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Die Großkopferten am Bonatzbau
Joachim Knape nennt den Bonatz-Bau den „Zuckerbäcker-Stachel“ im modernen Architektur-Ensemble der Wilhelmstraße. Metz
Geistesgeschichte

Die Großkopferten am Bonatzbau

Was zwölf steinerne Dichter- und Denkerporträts an der Fassade der Tübinger Universitätsbibliothek erzählen – eine Bestandsaufnahme.

04.01.2017
  • Wilhelm Triebold

Sie sind die Wächter des Bonatzbaus: zwölf Geistes-Charakterköpfe der abendländischen Kultur. Studierende streben endlos an ihnen vorbei, in Richtung UB und Lesesaal – ob sie ihnen manchmal Beachtung schenken?

Im Wintersemester 2013/14 tat dies eine Ringvorlesung im Studium generale, die jetzt in überarbeiteter Buchform vorliegt (Joachim Knape/Anton Schindling: „Fassaden Botschaften“. Harrasowitz Verlag Wiesbaden). Ein informativer Sammelbeitrag zur Denkmalgeschichte und Programmatik dieser speziellen Tübinger Porträt-Galerie, die von den Herausgebern im Vorwort als „Kanon von Vertretern der europäischen Intellektualgeschichte“ und auch als „wilhelminisches Kulturerbeprogramm“ am Vorabend des Ersten Weltkriegs verstanden wird.

Welche Botschaft sendet die Fassade? Als im Jahr 1912 der neue Uni-Bibliotheksbau an der Wilhelmstraße entstand, schanzte Architekt Paul Bonatz seinem Freund Ulfert Janssen den Auftrag zu, den Aufgang zur Vestibülhalle mit einem Fries aus Gelehrtenköpfen zu verzieren. Die „karakteristischsten Köpfe aus den verschiedenen Kulturepochen“ schwebten dem Künstler vor, während hinter den Kulissen noch heftig gerungen wurde, ob dies eher bedeutende Tübinger Universitätslehrer des 19. Jahrhunderts sein sollten (wie es die Tübinger Professorenschaft präferierte) oder doch lieber die Hauptvertreter von Literatur und Wissenschaft seit der Antike.

Die Dichter zur Rechten, die Denker zur Linken: Nach einigem Gerangel musste auf Seiten der Dichtkunst schließlich noch Walter von der Vogelweide dem Tübinger Platzhirsch Ludwig Uhland weichen und auf der anderen Seite der honorige Alexander von Humboldt dem eisernen Pickelhauben-Kanzler Otto von Bismarck. Der Grund: der Staatsminister des Kirchen- und Schulwesen intervenierte höchstpersönlich, um mit Bismarck den „größten Staatsmann der Neuzeit“, wie der Minister meinte, durchzudrücken. Notfalls auf dem Ticket der Gelehrten.

Dort sind außer Bismarck (hier mal linksaußen!) die Herren Kant, Leibniz, Luther, Leonardo da Vinci und Platon versammelt. Dagegen sonnt sich Paulskirchen-Rebell Uhland (wenn halt dann rechtsaußen) ganz im Glanz der hohen Dichter-Schule von Homer über Dante, Shakespeare, Goethe und Schiller (der übrigens nicht nur hier im Bild, sondern auch im Buch vermisst wird). So eine illustre Gesellschaft hat Uhland, abgesehen von Cotta, jedenfalls an der Tübinger Rathausfassade nicht.

Zwölf Apostel, zwölf Geschworene, zwölf Fallbeispiele: Im Sammelband führt erst einmal der Landesgeschichtler und Alt-Kulturamtsleiter Wilfried Setzler profund ins Thema ein, bevor sich hiesige Uni-Koryphäen den einzelnen Medaillons zuwenden. Dass die Porträtierten dann oft genug nichts mit dem berühmten genius loci Tübingens zu schaffen haben, liegt auf der Hand. Kant kam aus Königsberg nie heraus, Bismarck wohl auch nicht bis nach Tübingen. Von den alten Griechen und den mittelalten Italienern ganz zu schweigen. Immerhin, es bleibt eine anregende Lektüre, die auch kritisch hinterfragt – oder einfach nur (mit Autor Ewald Frie) nachfragt: „Wenn Bismarck falsch ist – wer wäre der Richtige?“

Vielleicht Melanchthon, möchte man rufen. Anstelle des Reformators Luther lieber der humanistische Uni-Reformer mit Tübingen-Vergangenheit. Sergiusz Michalski beleuchtet in einem gewohnt kundig-fundierten Beitrag über das Leonardo-Bildnis das „hochpolitische Umfeld der Dekoration des Bonatzbaus“: Der Erste Weltkrieg ist nicht mehr so fern, und so findet etwa „kein Vertreter der Kultur und der Kunst des französischen Erbfeindes“ Eingang in die Ahnengalerie der abendländischen Großkopferten. Kein Spanier (Cervantes!), kein Russe, immerhin ein Brite. An Shakespeare kommt man eben nicht vorbei.

Und doch ist es keine deutsch-nationale Selbstvergewisserung, die da mehr oder minder streng von der Bonatzbau-Fassade blickt. Die Einweihung des neuen Gebäudes im November 1912 wurde, so ist es überliefert, „ein rundum gelungenes Fest“. Leider hatte man vergessen, dazu auch die Universitätsbibliothekare einzuladen.

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04.01.2017, 01:00 Uhr

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