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Wenn Männer lesen

Die Gutenachtgeschichte wanderte von Berlin ins Vorkriegs-Jugoslawien

Nach dem weiblichen Doppel zum Auftakt der TAGBLATT- Gutenachtgeschichte wechselten sich am Freitagabend zwei Männer auf dem Lesesessel hinter der Stiftskirche ab. Hans Kamps und Harald Kersten präsentierten den etwa 110 Zuhörern zwei Lieblingsbücher.

27.07.2014
  • Dorothee Hermann

Tübingen. Die Gutenachtgeschichte hat es an sich, dass nicht nur die ausgewählten Bücher, sondern auch ihre Vorleser dem Publikum näher rücken. Der nüchtern-beharrliche Blick auf die Welt, der den Gerichtsgeschichten des Berliner Juristen Ferdinand von Schirach die Lakonie und die unerwarteten Wendungen einträgt, dürfte auch seinem Vorleser und Kollegen Hans Kamps vertraut sein. „Er ist ein Reigschmeckter. Er ist erst seit 33 Jahren Tübinger“, verriet Hermann-Arndt Riethmüller, Seniorchef der Buchhandlung Osiander. Denn Kamps, langjähriger Geschäftsführer der Bezirksärztekammer Südwürttemberg, steuerte Tübingen erst nach seinem Jurastudium in Münster an – weil hier der Medizinrechtler Helmut Narr wirkte. An der hiesigen Uni hatte der 64-Jährige einen Lehrauftrag für ärztliches Berufsrecht. Seine Dissertation befasste sich einst mit „Ärztlicher Arbeitsteilung und strafrechtlichem Fahrlässigkeitsdelikt“.

Vom Kriminalgericht zum Café

Im Erzählungszyklus „Schuld“ widmet sich der Strafverteidiger von Schirach Menschen, die überwältigt werden von etwas, das stärker ist als sie – oder die sich selbst auszuliefern scheinen. Da sucht eine Wohlsituierte den Thrill des Klauens – und kommt vor Gericht davon, weil sie sich bisher nie etwas zuschulden kommen ließ. Ein anderer gerät in eine kafkaesk anmutende Maschinerie, weil er nicht damit rechnet, dass Fristen, Ämter und Versäumnisse empfind liche justiziable Verantwortlichkeiten anhäufen können. Drumherum werden Berliner Schauplätze wie das Kriminalgericht Moabit anschaulich, mit 1300 Untersuchungshäftlingen aus zahlreichen Nationen und täglich mehr als 1000 Besuchern, Zeugen und Prozessbeteiligten. Sonniger wirkt ein Café in Charlottenburg, doch dessen Inhaber hat ein erstes Leben hinter sich, das durch eine falsche Anschuldigung zerstört worden war.

Für die zweite Hälfte des Abends wählte der Dozent Harald Kersten den Roman „Wie der Soldat das Grammophon reparierte“ von Sasa Stanisic. Das Buch blickt aus Kinderperspektive auf das Vorkriegs-Jugoslawien. Der Junge Aleksandar, der autobiografische Züge seines Autors trägt, bewegt sich in einem verwickelten Familiengeflecht zwischen markanten Onkel-, Tanten-, Großvater- und Urgroßvaterfiguren. „Ich bin hier der Pflichtinklusionsbeitrag“, scherzte der stark sehbehinderte Vorleser, der sich jedes Buch ganz nah vor die Augen halten muss. Moderator Ulrich Janßen war beeindruckt, dass Kersten trotz seiner Sehschwäche „so ein großer Leser geworden ist“.

Info: Die nächste Station der Gutenachtgeschichte ist Kusterdingen. Am Donnerstag, 31. Juli, im Klosterhofgarten, mit Wolfgang Kienzle als special guest. Bewirtung: Förderverein Klosterhof.

Die Gutenachtgeschichte wanderte von Berlin ins Vorkriegs-Jugoslawien
Mit den juristisch gefärbten Berlin-Ansichten von Ferdinand von Schirach eröffnete der Medizinrechtler Hans Kamps (im Ledersessel) die TAGBLATT-Gutenachtgeschichte am Freitagabend hinter der Stiftskirche.Bild:Metz

Ermuntert von Gutenachtgeschichten-Moderator Ulrich Janßen, äußerten die Zuhörer am Freitagabend allerlei Verbesserungsvorschläge für ihre Stadt. Der stellvertretende TAGBLATT-Chefredakteur meinte, die nahende Oberbürgermeisterwahl sei ein guter Zeitpunkt für Wünsche. Daraufhin regnete es solche geradezu: Tübingen solle lieber „klein und fein bleiben“, sagte eine Zuhörerin bei der Stiftskirche. Ein weiterer hätte gern mehr Fahrradstraßen. Straßen „lieber glatt als gepflastert“ wünschte sich eine dritte. „Bezahlbare Mieten“ wurden genannt, „angemessene Toiletten“ in der Altstadt sowie eine schallgedämpfte Straßenkehrmaschine.

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27.07.2014, 12:00 Uhr

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