Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Wie Frauen in Wankheim zu Zeiten der Industrialisierung lebten und arbeiteten

Die Heldinnen des Dorfalltags

Einmal Wankheimerin, immer Wankheimerin, das gilt für fast alle Frauen, die in der Zeit der Industrialisierung in Wankheim geboren wurden. Als Fabrikarbeiterinnen, Dienstmädchen oder Marktfrauen kamen sie schon mal aus dem Flecken heraus, aber sonst spielte sich ihr Leben vornehmlich im Dorf ab. Geheiratet wurde innerhalb oder im Umkreis des Dorfes. Und gestorben wurde auch hier.

27.05.2011

Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts wuchsen Mädchen in Wankheim in klar geregelten Verhältnissen auf. Der Tag war reich an Arbeit in Haus und Landwirtschaft. In die Schule gingen sie sieben oder acht Jahre lang, eine weiterführende Schule in Tübingen kam für die Mädchen jedenfalls nicht in Frage. Zwischen Schule und Heirat arbeiteten die jungen Frauen in der Fabrik oder als Dienstmädchen in der Stadt. Geheiratet wurde nicht, wo die Liebe hinfiel, sondern wo „s’Sach zom Sach ond s’Äckerle zom Äckerle“ passte. Wirtschaftliche und soziale Überlegungen schmiedeten die Ehen.

Erst mit historischem Abstand weiß man die Leistung der Frauen auf dem Dorf wirklich zu würdigen. Sie waren die „Heldinnen des Alltags“, sagt Heimatforscher Herbert Raisch. Die Selbstverständlichkeiten von einst will er nun in dem Heimatbuch „900 Jahre Wankheim“ in ein neues Licht rücken. Heute wird der dicke Bildband, der zum Preis von 20 Euro angeboten wird, um 19.30 Uhr in der Wankheimer Jakobuskirche vorgestellt.

Auch ledige Frauen waren der Familie nützlich

In Wankheim war die Ortsbezogenheit noch stärker entwickelt als in den anderen Härtengemeinden. Nicht zuletzt hängt sie mit der religiösen Ausrichtung einiger alteingesessener Wankheimer Bauernfamilien zusammen. Hier gab und gibt es die nicht sehr verbreitete Pregizer-Gemeinde, eine pietistische Glaubensgemeinschaft, die mit einer eigenen Bibelfassung arbeitet und regelmäßig „die Stund’“ abhält. Die Pregizer blieben und heirateten unter sich.

Die „relative Abgeschlossenheit des Ortes“ interessierte auch Iris-Patricia Laudacher, als sie 1990 mit ihrer Untersuchung über Frauen in Wankheim begann. Die Historikerin war zunächst vom Tübinger Kulturamt beauftragt worden, den Nachlass der kinderlosen Agnes Renz durchzuschauen und zu ordnen. Dieser war nach dem Tod der 79-Jährigen im Jahre 1989 an die Stadt Tübingen gefallen. Ihre Habseligkeiten und schriftlichen Hinterlassenschaften waren in gutem Zustand.

Der sorgfältige Umgang mit den Sachen und die pietistische Aufbewahr-Mentalität der Familie Renz, kam der Historikerin entgegen. Sie dehnte ihre Untersuchung um weitere Familien im Ort aus, machte zu Beginn der 90er Jahre Interviews mit vielen, heute verstorbenen Wankheimerinnen und präsentierte die Ergebnisse ihrer historischen Recherche als Dissertation. „Frauen in Wankheim, 1880 bis 1950. Der Wandel des Geschlechterverhältnisses in der Zeit der Industrialisierung“ erschien 1995.

Agnes Renz und ihre beiden Schwestern waren ledig geblieben. Das war nicht gerade das, was sich junge Dorfbewohnerinnen von ihrem Leben wünschten. Doch auch ledige Frauen waren durchaus nützlich für die Familie, sie packten zu Hause mit an und versorgten im Alter die Eltern.

Dass sich Frauen, mit und ohne Kinder, alleine durchschlagen mussten, war nach dem Ersten und erst recht dem Zweiten Weltkrieg keine Seltenheit. Immer noch präsent sind die Bilder von Schlepper fahrenden Bäuerinnen und andere Alltagsszenen, in denen die Landfrauen ihren Mann stehen mussten. Für die Forscherin stellte sich die Frage, ob es überhaupt in Zeiten des gesellschaftlichen, industriellen und politischen Umbruchs eine „Normalbiografie“ von Frauen auf dem Dorf gab und wie stark der Wandel der Außenwelt sich im geregelten Dorfleben abzeichnete.

Die Anfänge der Industrialisierung liegen in Wankheim rund 20 bis 30 Jahre später als andernorts, auch später als in den anderen Härtendörfern, betont Laudacher. Das hängt auch von den geografischen Bedingungen des Ortes ab. Von Wankheim aus war der Weg in eine der Reutlinger Fabriken sehr weit. Noch in den zwanziger Jahren gab es Frauen, die ihn zu Fuß zurücklegten. Teilweise wird auch von Radfahrten berichtet, allerdings verbunden mit der Klage, dass man dann umso früher zum Anpacken zu Hause ist. Da der Weg zur Arbeit so weit war, „kam die Fabrik zu ihren Arbeiterinnen“, wie Laudacher sagt. 1901 wurde eine Filiale der Reutlinger Näherei Gustav Lamparter in der Nähe des Mähringer Bahnhofs eröffnet, später gab es auch ein „Fabrikle“ in Wankheim.

