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Im Einsatz gegen die Gewöhnung

Die Hackerin Constanze Kurz sprach über das Leben in der Überwachungsgesellschaft

Wie, wo und von wem jeder Einzelne überwacht wird oder werden kann, ist ein komplexes Thema – es handelt von NSA und BND, von Prism und Auroragold, von gehackten Unterseekabeln und Bewegungsprofilen. Mit Constanze Kurz brachte eine der besten Kennerinnen auf diesem Gebiet etwas Ordnung in das Chaos. Bei den 250 Zuhörern blieb vor allem ein beklemmendes Gefühl.

17.12.2014
  • Fabian Renz

Tübingen. „Aus technischer Perspektive ist die Überwachungsgesellschaft natürlich schon da“, sagte Constanze Kurz gleich zu Beginn ihrer Ausführungen – und versorgte das vornehmlich junge Publikum im Kupferbau dann 45 Minuten lang mit teils schwer verständlichen technischen Erläuterungen rund um das Thema Überwachung. Ihre beklemmende Wirkung verfehlten ihre Worte dennoch nicht.

Die Referentin weiß, wovon sie spricht: Constanze Kurz ist Informatikerin, Hackerin, Sprecherin des Chaos Computer Clubs und Autorin mehrerer Bücher. Sie war Sachverständige des Bundestags und des Bundesverfassungsgerichts in Fragen des Datenschutzes und der digitalen Gesellschaft. 2013 erhielt die 40-Jährige die Theodor-Heuss-Medaille „für ihr vorbildliches demokratisches Verhalten“, im Februar stellte sie Strafanzeige gegen die Bundesregierung – wegen deren mutmaßlicher Beteiligung an den durch Edward Snowden enthüllten Überwachungspraktiken des amerikanischen Geheimdienstes NSA.

Bei so viel Expertise überrascht es nicht, dass im Hörsaal 22 des Kupferbaus kein Platz mehr frei war, als Kurz am Montag auf Einladung der Tübinger Medienwissenschaft sprach. Das Thema ihres Vortrags lautete: „Nach Snowden. Vom Leben in der Überwachungsgesellschaft.“

Von Verbindungs- und Verkehrsdaten war da die Rede, mit denen sich ein „fast vollständiger Kommunikations- und Sozialgraph der westlichen Welt“ zeichnen lässt. Von Abhör-Equipment, das amerikanische und britische Geheimdienste an 200 Unterseekabeln angebracht haben. Oder von den jüngsten Veröffentlichungen zum Programm Auroragold, in dem die NSA Mobilfunkdaten auf der ganzen Welt gesammelt haben soll. Mit diesen ließen sich auch Bewegungsprofile erstellen, sagte Kurz – und warf ihr eigenes prompt an die Wand. „Alle Wege der Kommunikation, die man sich denken kann, wurden schon angegriffen“, konstatierte die Informatikerin.

Die Privatsphäre sei aber gar nicht das Schlimmste: Bei Drohnenangriffen, die auch mithilfe von Mobilfunkdaten durchgeführt wurden, seien in Pakistan durch die USA drei deutsche Staatsbürger getötet worden – ohne dass je Anklage erhoben worden sei. Hinzu komme noch die Wirtschaftsspionage, die das eigentliche Ziel der meisten Überwachungsmaßnahmen sei.

Trotz aller Skandale erkenne sie bei den Menschen keine zunehmende Empörung, beklagte Kurz. Und das, obwohl die Reihe der Skandale noch nicht beendet sei: „Ein paar Klopper kommen noch. Die Frage ist aber, ob sich dann überhaupt nochmal eine Entrüstung einstellt“, sagte sie. Es gebe nun mal ein gewisses Gewöhnungslevel, „nach dem Motto: Ah, das auch noch“.

Für Kurz ist das der falsche Weg. Sie wolle sich weiter entrüsten, anklagen, aufklären. „Ich sehe überhaupt keine Alternative dazu. Wir können uns mit dieser Überwachung nicht abfinden.“ Eine der vielen interessanten Fragen nach dem Vortrag zielte auf die „Post- Privacy“-Bewegung, die ein Ende der Privatheit propagiert. „In so einer Gesellschaft möchte ich nicht leben“, sagte Kurz dazu. „Allein schon, weil ich einiges zu verbergen habe.“

Der Großteil ihrer Kommunikation sei verschlüsselt, berichtete die Hackerin. Auch für Laien gebe es genügend Möglichkeiten, sich zu schützen. „Es ist ja nicht so, dass man sich zu diesem Thema nicht informieren kann“, sagte sie ganz am Ende der Veranstaltung. Und rief unter Begeisterungspfiffen noch: „Das ist ein Aufruf!“

Die engagierte Informatikerin selbst hat ihren nächsten Versuch, etwas zu bewirken, schon unternommen: Beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hat sie Klage eingereicht – gegen die Regierung Großbritanniens.

Die Hackerin Constanze Kurz sprach über das Leben in der Überwachungsgesellschaft
Constanze Kurz Bild: Sommer

Constanze Kurz ist eine von mehreren Sprechern des Chaos Computer Clubs (CCC), einem1981 gegründeten Zusammenschluss von Hackern mit Sitz in Hamburg. Seit 1986 ist der CCC ein eingetragener Verein. Er ist, so die Eigenbeschreibung in der Vereinssatzung, „eine galaktische Gemeinschaft von Lebewesen, die sich grenzüberschreitend für Informationsfreiheit einsetzt“. Ziel ist insbesondere, das Wissen um Technologien zu fördern und auf Sicherheitslücken hinzuweisen. Mit mehr als 3600 Mitgliedern ist der CCC die größte organisierte Hackervereinigung Europas.

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17.12.2014, 12:00 Uhr

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