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Anfänge mechanischer Produktion im Industriemagazin des Heimatmuseums

Die Kraft der Echaz

REUTLINGEN. Landläufig wird die Dampfmaschine mit dem Beginn der Industrialisierung in Verbindung gebracht. In Reutlingen aber waren es zunächst mit Wasserkraft betriebene Mühlen, die die Produktion mechanisierten und entlang der Echaz Fabriken aus dem Boden sprießen ließen. Im Industriemagazin des Heimatmuseums ist den „Mühlen und Maschinen“ eine Ausstellung gewidmet.

24.07.1999
  • Brigitte Ströbele

Reutlingens Industrialisierung kam in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur langsam in Schwung. „Fabriken hat Reutlingen nicht“, heißt es 1824 in der Oberamtsbeschreibung. Wenige Jahre später änderte sich das: Nach dem Brand der Papiermühle von Gottlob Christian Braun im Jahr 1831 gab der Mühlenbesitzer in England eine Papiermaschine in Auftrag und heuerte den Mechaniker William Carver Wheatley für die Montage an. Der reiste nach Reutlingen, setzte die durch Wasserkraft betriebene Maschine in Gang; außerdem leistete er auch beim Aufbau der Laiblinschen Papierfabrik Geburtshilfe. „Wheatley hat für die Industrialisierung Reutlingens eine große Rolle gespielt“, meint Heimatmuseumsleiter Dr. Werner Ströbele.

Auf den englischen Mechaniker stieß das Heimatmuseums-Team gestoßen, als es die Geschichte der von der Wasserkraft Industrialisierung erforschte. Aus diesem Material hat das Kirchentellinsfurter Büro für Gestaltung Hartmeier und Mangold im Industriemagazin eine dem Ort angemessene Ausstellung komponiert: Auf hellen Verbundholzplatten kann man den Lauf der Echaz nachvollziehen und die alten Kraftwerke lokalisieren; Fotografien dokumentieren die Vielzahl und die einstige Bedeutung der Mühlräder für Reutlingen. Historische Mühlräder, Tubinen, Bohr-, Web- und Dampfmaschinen zeigen in der Ausstellung die fortschreitende Mechanisierung der Produktion.

Von Honau bis Wannweil lagen 1909 entlang der Echaz und Triebwerkskanäle insgesamt 70 Wasserkraftwerke — alle waren säuberlich mit einer „T“-Nummer versehen. Neben den traditionellen Getreidemühlen, Hammerschmieden, Säge-, Pulver- und Gipsmühlen, die mit Wasserkraft betrieben wurden, dienten die Kraftwerke seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch der mechanisierten Produktion als Energiequelle. Das funktioniert bis heute gleich: Mühlrad und Turbine setzen die Energie des Wassers in Drehbewegungen um, die über Zahnräder und Transmissionsriemen auf Maschinen übertragen werden.

In der ersten wasserkraftbetriebenen Fabrik, der Neunerschen Spinnerei, ersetzte 1828 die mechanisierte Produktion die manuelle Arbeitsweise. Rund um die Mühlen entlang der Echaz entstand in den Folgejahren ein Fabrikgebäude nach dem anderen. Im Zuge dessen gedieh mit dem Maschinenbau ein neuer Industriezweig: Dort wurden für die Textil- und Papierbetriebe notwendigen Maschinen und Ersatzteile hergestellt. Wasserrä-der und Turbinen setzten auch hier Drehbänke, Bohr- und Hobelmaschinen in Bewegung.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielt das Wasserrad Konkurrenz durch die Dampfmaschine, dann kamen Diesel- und Benzinmotoren. Dennoch hielten große Unternehmen wie der Strickmaschinenhersteller Stoll bis ins 20. Jahrhundert an der Wasserkraft fest — erst mit dem Elektromotor wurde die Wasserkraft als Energielieferant links liegen gelassen.

Auch die Anfänge der Elektrifizierung hängen in Reutlingen mit der Wasserkraft zusammen. In Betzingen und Pfullingen wurden Ende des vergangenen Jahrhunderts die ersten Elektrizitätswerke der Region gebaut, angetrieben von Wasserrädern. Der so gewonnene Strom wurde zunächst für die Produktion unabhängig vom Tageslicht und für die Wurst- und Hackmaschine einer Pfullinger Metzgerei genutzt.

Die letzte Station der Ausstellung, die ein Beitrag zu den Pfullinger Heimattagen ist, widmet sich der Wasserkraft der Echaz im Jahr 1999. Heute werden gerade noch 15 Prozent der einstigen Triebwerke genutzt — vor allem für die Stromproduktion. Neben Informationstafeln liegen ausgediente Fabrikuhren: Die industrielle Zeit scheint eingefroren, die Zeiger stehen still, die Gläser sind zerborsten.

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24.07.1999, 12:00 Uhr

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