Für die Mädchen oder Frauen hatte die Arbeit in der Textilfabrik vor allem einen Grund: „Sie mussten sich“, so Laudacher, „ihre Aussteuer verdienen.“ Über die Aussteuer wurde in den Familien akkurat Buch geführt und der Wert der Gegenstände auf Heller und Pfennig aufgeschrieben. Die Mutter von Agnes Renz, die 1905 getraut worden war, hatte ihre Aussteuer in einem blauen Schulheft aufgelistet. Was sie mit in die Ehe brachte, waren: zwei Bettladen à 18 Mark, zwei Bettrostrahmen à 4,50 Mark, ein Kleiderkasten (36 Mark), ein Weißzeugkasten mit Aufsatz (41 Mark), ein Nudelbrett (4 Mark), ein Schlüsselbrett (6 Mark), eine tannene Wasserbank (4,38 Mark), sowie eine Nähmaschine des Modells ,Afrana-Media‘ der Firma Bisoll und Locke im Wert von 105 Mark. Hinzu kam noch Stoff im Wert von rund 145 Mark. Wem es übrigens nicht möglich war, einen Gegenstand bis zur Hochzeit beizubringen, konnte ihn auch nachträglich noch ergänzend vermerken.

Die mechanische Nähmaschine begann sich von 1900 an im Dorf als Aussteuer-Standard durchzusetzen, zumal die Maschine auch außerordentlich nützlich bei der Herstellung von Bettwäsche und anderen Aussteuer-Teilen war. Mit der Nähmaschine eröffneten sich ebenfalls neue Möglichkeiten der Bekleidung. Jedenfalls kamen zuerst die Kinder in den Genuss, andere Kleider als Trachten zu tragen. Die Tracht in ihrer Alltagsversion war gar nicht gut gelitten. Laudacher hörte einige Frauen über die Schwere der Röcke und die kratzigen Strümpfe klagen, die sommers wie winters getragen wurden. Auch farblich hatte die Alltagskleidung nichts zu bieten. „Wenn man verheiratet war, war alles ziemlich grauschwarz.“

Vielleicht sogar „Gschwistrich Kender“

Dass die Ehe als gegenseitiges Geschäft verstanden wurde, ist keine Wankheimer Eigenart. Wegen der Realteilung wurde sehr darauf geachtet, dass der Landbesitz nicht allzu zersplittert wurde. Wer konnte angesichts solcher wirtschaftlichen Erwägungen groß nach Neigung fragen? Nicht umsonst ist die Liebesheirat eine späte bürgerliche Erfindung. Die vorehelichen Anbahnungsgeschäfte gingen in Wankheim sogar so weit, dass eine Mutter im Jahr 1895 ihrem künftigen Schwiegersohn versprach, falls ihre Tochter sterbe, bevor sie für Nachkommen gesorgt habe, bekomme er von ihr 5000 Mark nachgereicht. Nach dem Tod eines Ehepartners wurde das Erbe auf komplizierte Weise zwischen Herkunftsfamilie, Ehepartner und Nachkommen verrechnet.

In Wankheim, dies erfuhr Laudacher im Laufe ihrer Recherchen, gab es drei geschlossene Heiratskreise. Da waren die Bauern mit großen Landbesitz, die in der Pregizer-Gemeinschaft zusammenkamen, dann die kleineren Bauern und Handwerker, die sich in einer altpietistischen Gemeinde trafen und außerdem noch die Taglöhner. Dass ein Taglöhner durch Heirat in einen Handwerksbetrieb aufstieg, „das kam nicht vor“. Viel eher heirateten nahe Verwandte. Sogar „Gschwistrich Kender“ sollen miteinander getraut worden sein, das behauptet jedoch eine aus dem Schwarzwald Zugezogene mit möglicherweise böser Zunge.

Die Welt war eng und blieb es auch, nachdem Mähringen im ersten Jahr des 20. Jahrhunderts an das Eisenbahnnetz angeschlossen worden war. Man ging dennoch viel zu Fuß oder fuhr mit dem Fuhrwerk in die Städte. Viele Bäuerinnen packten ihre Körbe mit Eiern, Rettich und anderen Früchten ihrer Arbeit voll, trugen sie zu Fuß nach Tübingen und verkauften sie auf dem Wochenmarkt. Stuttgart war weit weg. Da kam man vielleicht mit 21 Jahren mal hin, wie von der 1906 geborenen Tochter eines Waldschützen berichtet wird. Das Sehnsuchtsziel Vieler war „der Hohenzollern“. Obwohl täglich vor Augen, blieb es doch in unerreichbarer Ferne. Beim Konfirmandenausflug ergab sich am ehesten ein Besuch der Burg.

Agnes Renz und ihre Schwestern verließen die enge Wankheimer Welt zwar schon früh, indem sie in der Stadt als Dienstmädchen oder in der Fabrik arbeiteten, aber eine Zukunft eröffnete sich ihnen damit nicht. Laudacher sieht in dieser Frauengeneration einen ersten Zielkonflikt zwischen bürgerlich-städtischen und dörflichen Wertvorstellungen aufkommen. Die Aussteuer hatte zwar jede von ihnen beisammen, aber weder eine Ehe außerhalb der Wankheimer Heiratskreise, noch eine Fortsetzung des Alltags ihrer Mutter mit ihrer extremen Belastung war ihnen möglich.

Die Heldinnen des Dorfalltags
Krumm geschafft und bis ins hohe Alter immer geackert – das Leben in Wankheim war arbeitsreich.Bild: Grohe

Die Heldinnen des Dorfalltags
I.-P. Laudacher Privatbild

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

27.05.2011, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball