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Für das Tübinger Hallenbad gaben auch Bürgerinnen und Bürger reichlich Geld

Die Krone aller Wasseranwendung

„Brausen ist gut, baden ist besser, die Krone aller Wasseranwendung aber ist das Schwimmbad“: So sah es die Tübinger Stadtverwaltung 1912 und drückte doch nur aus, was der Zeitgeist schon seit Jahren forderte. Mussten doch die Tübinger mit dem Neckar Vorlieb nehmen – ein ausschließlich sommerliches Vergnügen. Eine erste 1899 eröffnete Badeanstalt machte bereits drei Jahre später dicht. Eine Woche vor Beginn des Ersten Weltkriegs war das Uhlandbad fertig.

08.01.2014
  • Manfred Hantke

Es waren nicht nur die verstärkten Anforderungen an die Hygiene und der gesundheitliche Aspekt, der auch in Tübingen den Ruf nach einer großen überdachten Bade- und Schwimmanstalt immer lauter werden ließ. Auch die Sport- und Turnbewegung verschaffte sich im 19. Jahrhundert immer mehr Bewegungsfreiheit. In dessen Schatten schwamm die Universität und ließ für die Männer 1851 die „Badschüssel“ im Mühlbach anlegen, einem kleinen Seitenzweig der Steinlach.

Die Krone aller Wasseranwendung
Eine Damenriege 1920 im Uhlandbad: Links sitzt die Turnerin Maria Hofmann, geb. Nill, ihre Mitschwimmerinnen sind unbekannt.

Das nur Männern vorbehaltene Freibad in der Nähe des 1896 fertig gestellten Wildermuth-Gymnasiums wurde 1908 geschlossen, weil die Ammertalbahn gebaut wurde. In der „Akademischen Bade- und Schwimmanstalt“ schützte die Herren ein dichter Vegetationsgürtel vor neugierigen Blicken. Frauen hingegen waren völlig eingeschlossen. Sie mussten sich in den blick-dichten und engen Badehäuschen am Neckar beim Hölderlinturm vergnügen – von Kopf bis Fuß in langen Kleidern und schwarzen Baumwollstrümpfen eingepackt. Ans Schwimmen war da freilich nicht zu denken, genauso wenig wie in der am Hölderlinturm gelegenen Eberhardtei, wo nur warme Bäder und Sturzbäder verabreicht wurden.

So war der Zeitgeist reif fürs „Volksbad“ in der Halle, das die Jahreszeit überlistete. Einen ersten Versuch startete 1899 Gemeinderat Louis Schnaith. Er richtete am Neckartor (wo heute die Apotheke ist) das erste Tübinger Hallenbad ein, das „Ludwigsbad“. Schnaith bot auch Wannen-, Dampf- und Schwefelbäder an, Massage- und Kneippkuren. Sein kleines Elektrizitätswerk brachte nicht nur elektrische Beleuchtung, sondern den Kunden auch ein Lichtbad. Eine Zentralheizung hatte Schnaith ebenfalls einbauen lassen. Die Badezeiten waren für „Herren und Knaben“ sowie für „Damen und Mädchen“ naturgemäß getrennt.

Während Männer und Buben täglich schwimmen und baden durften, war das den Frauen und Mädchen nur dreimal in der Woche erlaubt – montags, mittwochs und freitags von 14 bis 18 Uhr. Doch auch die Hunde durften hinein, aber nicht ins „Volksbad“. Schnaith hielt für sie eigene „Reinigungs- und Schwimmbehälter“ bereit. Ein großer Hund kostete 70 Pfennige, ein kleiner 40 Pfennige.

Obwohl der Besuch anfangs recht rege war, die Stadt Zuschüsse gewährte und Schnaith sich bemühte, „die Benützung der Bäder durch die billigst gestellten Preise einerseits Jedermann leicht erreichbar, andererseits durch aufmerksamste Bedienung und zahlreiches, tüchtiges Personal so angenehm als irgend möglich zu machen“, musste der Hallenbad-Pionier nach nur drei Jahren 1902 schließen. Das „Volksbad“ war unrentabel, die Betriebskosten waren zu hoch. Später zog dort das erste Tübinger Kino „Metropol“ ein, danach das vegetarische Restaurant und Tanzcafé „Pomona“.

