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Auf den Weg gemacht

Die Gutenachtgeschichte unterwegs des TAGBLATTs hatte ihren Sessel in Börstingen aufgestellt

Zu einem milden und lauschigen Wohlfühlabend wurde das Vorlesen der TAGBLATT-Reihe „Gutenachtgeschichte unterwegs“ am Donnerstagabend auf dem Dorfplatz vorm Börstinger Rathaus. Knapp siebzig Leute genossen ihn.

30.08.2014
  • Gert Fleischer

Börstingen. Mit dem Förderverein Heimat und Kultur in Börstingen hatten das TAGBLATT und die Buchhandlung Osiander als Veranstalter einen zupackenden Partner vor Ort. Die Vereinsvorsitzende Monika Laufenberg moderierte mit dem Können der professionellen Landschaftsführerin, die Vereinsmitglieder begegneten Hunger und Durst mit einem kernigen Abendmahl: Schmalzbrot, Brezeln und Laugenwecken, dazu Bier und Mostbowle.

Die Mostbowle hatte einen ganz eigenen Charakter. Dafür hatte Vereinskassier Klaus Warnke gesorgt. Der 68-Jährige mischt Most, süßen Sprudel und Sekt mit etwas Zucker und einer gehörigen Menge kleingeschnittenem Ananas. Ein Schuss Rum, 54-prozentig, kommt dazu. Zwei Tage lang war die Mostbowle gezogen und hatte einen vollreifen Körper entwickelt.

Ein Bläserquartett der Musikkapelle Börstingen – zwei Posaunen, Tenorhorn, Basstuba – eröffnete den Abend mit einem jazzig angehauchten Stück. Monika Laufenberg stellte die erste Leserin vor: Katja Lohmiller las aus dem autobiografischen Roman „Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls. Es geht um eine arme Familie: Ein Vater, der vieles kann, den Kindern noch mehr verspricht, aber der bei der Arbeit nicht durchhält und auch gern trinkt. Die Mutter, eine verhinderte Künstlerin, sei, wie es Laufenberg formulierte, „von erschreckender Gelassenheit den Kinder gegenüber“. Die Eltern machten auf Weltrevolution und Konsumverzicht und ernährten sich aus Müllcontainern.

Lohmiller machte das Buch neugierig, weil die Familie, wie sie sagte, in katastrophalen Wohnverhältnissen lebte, immer weiter zog, wenn sich die unbezahlten Rechnungen türmten, weil die Eltern aber ihren Kindern nicht nur viel zugemutet, sondern auch viel zugetraut haben. Die vier Kinder im Roman schaffen den bürgerlichen Aufstieg, die Eltern bleiben unten.

Michael Dietz, ein Marathonläufer, las aus einem Buch, in dem es ebenfalls um einen langen Weg geht: Hape Kerkeling, „Ich bin dann mal weg“. Der Komiker beschreibt den Jakobsweg, den er ein Stück gepilgert ist. Wenigstens die letzten 100 Kilometer sollte gelaufen sein, wer sich Jakobsweg-Pilger nennen will, oder 200 Kilometer mit dem Rad gefahren. Die Stempelstellen seien ohnehin nur zu Fuß oder per Rad zu erreichen.

Kerkeling ging los, nachdem er mehrere Anzeichen der körperlichen Überlastung ignoriert hatte. „Die bekennende Couch-Potatoe geht auf Wanderschaft“, schrieb er auf. Nicht den klassischen Pilgern schloss er sich an, er suchte die Sonderlinge.

Den Jakobsweg schweigend und ohne jeden Gedanke zu laufen, das könne er nur jedem empfehlen, las Michael Dietz vor. „Irgendwann muss jeder auf dem Weg weinen. Früher oder später erschüttert dieser Weg jeden in seinen Grundfesten.“ Ihn, Kerkeling, auch. Er habe seine Begegnung mit Gott erlebt.

Moderatorin Laufenberg fasste zusammen, was sie aus den beiden Buchpassagen mitnehme: „Es ist wichtig, sich auf den Weg zu machen und die Veränderungen in sich festzustellen.“ Sie freue sich immer, so Laufenberg, „wenn die Kultur nach Börstingen kommt, wenn wir nicht in die großen Städte fahren müssen.“ Laufenberg selbst kommt aus einer sehr großen Stadt, aus der Millionenstadt Köln.

Die Abendsonne, die die Fassade von Schloss Weitenburg leuchtend orange gefärbt hatte, war untergegangen. Der Spendenhut brachte 170 Euro ein, die an die Musikkapelle gehen für die Jugendarbeit. Das Bläserquartett spielte „In einem kühlen Grunde“, das Börstinger Heimatlied und „Ade zur guten Nacht“.

Die Gutenachtgeschichte unterwegs des TAGBLATTs hatte ihren Sessel in Börstingen aufgestellt
Gladiolen, Kerzenlicht und dazwischen der Sessel der Gutenachtgeschichte auf dem Börstinger Dorfplatz. Katja Lohmiller liest, hinten macht das Bläserquartett der örtlichen Musikkapelle Pause. Bild: Fleischer

Die Gutenachtgeschichte unterwegs des TAGBLATTs hatte ihren Sessel in Börstingen aufgestellt

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30.08.2014, 12:00 Uhr

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