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Die Entdeckung der Pünktlichkeit

Die Kontrolluhr veränderte nicht nur das Leben der Nachtwächter

HORB. Der amerikanische Wissenschaftler Lewis Mumford konstatierte 1934, dass die Uhr und nicht die Dampfmaschine die wichtigste Maschine des Industriezeitalters sei. Heinrich Raible, der zweite Vorsitzende des Kultur- und Museumsvereins, hat für die vom Verein veranstalteten Nachtwächterumgänge verschiedene Nachtwächterkontrolluhren beschafft, die nicht nur das beschauliche Leben der Horber Nachtwächter veränderten, sondern mit der aus dieser Erfindung hervorgegangenen Stechuhr schließlich die Zeit zur neuen Leitwährung des modernen Industriekapitalismus werden ließ.

17.08.2007
  • Joachim Lipp

Der Engländer Benjamin Thompson, bekannt als Graf Rumford, gilt als Erfinder der Wächter-Kontrolluhr. Als bayerischer Kriegsminister, dem auch das Polizeiwesen unterstand, versuchte er 1797 durch den Einsatz einer Kontrolluhr gegen die unglaubliche Bummelei seiner Beamtenschaft anzugehen, die statt in der Kanzlei lieber im Wirtshaus saß.

Der Münchner Polizeidirektor Anton Baumgartner griff diese Idee 1801 auf und überwachte mit stationären Kontrolluhren die Rundgänge seiner Polizisten. Der Freiburger Polizeikommissär Senes Bertsche ließ 1806 nach seinen Vorlagen in Triberg eine leicht zu handhabende Wächter-Kontrolluhr fertigen, die in ihrer Form der üblichen Schwarzwälder Uhr angepasst war und stationär zur Überwachung der Nachtwächter diente. Bei dieser Konstruktion war allerdings an jeweils einer Uhr eine Zeitkontrolle nur für einen Wächter möglich und auch die Einhaltung des vorgeschriebenen Weges konnte nicht überprüft werden.

Dem Ratsschreiber Johannes Bürk von Schwenningen, unterstand ebenfalls die Feuer- und Nachtwache, deren Kontrolle er nach mehreren Großbränden als unzulänglich empfand. Da hatte Bürk die grandiose Idee, eine Taschenuhr mit einem Papierstreifen auszurüsten, der mittels verschiedenartiger Schlüssel gekennzeichnet werden konnte. Jetzt war erkennbar, wann und wo die Markierung erfolgte.

Wer denkt heute noch daran, dass wir den Begriff Pünktlichkeit der Erfindung der Nachtwächterkontrolluhr verdanken? Er ist dem lateinischen Wort punctum entlehnt, das eigentlich das Gestochene, der Einstich bedeutet. Bei der ersten Kontrolluhr von Bürk wurde durch verschiedene Schlüssel eine Federzunge betätigt, die mit ihrem spitzen Ende einen Papierstreifen lochte. Die pedantische Vergottung der mechanischen Zeit und der Reihenfolge wurde zu einem maßgeblichen Charakterzug im Bürgertum des 19. Jahrhunderts. Neben der Sauberkeit und Gewissenhaftigkeit zählt seither die Pünktlichkeit zur Grundnorm industriellen Verhaltens.

Die Erfindung der tragbaren Nachtwächterkontrolluhr begründete 1855 die Württembergische Uhrenfabrik. Das kleine Dorf Schwenningen bildete sich als Zentrum der industriellen Kontrolluhrenfertigung heraus, zu dem sich noch die bekannten Marken Benzing, Jundes und Isgus gesellten. Infolge des industriellen Aufschwungs wurde das mit annähernd 14 000 Einwohnern größte Dorf in Württemberg 1906 zur Stadt erhoben. Aber nicht nur am Schwarzwaldrand wurden Kontrolluhren gefertigt, auch in der Landeshauptstadt etablierten sich mit den Firmen von Anton Meyer und Theodor Hahn zwei erfolgreiche Hersteller von Nachtwächterkontrolluhren, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Reinhard Vogelmann aufgekauft wurden.

Bei dieser Stuttgarter Wächterkontrolluhrenfabrik, die 1944 bei einem Bombenangriff völlig ausbrannte, arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg Julius Bauser als Betriebsleiter. Er erhielt vom Firmeninhaber die Erlaubnis, die nach dessen Ansicht unbrauchbaren und wertlosen Maschinen und Geräte auszubauen, fortzuschaffen und nach eigenem Gutdünken zu verwenden. Bauser baute damit nach Kriegsende eine eigene Fertigung in Empfingen und kaufte 1959 die Firma seines einstigen Arbeitgebers auf. Im Betrieb des großen Empfinger Mäzens wurden noch bis 1980 Papierscheiben-Kontrolluhren für Nachtwächter hergestellt. Erst mit dem Siegeszug des Computers etablierte sich ein vollkommen andersartiges Kontrollgerät, das dann die herkömmlichen Kontrolluhren auf breiter Front abgelöst hat.

