet sich bereits im befreiten Teil Deutschlands, doch das wissen die beiden nicht. Beeindruckend sind die Schilderungen, wie sie ins Haus von Scheytts Eltern gelangen und von der überraschten Mutter empfangen werden. Alle Gefahren hatten sie hinter sich gelassen, die erste Nacht seit langem im eigenen Bett.

Seiner antimilitaristischen Überzeugung ist der Pfarrer treu geblieben. Er engagierte sich gegen die deutsche Wiederbewaffnung und beriet Kriegsdienstverweigerer, so Scheytt-Lempp. Als Scheytt seine Erinnerungen zu Papier brachte, tauschte er sich immer wieder mit Rieg darüber aus. Die beiden waren bis zuletzt befreundet – Rieg starb 2013, nur wenige Wochen vor der gemeinsam geplanten, ersten Lesung aus dem Buch.

Erst 2002 beschloss der Bundestag, die Deserteure der Wehrmacht pauschal zu rehabilitieren. Lange galten Deserteure eben doch als Verräter, nicht als Teil des Widerstands gegen das NS-Regime. Viele Fahnenflüchtige wurden am Ende des Krieges hingerichtet – auch in Tübingen, wie Jens Rüggeberg von der VVN-BdA erläuterte. Wie viele es hier waren, wo und wann genau sie hingerichtet wurden, ist unklar. Seit dem Jahr 2008 erinnert am Platz des unbekannten Deserteurs im Französischen Viertel eine Gedenktafel an diesen Teil der Tübinger Geschichte.

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13.07.2015, 12:00 Uhr

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