Auch Uhland schwamm noch bis ins hohe Alter

Nur wenig Tübinger Studentenbuden hatten damals das „Bad im Hause“. Da auch andere Universitätsstädte eine ganzjährig zu nutzende „Vollbadeanstalt“ aufwiesen, drängte die Uni auf ein Hallenbad und wäre auch für eine Übergangslösung zu haben gewesen. Doch der Gemeinderat war sich der großen Bedeutung für die Körper- und Gesundheitspflege durchaus bewusst, er strebte eine „Vollbadeanstalt“ an. Vier Jahre nach der Schließung des Ludwigsbads legte er 50.000 Mark in einem Fonds an. Auch das „Königliche Ministerium für Kirchen- und Schulwesen“ gab ganz unerwartet dieselbe Summe – 31.500 Mark waren allerdings als Entschädigung für die „Badschüssel“ gedacht, die ja wegen der Ammertalbahn weichen musste.

Die Krone aller Wasseranwendung
Die neun Meter hohe Gewölbedecke in den 1950er Jahren.

Die finanziell anspruchsvolle Neckarkorrektur 1911 ließ das Hallenbad zunächst in weite Ferne rücken. Inzwischen hatten Tübinger Bürger den Badfonds um 60.000 Mark auf 178.000 Mark hochgetrieben. Spender waren etwa die Erben des Privatiers Fritz Schuler, sie gaben 20.000 Mark. Die beiden Philosophie-Professoren Karl Groos und Heinrich Spitta spendeten jeweils 1.000 Mark. Die Verwaltung aber schreckte immer noch zurück. Die Pleite mit dem Ludwigsbad war noch in guter Erinnerung, „die bekannte Unrentabilität“ hatte der Gemeinderat sogar im Protokoll vermerken lassen.

Doch Sparsamkeit belebt den Erfindergeist. Schließlich hatten die Tübinger Stadtwerke mit Otto Henig seit 1904 einen findigen und erfindungsreichen Chef. Henig stellte seit 1912 zusammen mit seinem „Gasmeister“ Michael Fauner Versuche an, die überschüssige Wärme der Gasöfen im Gaswerk an der Reutlinger Straße (dort steht heute das Parkhaus Metropol) zu nutzen.

So entwickelten sie ein Verfahren, die Abwärme für die Warmwassergewinnung einzusetzen, die Ausgaben für die Kohle konnte sich die Stadt nahezu sparen. Erst mit dieser innovativen Technik, die kostengünstig und sogar umweltfreundlich war, machte der umtriebige Stadtwerkechef den Bau des Uhlandbades möglich.

Henig ließ eine 1,6 Kilometer lange Fernwärmeleitung vom Gaswerk bis zum Uhlandbad bauen und sorgte mit seiner Abwärmenutzung für warmes Wasser im Uhlandbad. Das wurde auf etwa 50 Grad Celsius erhitzt und büßte auf dem Weg zum Bad nur 1,2 Grad ein. Die Menge an Heißwasser war so hoch, dass täglich ein Zwanzigstel des gesamten Beckeninhalts und eine dreimalige Frischwassererneuerung pro Woche möglich war.

Weil er mit seiner technischen Neuerung Heizkosten sparte, winkte der Rat den Bau des Bades durch, die Bedenken der Unrentabilität waren geschwunden. Am 50. Todestag des Dichters und Schriftstellers Ludwig Uhland beschloss der Rat am 13. November 1912, eine über das ganze Jahr zu benutzende Badeanstalt mit Schwimmhalle und diversen Bädern zu schaffen und das Hallenbad nach Uhland zu benennen, schließlich sei er „noch im hohen Alter regelmäßig während des Sommers bis in den Herbst hinein“ im Neckar baden und auch schwimmen gegangen.

Hunde durften ebenfalls ins Uhlandbad hinein

Baumeister des mit einem 25-Meter-Becken, einem russisch-römischen Bad samt Ruheraum und mit diversen Wannen- und medizinischen Bädern ausgestatteten Schwimmbades war Stadtbaumeister Haug, als Berater fungierten „der Altmeister der Volksbadetechnik“ Leo von Vetter sowie Paul Bonatz, dessen Universitätsbibliothek 1912 fertig gestellt worden war. Der Bauplatz war städtisches Eigentum, die Lage wurde als günstig angesehen: Nicht weit vom Bahnhof gelegen, konnte das Hallenbad damals aus allen Stadtteilen schnell erreicht werden.