Weil auch die Horber Nachtwächter menschliche Schwächen hatten und es sich viel lieber in ihrer neuen Wachtstube neben dem Rathaus bequem machten, als bei Wind und Wetter ihre Runden zu drehen, wurden in der Neckarstadt auf Empfehlung des königlichen Oberamtes Kontrolluhren angeschafft, um das Pflichtbewusstsein der Nachtwächter zu überprüfen. Im November 1863 beschloss der Horber Stadtrat „beim Uhrenfabrikant Bürk in Schwenningen O. A. Rottweil“ für 40 Gulden und 5 Kreuzer zunächst einmal eine Nachtwächterkontrolluhr zu erwerben. Die Kontrolle der Nachtwächteruhren wurde Stadtrat Noll übertragen, der dann an Hand der gelochten Papierstreifen das zugehörige Kontrollbuch führte.

Nach der im August 1874 neu aufgestellten „Dienst=Instruction für die Nachtwächter der Stadt Horb“ wurde den beiden Nachtwächtern bei Dienstbeginn auferlegt, „zum Beweise für dieses Wachen in seitheriger Reihenfolge die angebrachten Controll-Uhren aufzuziehen“. Auf einer alten Photographie des Gebäudes Mühlgässle 17 ist noch einer dieser Schlüsselkästen für die Nachtwächterkontrolluhr „für 6 Posten von Bürk“ am Hauseck zu erkennen.

Offensichtlich versuchten aber auch die Horber Nachtwächter wie viele andere der nunmehr kontrollierten Kontrolleure die Nachtwächterkontrolluhren zu manipulieren, um doch lieber in der warmen Wachtstube sitzen bleiben zu können. So meldete im August 1904 der städtische Polizeidiener Frey, dass er beim Abschalten der Straßenbeleuchtung nachts um halb Zwölf den Nachtwächter Rimmele in der Wachtstube fest schlafend auf der Bank angetroffen hatte, während sein Nachtwächterkollege Sinz weit und breit nirgends aufzufinden war.

Merkwürdiger Weise steckte in Rimmeles Kontrolluhr ein Schlüssel in deren Öffnungsloch, das für die Nachtwächter eigentlich tabu war. Eine Kontrolle des eingelegten Papierstreifens ergab am nächsten Morgen, dass die vorgeschriebenen Umgänge in jener Nacht teils gar nicht oder nur unregelmäßig gemacht worden waren. Bei der Kontrolluhr von Nachtwächter Sinz sah es nicht viel besser aus, weshalb die beiden vom Stadtschultheißenamt eine Abmahnung mit strengem Verweis erhielten.

Im Oktober 1919 galten die zwei Bürkschen Papiertrommelkontrolluhren als nicht mehr funktionsfähig, weshalb sich das Horber Stadtschultheißenamt um eine Neubeschaffung kümmerte. Im Mai 1920 erhielt es ein Angebot von der „Stuttgarter Wächter Kontrolluhrenfabrik“ über „ 2 Kontrolluhren >>Ant. Meyers’s Orig.<< für 6 Stationen, 2 Ledertaschen, 12 Schlüsselkästchen, 2 Kontrollbücher und zwei Schachteln Kontrollblätter“ zum Gesamtpreis von 1750 Mark. 1921 kam dann in Horb die Stuttgarter Papierscheibenkontrolluhr samt neuen Schlüsselkästchen zum Einsatz.

Als 1931 in Horb eine Neueinteilung des Dienstes der polizeilichen Schutzmannschaft und des Nachtwächters erfolgte, waren die Schlüsselkästchen an der Stiftskirche, beim abgegangenen Gasthaus „Linde“ am Ende der Altheimer Straße, beim abgebrochenen Baugeschäft Marquardt in der Mühlener Straße, auf dem Bahnhofsgelände sowie am ehemaligen Gasthaus „Engel“ in der Ihlinger Straße montiert. Für diesen Gang durch die Stadt hatte Horbs letzter Nachtwächter Franz Rimmele genau eine Stunde Zeit.

Der nächste Umgang der Horber Nachtwächter vom Kultur- und Museumsverein führt am Freitag, 14. September, über den Burgstall in das Mühlgässle, wo am Haus Hassmann einst einer der Schlüsselkästen für die erste Nachtwächterkontrolluhr von Bürk angebracht war. Der Nachtwächterumgang beginnt pünktlich um 20 Uhr vor dem Wachthaus auf dem Horber Marktplatz. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben...

Die Kontrolluhr veränderte nicht nur das Leben der Nachtwächter
Die von Nachtwächter Heinrich Raible beschafften Nachtwächterkontrolluhren der Marken Bürk und Isgus sind kleine Meisterwerke der Feinmechanik. Beim kleineren Modell aus dem 19. Jahrhundert handelt es sich um eine Papierscheiben-Kontrolluhr, die auf der sich drehenden Papierscheibe ein eingestochenes Zeichen hinterließ, während bei den drei größeren Nachtwächterkontrolluhren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Markierung und die Uhrzeit über ein Farbband auf einen Papierstreifen übertragen wurde.

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17.08.2007, 12:00 Uhr

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