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Die „Goldstadt“ will den Aufbruch
Goldmaterial wird in einem Pforzheimer Betrieb zum Einschmelzen angeliefert die Stadt feiert in den kommenden Monaten ihre Vergangenheit und Gegenwart. Foto: dpa
Jubiläum

Die „Goldstadt“ will den Aufbruch

Vor 250 Jahren wurde in Pforzheim der Grundstein gelegt für die florierende Schmuckindustrie. Heute hat die Stadt viele Probleme – und will groß feiern. Da ist auch etwas Trotz dabei.

21.11.2016
  • TOBIAS KNAACK

Pforzheim. Die Vorlage Q 0725 für den Gemeinderat liest sich wie eine kommunalpolitische Horrormeldung: „Pforzheim befindet sich seit über zwei Jahrzehnten in einer Strukturkrise, welche gekennzeichnet ist durch die mittlerweile höchste Arbeitslosenquote aller Stadtkreise in Baden-Württemberg, relativ geringen Erträgen bei Gewerbesteuereinnahmen und beim Gemeindeanteil an der Einkommensteuer sowie deutlichen Steigerungen bei den Sozialtransfers, wie beispielsweise Kosten der Unterkunft, Eingliederungshilfe.“ Das Regierungspräsidium Karlsruhe verlangt „die Herstellung der finanziellen Handlungsfähigkeit“. Die Verwaltung hat sich „auf nachhaltig wirkende, strukturelle Maßnahmen“ zu konzentrieren. Allerdings soll ein „Kahlschlag“ vermieden werden, weil dieser „gravierende negative Auswirkungen auf die Attraktivität der Stadt“ hätte. Dadurch, glauben die Fachleute, würde sich die Situation noch verschlechtern.

Schulden und Arbeitslose

Die wesentliche Ursache dieser Krise führt der seit Juli 2009 amtierende Oberbürgermeister Gert Hager (SPD) auf „den Einbruch der Pforzheimer Schmuckbranche Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück“. Zwar seien „deutliche Erfolge zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes“ gelungen, aber die Finanzierung der notwendigen kommunalen Aufgaben durch entsprechende Einnahmen sei langfristig und nachhaltig noch nicht gesichert. Die Stadt und ihre Eigenbetriebe haben Schulden von über 306 Millionen Euro angehäuft. Jährlich fehlen rund 50 Millionen Euro, wovon allein 22 Millionen auf Sozialkosten für Zuwanderer entfallen. Nach Pforzheim strömten viele Rumänen und Bulgaren, denen die Wahl des Wohnortes freigestellt ist. Das Einwohnermeldeamt zählte 143 Nationalitäten.

In dieser brisanten Finanzsituation muss jeder Cent auf den Prüfstand. Ein Streichprogramm für fünf Jahre mit 307 Positionen summiert sich auf 132 Millionen Euro. Dazu gehören Standards wie höhere Steuern und Gebühren ebenso wie Abstriche bei der Weihnachtsbeleuchtung und der Verzicht auf 13 öffentliche Toiletten, deren Betrieb jährlich 190 000 Euro kostet. 11 000 Euro könnten Jahr für Jahr eingespart werden, wenn Jubilaren die Geschenke nicht mehr persönlich zugestellt werden. Wenn der Personalrat weniger Bücher und Zeitschriften bekommt, blieben 500 Euro in der Kasse, Dienstfahrten ließen sich um 400 Euro kürzen. Kein Posten ist vor dem Rotstift sicher.

Obwohl oder gerade weil Pforzheim mit seiner Arbeitslosenquote von 6,9 Prozent den Landesrekord hält und auch der AfD-Anteil von 24,2 nicht gerade zum Ruhm gereicht, wird monatelang ein Jubiläum gefeiert, das an glänzendere Zeiten erinnert. „Goldstadt 250“ soll mit der Besinnung auf die Wurzel früheren Wohlstands nicht nur die aktuelle Tristesse vertreiben. OB Hager erhofft sich in seiner Heimatstadt „neue Erlebnisse und Sichtweisen“. Ehe das Fest begonnen hat, glaubt er eine Aufbruchstimmung zu spüren. Zuversicht verbreiten auch 28 „Goldstadt“-Botschafter, wie der in Pforzheim geborene Wirtschaftsweise Peter Bofinger von der Universität Würzburg: „Pforzheim ist es gelungen, sich in schwierigen Zeiten immer wieder neu zu erfinden und dabei den besonderen Charakter der Stadt stets zu bewahren.“

