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Rhetorikstudent bringt Professoren zum Auflegen und Ausflippen

Die Geschichte einer Nacht

Tübingen ist die Mutter aller Professorennächte. Hier kam sie jedenfalls zur Welt. Vor genau fünf Jahren war das. Nun gibt es sie längst auch in anderen Unistädten. Ihr Erfinder Gunnar Larsson lädt heute Abend zum großen „Jubiläumsspecial“ in die Mensa Morgenstelle ein.

15.06.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Der Professor als DJ, als einer, der ganze Säle zum Kochen bringt, der Professor von einer unbekannten rockigen Seite – das war die Idee von Gunnar Larsson. Sie zündete. Mittlerweile gibt es das Modell in Konstanz, Heidelberg, Jena, Leipzig, Berlin und Halle. Unter den Professoren ist das DJ-Fieber ausgebrochen, und Unis bemühen sich, die Nacht in ihre Stadt zu locken.

Dass sie ausgerechnet von Tübingen aus zum Exportschlager wurde, hat weniger mit der hiesigen Feierfreude als mit dem Zufall zu tun. Die erste Professorennacht (2007) hätte auch in Berlin sein können. Denn Gunnar Larsson kommt aus Berlin.

In Berlin hatte er zuvor schon zwei Jahre als Mediaberater für Radiosender gearbeitet und Erfahrung mit Club-Veranstaltungen gesammelt. Doch dann wollte er unbedingt studieren. Die Bewerbung im Fach Allgemeine Rhetorik in Tübingen fruchtete. Als Berliner hätte er mit allem gerechnet, aber nicht, dass er sogar einen Anruf direkt vom Seminar bekam. „Die sind aber nett!“ dachte er. So kam er nach Tübingen.

Mit der Tübinger Uni ist der 29-Jährige immer noch verbunden, auch wenn er vor drei Jahren nach Berlin zurückkehrte. Dort betreibt er eine eigene Event-Agentur (Black Box Events), aber in Tübingen promoviert er. Nachdem er in seiner Magisterarbeit schon moderne Events mit Hitlers Redeinszenierung verglichen hatte, will er nun in seiner Promotion „eine eigene Eventtheorie“ aufstellen.

Im Fach Rhetorik bei Prof. Joachim Knape will er das, doch die Idee zur Professorennacht entstand im Kreativklima seines zweiten Fachs, der Empirischen Kulturwissenschaft. Es war auf einer Fasnets-Exkursion am Bodensee abends beim Bier mit Prof. Bernd Tschofen. Die Unterhaltung drehte sich um Clubs, Events und DJ‘s. Und offensichtlich muss da ein Wunsch geäußert worden sein, jedenfalls sagte Larsson zu Tschofen: „Sie können ja mal auflegen.“ Der zeigte sich durchaus angetan von der Idee.

Tschofen war dann aber doch nicht der erste Plattenaufleger, und vermutlich ahnt er bis heute nicht, so jedenfalls glaubt Larsson, dass er in die Geburtsstunde der Professorennacht verwickelt ist. Wie leicht es war, mutige Profs für die erste Nacht zu finden, überrascht Larsson noch heute. „Die haben mir komplett vertraut.“

Joachim Knape gehörte zu den Pionieren. Er tat dabei auch seinen mittlerweile legendären Spruch. „Ich sag jetzt nur zwei Sachen. Erstens: Stimmung, zweitens: jetzt abtanzen!“

Für die Auswahl der Professoren ist der Erfinder selbst zuständig. Er hört sich um, fragt bei Fachschaften nach, erfährt, wer beliebt ist. Dann klopft er beim Professor an und muss manchmal regelrecht Überredungskünste aufwenden: „Doch die meisten fühlen sich geehrt und geschmeichelt.“

Der DJ-Prof wird geradezu auf Händen getragen, wird beraten, seine Playlist wird auf Tanzbarkeit geprüft, er bekommt einen Moderator zur Seite gestellt, und heute Abend zum Höhepunkt trifft er sich in der Professoren-Lounge mit seinen Kollegen. Selten geht etwas schief, meistens verlässt ein strahlender Starprofessor die Bühne in der Gewissheit, viele Fans gewonnen zu haben. Und wenn ein Tübinger Physiologe ausflippt und mit Sonnenbrille auf dem Tisch tanzt, macht es bald ein DJ-Kollege nach.

Im Laufe der Professorennächte gewann Larsson eine besondere Fachkundigkeit. Der Umgang mit Wirtschaftswissenschaftlern sei am anstrengendsten, merkt er an. Sie nähmen sich manchmal zu wichtig. Mediziner hätten dagegen wenig Berührungsängste. Professorinnen mauerten, aber Uni-Dozentinnen haben schon mitgemacht.

Zu Larssons Bedauern wuchs die Nacht in Tübingen aus dem Sudhaus heraus, dabei sei das die ideale Location gewesen. Auf der Suche nach einem größeren Ort lernte er die Stadt von einer neuen Nachtseite kennen. „In anderen Städten kommt die Uni auf einen zu, in Tübingen bekommt man nicht mal Antworten auf Anfragen bei Stadt und Uni.“

Dabei gehe es doch um eine Großveranstaltung mit 2000 Gästen und ein werbewirksames Event. Die Meganacht fand mit Mühe ihren Ort in der Mensa Morgenstelle. „Da müssen wir unglaublich viel Miete bezahlen“, wundert sich Larsson. Zudem muss man in finanzielle Vorleistung treten wie noch nirgendwo anders. „Vor zwei Wochen wollte ich schon absagen“, sagt Larsson. Der Professorennacht wäre damit in ihrer Geburtsstadt das Licht ausgeknipst worden.

Die Geschichte einer Nacht
Es war in einer Nacht des Jahres 2010, da arbeiteten an den Plattentellern: Prof. Michael Ronellenfitsch, Öffentliches Recht und Verwaltungsrecht (rechts) und Prof. Stefan Thomas, Bürgerliches Recht, Handels- und Wirtschaftsrecht, Wettbewerbs- und Versicherungsrecht (links daneben).

Die Geschichte einer Nacht
Gunnar Larsson Bild: Metz

Zwanzig Tübinger Professoren und Uni-Dozent(inn)en werden bei der heutigen Mega-Professorennacht in der Mensa Morgenstelle auflegen. An den Plattentellern werden die Fächer Medizin, Jura, Wirtschaftswissenschaften, Anglistik, Sport, Rhetorik, Pharmazie und Sinologie und die Musikrichtungen Electro, Black, Pop, Rock, Indie und Classics erwartet. Beginn des poppigsten unter allen interdisziplinären Spektakeln ist 21 Uhr. Karten an der Abendkasse kosten 9 Euro, Vorverkauf 7 Euro. Infos unter www.professorennacht.de.

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15.06.2012, 12:00 Uhr

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