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Kommentar

Die Kündigung aufs Butterbrot geschmiert

Hunger, respektive Appetit, avanciert in diesen Tagen zum Arbeitsplatzkiller Nummer eins, dicht gefolgt von Wirtschaftskrise und Leiharbeit. Die Bienenstiche, Buletten und Maultaschen, die außer dem Job nichts kosten, scheinen auf kündigungsfreudige Arbeitgeber eine schier unwiderstehliche Faszination auszuüben.

10.02.2010
  • Katharina Mayer

Wo sonst soll ein Vertrauensverhältnis auch enden, wenn nicht beim Essen?

Möglicherweise handelt es sich hier um tiefschürfende Ängste vor dem Hungertod im Chefsessel, sobald die Sekretärin zum Brötchen greift. Oder hat, wer sechs Maultaschen aus dem Mülleimer angelt, womöglich mehr Fettreserven, um der sozialen Kälte zu trotzen? Und damit einen evolutionären Vorteil?

So ganz greifen diese Thesen wohl nicht.

Kündigungen aufgrund der Zuführung von Fremdkalorien scheinen vielmehr ein probates Mittel zu sein, unnütze Esser von der Gehaltsliste zu streichen. Mit dem gesunden Menschenverstand jedenfalls sind sie nicht zu erklären. Und auch nicht mit der gesetzlich festgeschriebenen Worthülse des „zerrütteten Vertrauens“ zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Zumal ein Mindestmaß an Misstrauen angesichts der ungleichen Machtverteilung wohl eher der Regelfall und durchaus berechtigt ist.

Bislang jedenfalls bestätigen die Arbeitsgerichte in den meisten Fällen die Kündigung, unabhängig von Warenwert und Verfallsdatum: Das höchstrichterliche Bienenstich-Urteil von 1984 gehört heute zum kleinen Einmaleins eines jeden Arbeitsrechtlers. Zwar haben solche Entscheidungen mittlerweile den Weg in die Öffentlichkeit gefunden, wo sie kontrovers diskutiert werden. Das allerdings ändert an der Lage der Betroffenen wenig. Bagatelldelikte, die strafrechtlich kaum Relevanz hätten, ersetzen zunehmend ordentliche Kündigungen. Und werden damit zum Mittel, den Kündigungsschutz unter dem Deckmantel des zerrütteten Vertrauens auszuhöhlen.

Im Falle Erima-Sportbekleidung könnte nun allerdings auch das Vertrauensverhältnis zwischen Hersteller und Konsument nachhaltig zerrüttet sein. 2007 vom deutschen Fachhandel zum „Lieferanten der Herzen“ gekürt, zeigt sich das Pfullinger Unternehmen knapp drei Jahre später reichlich herzlos. Eine fristlose Kündigung wegen unberechtigt eingelöster Essensmarken ist in Zeiten von Wirtschaftskrise und als gesetzeswidrig befundener Hartz IV-Sätze schlicht skandalös. Und wirft kein gutes Licht auf ein Unternehmen, das laut Eigenwerbung „gemeinsam gewinnen“ und das gute Gefühl von Gemeinschaft fördern möchte. Das allerdings scheint dem Unternehmen keine 80 Cent wert zu sein.

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10.02.2010, 12:00 Uhr

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