2,22 Millionen Euro ist dem zum Sparen verpflichteten Oberbürgermeister der ein Jahr dauernde Feierreigen wert. Mehr als 50 Sponsoren beteiligen sich in etwa gleicher Höhe. Bereits seit Oktober 2015 wird geplant, um Pforzheim als „Goldstadt“ in ein helleres Licht zu rücken. Allenthalben wird der „Goldstadt-Geist“ beschworen als Triebfeder für Innovationskraft, Veränderungswille, Präzision und Qualität.

Anfang im Waisenhaus

Die Keimzelle dafür ist ausgerechnet ein 1718 eröffnetes Waisenhaus gewesen. In dem früheren Dominikanerinnenkloster erlaubte Markgraf Karl Friedrich von Baden am 6. April 1767 dem Schweizer Unternehmer Jean Francois Autran die Einrichtung einer Fabrik für Taschenuhren. Im Rückblick gilt die Gründung als „genialer Streich des Herrschers“, denn die armen Kinder bekamen eine positive Perspektive. Offenbar haben sie sich auch geschickt angestellt und die Geschäfte florierten, denn noch im selben Jahr folgte eine Schmuckfabrik. Pforzheim erlebte einen wahren Boom als „Goldstadt“. 100 Jahre nach Autrants Anfang existierten über 500 solcher Betriebe. Dazu gehörten Zulieferer von Walzwerken und Chemikalien, Gießereien und Prägeanstalten florierten gleichermaßen. Selbst mit der Produktion von Verpackungsmaterial für die wertvollen Erzeugnisse lässt sich so viel verdienen, dass die Stiftung der Schächtelesfabrik Wild jetzt 750 000 Euro zum goldigen Jubiläum beisteuern kann.

Aus den Manufakturen in der einstmals „ersten Fabrikstadt Badens“ entwickelten sich Spezialisten für Präzisions-, Medizin- und Stanztechnologien. Alle erfreuen sich globaler Beachtung, einige haben es zum Weltmarktführer in ihrer Nische gebracht. Gefäßimplantate, Zahnspangen und Metallschläuche haben ihren Ursprung quasi im Waisenhaus. Dieser Gründung ist auch die älteste Berufsschule zu verdanken, in der seit 1768 Goldschmiede und Uhrmacher unterrichtet werden. Sie ist heute die einzige Einrichtung dieser Art in Deutschland.

Pforzheim begreift sich trotz aller Krisen und Rückschläge als „Dreh- und Angelpunkt des bundesdeutschen und internationalen Schmuckschaffens“, wie OB Hager meint. In der Stadt und ihrer Umgebung gibt es über 11 000 Stellen in diesen Branchen. Dabei schien durch die katastrophalen Zerstörungen der britischen Bomber am 23. Februar 1945 Pforzheims Vorzeigegewerbe dem Untergang geweiht. Doch die stark exportorientierte Branche kämpfte sich wieder nach oben, hatte wesentlichen Anteil am Wirtschaftswunder. Um 1970 meldeten 300 Uhrenhersteller rekordverdächtige Ergebnisse.

Kreativen Köpfen und flinken Fingern sind auch heute rund drei Viertel des in Deutschland hergestellten Schmucks zu verdanken. An der örtlichen Hochschule tüfteln die Experten des Schmucktechnologischen Instituts an neuen Verfahren. Die Fakultät für Gestaltung, berühmt für Designkompetenz und bahnbrechende Ideen, beruft sich gleichfalls auf den Anstoß des Markgrafens.

Dennoch haben sich Ruhm und Ehre der Stadt außerhalb ihrer Grenzen noch nicht überall herumgesprochen. Daran sind offenbar viele der 116 000 Einwohner schuld. Für Gert Hager ist „eines unserer Probleme, dass Pforzheimer ihre Stadt gerne selbst schlechtreden“.

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21.11.2016, 06:00 Uhr

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