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Erlebte Stadtteil-Geschichte an Leinen

Die Initiative lebenswerte Oststadt lud in die Planie

Einen Spaziergang der besonderen Art konnte man am Sonntag in der Planie machen: Die Besucher waren im Wortsinn aufgerufen, sich in der Geschichte der Oststadt zu ergehen.

06.07.2009
  • Thea Koss

Reutlingen. Die Oststadt war das erste geplante Quartier Reutlingens. Nachdem die Kernstadt im Jahr 1803 württembergisch wurde, hielten die Stadtväter die Stadtmauer für obsolet – und rissen sie kurzerhand ab. 1842 entstand, wo früher nur Wiesen und Sümpfe waren, als erstes die Gartenstraße, 1892 die Kaiserstraße.

Von Beginn an war die Planie als Flaniermeile mit Stadtanbindung geplant. Stadtführer Sven Föll glaubt, dass dazu an die Erweiterung der Speyerhofstraße gedacht war. Dazu kam es allerdings nie: „Nun haben wir damit die engste Straße der Welt!“ Und die Oststadt ist nach wie vor abgetrennt vom Kern. Mit Ausnahme der Burgstraße wurden alle Straßenzüge rechtwinklig angeordnet.

Die Villen aus der Gründerzeit sind einzigartig, und ihre Besitzer holten die Arbeiter in die Nachbarschaft. Ursprünglich sollte die Oststadt ein reines Wohngebiet sein, doch das änderte sich. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Reutlingen mit dem Eisenbahnbau zur Industriestadt, und in der Oststadt entstanden viele Fabriken. „Leben und arbeiten war miteinander verknüpft“, erzählt Föll. Das ging von 1900 bis zum 1. Weltkrieg und fand eine Fortsetzung in den 20er Jahren: „Dann war’s im Prinzip rum!“

Aus dieser Zeit haben die Initiatoren des Zeitspaziergang-Projekts, die „Initiative lebenswerte Oststadt“ (ILOS) und Bewohner/innen der Oststadt, zahlreiche Dokumente und Zeugnisse herbeigeschafft und an Wäscheleinen in der Planie gehängt. Es geht um „Dr. Lahmanns“ Baumwoll-Hemdhose, um die Einweihung der Höheren Mädchenschule (des heutigen Isolde-Kurz-Gymnasiums 1896), um die 1909 entstandene Apotheke am Burgplatz und um Cabrios in den Zwanzigern.

Das sind, sagt Föll, die Ereignisse, die man nachlesen und nachschlagen kann. Die Besonderheit des Zeitspaziergangs liegt jedoch in den Erinnerungen der Zeitzeugen, in den Geschichten der Bewohner/innen dieses Stadtteils, in kleinen und großen Erlebnissen. Ihr zentrales Thema, das fällt beim Durchgang auf, ist der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit.

Werner Wunderlich erzählt hier vom Bombenangriff am 1. März 1945 und dem Einmarsch der Franzosen, Ursula Schmidt weiß noch, wie ein blaues Kleid mit weißen Kleeblättern die Mutter vor den Marokkanern schützte, und Föll erklärt, Oskar Kalbfell habe damals auf die Eröffnung eines Bordells gedrängt, um die Frauen vor Vergewaltigung zu schützen.

Aber es gab auch Schönes: den Europäischen Lauf zur Motorradmeisterschaft 1948, Schlittschuhfahren auf dem Eislaufplatz 1951 und die Auferstehung einer unzensierten Kunstszene, etwa der „Telegrammgruppe 1954“. Eine, die viele Zeugnisse aus einem ihrem Leben ablegte, ist die Künstlerin Ilse Winkler. Sie erzählt vom Gartenhaus, in dem sie Klavierunterricht gab und wie sie schließlich Gildemeisterin im Puppenbau wurde – ein Handwerk, in das sie die Besucher am Sonntag einführte.

Die Geschichten vom „Dr. Frosch“, eigentlich Prof. Herbert Winkler und Vater der Puppenmacherin, las Sibylle Höf. Und weil weit mehr Fotos und Dokumente zusammengetragen wurden, als im Rundgang gezeigt werden konnten, präsentierte Matthias Böning das Material in einer Videoschau.

Je näher die Gegenwart rückt, desto weniger werden allerdings die Zeugnisse. Man erinnert noch die Schülerstreiks vor dem IKG und das Freie Kinderhaus in den 70ern, die Kneipe „Ritter“ und Südwestmetall, aber ab dem Jahr 2000 gibt es keinerlei Geschichten mehr. Warum? „Weil die Leute denken, dass es noch keine Geschichte ist“, sagt Föll. Aber: „Geschichte passiert jeden Tag, jede Stunde, jede Minute.“

Deshalb ist das Projekt auch noch nicht zu Ende. Bis zum Herbst möchte ILOS – laut Initiatorin Rosemarie Herrmann – einen erweiterten Katalog zur Ausstellung herausgeben. Es besteht für interessierte Bürger noch die Möglichkeit, den Zeitspaziergang durch neue Geschichten und Dokumente zu erweitern.

Die Initiative lebenswerte Oststadt lud in die Planie
Der Oststadt-„Zeitspaziergang“ hatte gestern zeitweise unter dem Regenwetter zu leiden. Auf dem historischen Bild oben ist Einweihung der Höheren Mädchenschule im Jahr 1896 zu sehen.

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06.07.2009, 12:00 Uhr

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