Die Krone aller Wasseranwendung
Ein Bild der ganz frühen Jahre: Postkarte mit dem Uhlandbad aus dem Verlag von Heinrich Sting.

Spatenstich war am 28. Mai 1913, schon Ende Juli 1914 war das Uhlandbad fertig. Im Untergeschoss waren Dampfwäscherei und Bügelräume untergebracht, ebenso ein Kohlenraum und eine Niederdruckdampfanlage, die Wäscherei, Schwimmhalle und Schwitzbäder beheizte.

Es ist auch Zeichen genauer und seriöser Kalkulation, dass die tatsächlichen Kosten die veranschlagten nur ganz gering übertrafen: Mit 250 000 Mark hatte die Stadt kalkuliert, letztendlich kostete das Uhlandbad 260 000 Mark. Die Deutsche Gesellschaft für Volksbäder lobte denn auch das Tübinger Modell: „Eine derartige Betriebsverbindung von Gaswerk und Volksbad verdient hohe Beachtung und kann zur Nachahmung nicht dringend genug empfohlen werden.“

Henig, der bis 1946 Stadtwerke-Chef war, meldete das Patent beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin und auch in Budapest an. Damit machte der Tübinger Furore. Aus halb Europa kamen die Anfragen zur Abwärmenutzung, zur praktischen Umsetzung und zu den Tübinger Erfahrungen. Die Fernwärmeleitung zum Uhlandbad funktionierte bis in die 1940er Jahre.

Wie beim Ludwigsbad durften auch Hunde ins Uhlandbad hinein. Im Untergeschoss standen die Wannen bereit, Ein Hundebad war allerdings auch hier teurer als ein Menschenbad: für langhaarige und große Hunde verlangte die Stadt eine Mark, für die anderen Hunde 60 Pfennige. Erwachsene kamen mit 40 Pfennigen davon, Kinder mussten 20 Pfennige Eintritt zahlen. Zwei Nachmittage pro Woche waren für das günstigere Volksbaden (10 Pfennige) reserviert, Frauen und Männer badeten jedoch immer noch getrennt.

Eine Woche vor Beginn des Ersten Weltkriegs war Eröffnung. Bei dem „einfachen schlichten Akt“ rühmte OB Hermann Haußer den „mannigfachen Wert des Bades für die menschliche Gesundheit“, nannte das Schwimmbad „die Krone aller Wasseranwendung“, lobte die Technik und das Schwimmbecken, dessen Länge wohl keines im Land erreiche.

Ein „Frisch-fröhliches Gut-Nass!“ wünschte der Vorsitzende des 1913 gegründeten Tübinger Schwimmvereins. Als am 27. Juli der Badebetrieb startete, frohlockte die Tübinger Chronik: Wenn der Andrang weiterhin so anhalte, müsse sich die Stadt nach einbruchsicheren Safes umsehen, um das eingenommene Geld sicher aufzubewahren. Namentlich das Schwimmbad sei „kolossal besucht“ worden.

Die Krone aller Wasseranwendung
Otto Henig, SWT-Chef.

Am selben Tag erklärte Österreich-Ungarn dem Königreich Serbien den Krieg, das deutsche Kaiserreich machte am 1. August mobil. Bademeister Buchhalter rückte Ende August 1914 ein. Weil es an Kohle mangelte, mussten Holz oder Schiefer verbrannt werden, so wurde der Badebetrieb eingeschränkt. Dennoch kamen im ersten Jahr über 20.000 Besucher, darunter 5000 Männer, 13.000 Buben, 1.600 Mädchen, aber nur 650 Frauen. Im ersten Jahr erzielte das Uhlandbad einen Überschuss von 6.700 Mark.

Info: In diesem Jahr feiern die Tübinger Stadtwerke den 100. Geburtstag des Uhlandbads. Wenn Sie Bilder aus den frühen Badejahren oder Erinnerungen daran haben, freuen sich die Stadtwerke und die Zeitzeugnisse über Ihre historischen Schätze, die wir dann veröffentlichen. Wenden Sie sich bitte an Birgit Krämer von den Stadtwerken. Telefon: 07071 157-476.

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08.01.2014, 12:00 Uhr

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