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Kommentar

Die Kulturpolitik fährt auf Sicht

Der Mann ist in Fahrt. Mal eben, hochgeschwind unterwegs, in einem Zug einen Friedensplan für Stuttgart 21 aufs Papier geworfen, um wenig später kurzerhand einen Appell an Schäuble rauszuhauen. Boris Palmer, zu allem Überfluss auch noch als Beinahe-Bräutigam gefordert, tanzt auf vielen Hochzeiten. Wenn so einer zum Kultur-Termin bittet, erwartet man als Journalist ein Memorandum. Mindestens.

21.08.2010

Tübingens Rathauschef ist dank der vorgefundenen Ämter-Teilung auch Kulturbürgermeister. Als solcher möchte Palmer sich nun stärker in Erinnerung bringen. Und es nervt ihn gehörig, teilt er dem leicht verdutzten TAGBLATT-Berichterstatter mit, permanent als einäugige Kultur-Blindschleiche abgetan zu werden.

Das selbstironische Zitat aus vergangenen Wahlkampftagen, es hat sich längst verselbständigt, es verfolgt ihn gar, kratzt – wie er findet – empfindlich an seiner Kompetenz und Autorität, vielleicht auch am Selbstwert als Kulturoberster der Stadt. „Wenn das die Handlungsfähigkeit im Amt einschränkt“, ruft er aus, „muss man das thematisieren!“

Was ist geschehen? Die Staatsaffäre besteht darin, dass Palmer als Gesicht der Stadtverwaltung der Wind nun rauer entgegenweht. Nicht nur Kidojo-Kampfschreiber, auch Kulturschaffende nehmen es ihm als Verantwortlichem übel, wenn gerade bei ihnen gespart werden soll. Und sie beklagen, keiner erkläre es ihnen, wieso gerade sie diejenigen sein sollen, die für Krise und Umverteilung bluten sollen.

Der Kulturpolitiker Palmer ist in der Zwickmühle. Manche Projekte sind ihm nun mal lieber und teurer, und als Klimaschützer macht er sich besser denn als Kulturmensch, der er erklärtermaßen ist. Manches ist zudem der Rechtspflicht geschuldet. Dann betont er flugs, dass Kulturförderung, anders als Kinderhorte, eine freiwillige Leistung darstellt. Ihm schwant vielleicht, dass ein florierendes, buntscheckiges Kulturleben mit Bildungsaspekt gerade heute so wertvoll wie Kinderbetreuung sein kann. „Hätte ich mehr Geld und könnt’s spendieren, sähe ich gut aus“, sinniert er etwas gequält und guckt echt brechtig. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.

Der Kulturpolitiker Palmer fühlt sich unverstanden, will er doch nur das Beste. Hat er nicht das Kulturamt wiederhergestellt, der Kultur neuerdings offene Spiel-Räume wie Marktplatz, Schlosshof, Schiebeparkplatz oder Sporthalle erschlossen? Nimmt er nicht sogar stressige Kultur-Händeleien, von den Filmtagen bis zur Kunsthalle, tapfer hin?

Als Kulturbanause fühle er sich massiv fehlinterpretiert, beteuert Palmer. „Ich nehme die Aufgabe ernst.“ Wohlan, prüfen wir, fern aller St.-Florians-Reflexe, Tübingens Kulturpolitik. Mit dem nebenstehenden Artikel wie auch mit einer „Kulturcheck“-Serie, die dann abklopft: Fördern oder nicht – und wenn ja, wie viele? Und was bedeuten Einschnitte für den (in beide Richtungen freiwilligen, weil ehrenamtlichen) Sektor Kultur?

Wilhelm Triebold

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21.08.2010, 12:00 Uhr

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