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Leitartikel

Die Greta-Frage

Man darf davon ausgehen, dass Greta Thunberg selbst unheimlich ist, was da um sie herum geschieht. Sie sehe sich selbst nicht als „Ikone“, sagte die Klimaaktivistin in einem Interview, bevor sie auf ihre viel beachtete Bootsfahrt über den Atlantik aufbrach.

19.08.2019

Von ROLAND MÜLLER

Ulm. Zwar hörten viele Menschen ihr zu. „Es wäre mir aber lieber, sie würden auf die Wissenschaft hören.“

Besser kann man das Paradox um Greta Thunberg kaum auf den Punkt bringen. Warum hat es eine 16-jährige Schülerin aus Schweden gebraucht, damit die Welt wieder über Klimaschutz redet? Warum ist erst seit der von ihr inspirierten „Fridays-for-Future“-Bewegung der Kampf gegen die Erderwärmung das, was es rational betrachtet immer war: ein drängendes Problem? Wieso schafft ein Kind, was Legionen von Wissenschaftlern und Umweltpolitikern nicht gelang? Egal, welche Antwort man darauf geben mag: Sie sagt ganz sicher mehr über uns aus als über Greta Thunberg.

Deshalb sind die Reaktionen auf sie auch so extrem, ist die Rhetorik die eines Glaubenskriegs. Die einen verehren sie als „Prophetin“ des Klima-Kollaps, die den Menschen die Augen öffnet. Die anderen verunglimpfen sie und ihre „Jünger“ als verblendete Öko-Sekte, die einem Autoritarismus unter grüner Flagge das Wort reden. Thunbergs USA-Reise hat die Hass-Wellen neu hochschlagen lassen – vor allem, seit klar ist, dass für die Rückführung des Rennboots mehr Flugreisen nötig sind, als wenn sie das Flugzeug genommen hätte. Die Häme zeigt: Von einer quasi-religiösen Figur, die uns an unsere „Sünden“ erinnert, erwarten manche offenbar nichts weniger als Unfehlbarkeit.

Doch eine 16-Jährige ist eben nicht der Papst und nicht Jesus Christus. Die entgleiste Debatte zeigt die Zwiespältigkeit des Rummels um ihre Person: Einerseits brauchte es offenbar eine medienwirksame Galionsfigur, um Klimaschutz überhaupt auf der politischen Agenda nach oben zu hieven. Was Rudi Dutschke für die Studentenbewegung war, ist Thunberg für Teile der jungen Generation – und für die Medien. Personalisierung und symbolische Aktionen generieren Aufmerksamkeit; die wichtigste politische Währung der Moderne.

Doch die Fixierung auf ihre Person birgt Gefahren – weil sie eine Fülle zweckloser Neben-Debatten befeuert, die außer zu Spaltung zu nichts führen. Wenn sich die „Greta-Frage“ nur noch um sie dreht, wird der Erfolg zum Fluch. Wie oft auf ihrer Seereise der Diesel-Motor angeworfen und ein blauer Eimer als Toilette genutzt wird, ist nicht nur unerheblich. Es spielt jenen in die Hände, die Klimaschutz zum Gegenstand privaten Handelns und privater Moral erklären wollen – etwa, wenn genüsslich vorgerechnet wird, dass gerade Grünen-Politiker besonders viel fliegen.

Doch Klimaschutz ist eine politische Aufgabe, und die Politik ist in der Pflicht, Wege in eine Zukunft zu finden, die nicht mehr auf der Verbrennung fossiler Energieträger beruht. Nur darum sollte es gehen. Die Konzepte liegen übrigens schon auf dem Tisch. Deshalb: Hört nicht auf Greta – hört auf die Wissenschaft.

leitartikel@swp.de

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Erstellt:
19. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. August 2019, 06:00 Uhr

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