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Kommentar · Tübus

Die Inklusion der Busverächter

Busfahren ist nicht leicht. Jedenfalls nicht für jeden. Da gibt es Autofahrer, die einfach nicht wissen, dass man Busse benutzen kann. Woher auch?

23.08.2015
  • Ulla Steuernagel

Niemand hat es ihnen gesagt. Oder hat es ihnen bisher nicht so gesagt, dass sie es auch verstehen. Und schlimmer noch, gezeigt, wie das geht: An einer Haltestelle stehen, die Abfahrtszeiten in Erfahrung bringen, ein Ticket kaufen und das womöglich alles auf einmal. Wie viel leichter ist es doch, ins Auto zu steigen, widerwillig den Ampelfarben zu gehorchen und ein Parkhaus anzusteuern.

Ein solches Verständnis-Defizit wird auch ein „TüBus umsonst“-Ticket nicht wettmachen können, denn dann sind diese Autofahrer auch noch darüber sauer, dass sie das blöde Busfahren mitfinanzieren sollen und fühlen sich debattentechnisch nicht vor ihrem Haus abgeholt.

Man sollte sich mehr Gedanken über ihre Inklusion machen. Denn viele der passionierten Fahrer (in diesem Fall völlig geschlechtsneutral) müssen erst einmal angelockt werden, damit sie in Zukunft ihren Alltag immer öfter mit einem Bus teilen.

Klar ist jeder Autobesitzer auf sein Auto angewiesen und leidet unter den schlechten Taktzeiten der Busse. Viele Lustnauer leiden extrem darunter, dass die Busse nur alle siebeneinhalb Minuten in die Stadt fahren. Sie litten auch beim Zwei-Minuten-Takt und sie litten wohl selbst noch bei kostenlosem Angebot. Sie litten aber völlig zu Recht, wenn sie gegenüber einem Kontrolleur ausweislich belegen müssten, dass sie wohnhafte Tübinger/innen und somit ausgewiesene Umsonstfahrer sind, während Nicht-Tübinger den Preis der eigenen Fremdheit zahlen müssen.

Die Vorstellung von einem Utopia ist schön, in dem die Busse jeden ohne lange Warterei, sanft und kostenlos durch die Stadt tragen, in dem die Menschen erst ihre Autos abschaffen und dann ihre Carports zu Partyzonen umwandeln. Aber ein solcher Traum lässt sich weder per Dekret noch per Bürgerentscheid verwirklichen. Und niemand kann einen Umsonstbus wollen, der nicht zugleich auch sozial verträglich finanziert wird.

Den meisten Pendlern nützt ein Umsonstbus wenig, weil sie keine Tübinger sind und weil der öffentliche Nahverkehr ihnen nicht entfernt den Komfort einer Anfahrt im Auto bietet. Man muss viel mehr darüber nachdenken, wie man all die Tübinger in die Busse bekommt, die sich locker Monatskarten leisten könnten, es aber nicht tun. Sie klagen zwar über hohe Parkgebühren, aber sie zahlen sie trotzdem.

Dass die Buspreise einer Inklusion von Autofahrern oder Busverächtern im Weg stehen, erscheint also eher unwahrscheinlich. Vielleicht reizt sie ihre an den Spritpreisen geschulte Sparsamkeit. Außer mit tiefer gelegten Monatspreisen für alle – und vor allem für Schüler – lockt man neue Kunden zum Beispiel mit günstigen Einstiegsangeboten, mit verbilligten Ferientickets, Familientickets oder auch mit Umsonstabenden, wie sie der SPD vorschweben. Der Wille zum Bus muss reifen, er entsteht nicht allein aus guten Taktzeiten und schwäbischem Geiz. Man muss da auch mit psychologischen Mitteln arbeiten, der Umsonstbus ist nicht die Lösung des Problems.

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23.08.2015, 12:00 Uhr

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