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Die Kunst mit der Kunstfaser

Die Tübinger Rökona wirkt nicht nur den Himmel für Automobile. Mit technischen Textilien ist die Firma auf Wachstumskurs. Denn das Unternehmen setzt voll und ganz auf Kunstfasern und hat sich in seiner über 50-jährigen Geschichte in diesem Segment zu einem bedeutenden Spezialisten mit Marktführerschaft entwickelt.

22.05.2015
  • TEXT: Bernd Ulrich Steinhilber | FOTOS: Horst Haas

Ist von der Tübinger Gerhard Rösch GmbH die Rede, denkt man gewöhnlich an Nachtwäsche, Bade-, Strand- und Freizeitkleidung, an die Marke Rösch und an die Lizenzmarke Féraud Paris. Man denkt an Moden aus hochwertigen Naturtextilien, die in der Tübinger Schaffhausenstraße designt und zugeschnitten, dort aber nicht gewirkt werden. Damit ist eine lange Geschichte angesprochen, die schließlich zur Rökona Textilwerk GmbH & Co. KG führt und mit dem Titel „Naturfaser für die Mode, Kunstfaser für technische Textilien“ überschrieben werden könnte.

Denn die Rökona setzt voll und ganz auf Kunstfasern und hat sich in ihrer nun schon über 50-jährigen Geschichte in diesem Segment zu einem bedeutenden Spezialisten mit Marktführerschaft entwickelt. Heute produziert die Rökona Textilien für den Automobilmarkt, die Medizintechnik und technische Anwendungen. Als Tochtergesellschaft der Gerhard Rösch GmbH ist auch sie Teil des Familienunternehmens in dritter Generation.

Perlon, Batistalon und Nylon waren die Kunstfasern, aus denen in der Nachkriegszeit modische Textilien gefertigt wurden. So war das auch bei Rösch. Das Unternehmen, das es – inzwischen vielfach ausgezeichnet – zu einer führenden Stellung auf dem Wäschemarkt gebracht hat, startete denn auch 1949 mit einer Wirkmaschine, die perfekt Kunstfasern verarbeiten konnte. Für Naturfasern war sie allerdings völlig ungeeignet. Ohne es zu ahnen, hatte Firmengründer Gerhard Rösch mit dieser Investition bereits den Grundstock für die spätere Rökona gelegt. Dann nach und nach entdeckten Kunden und Modeschöpfer die Baumwolle und andere Naturfasern. Der Markt veränderte sich. „Aber wir besaßen die Technologie nicht, mit der man Naturfasern bearbeiten konnte“, stellt Unternehmenschef Arnd-Gerrit Rösch, 39, im Gespräch mit unserer Zeitung fest. So nahte denn die Geburtsstunde der Rökona, die, nach dieser kleinen Revolution auf dem Wäschemarkt, 1961 aus dem Unternehmen ausgegliedert wurde.

Faszination Textil

Seitdem firmieren in der Tübinger Schaffhausenstraße zwei Firmen: Die Gerhard Rösch GmbH, die fortan fertige Stoffe aus Naturfasern einkauft und daraus Mode kreiert. Und das Rökona Textilwerk, das einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat. Zwar wird auch hier der Slogan „Faszination Textil“ hoch gehalten, doch meint man damit nicht Bademoden, Nachtwäsche, Strand- und Freizeitkollektionen. Was Rösch mit Naturfasern nicht konnte, nämlich daraus Stoffe zu wirken, macht die Rökona mit Kunstfasern – wenn auch nicht für Modeartikel. Und ist darin außerordentlich erfolgreich.

Dank einer rührigen Entwicklungsabteilung sowie inzwischen zahlreicher Patente und Schutzrechte hat sich die Rösch-Tochter ein bedeutendes Marktsegment erobert. Hauptabnehmer ihrer Produkte ist die Automobilindustrie. Über 90 Prozent der technischen Textilien finden dort ihre Abnehmer. Dabei bedient die Rökona als Komponentenlieferant die sogenannten Systemlieferanten. „Direkte Lieferbeziehungen zur Automobilindustrie unterhalten wir nicht“, sagt Rösch. Dennoch sind die Kontakte durchaus eng, wenn etwa die Designplanung ansteht und Rökona nach dem Briefing durch die Hersteller der Automobilindustrie ihre Produktvorschläge unterbreitet.

Was mit Knautsch-Velours für Sitzbezüge begann, hat sich längst zu einer großen Produkt-Palette ausgeweitet. Bei vielen sichtbaren Oberflächen in den Fahrzeugen handelt es sich heute um Rökona-Textilien. So verkleidet etwa der „Tübinger Himmel“ das Innendach des VW-Golf. Auch Cabrio-Innenhimmel und Windabweiser zählen zum Produktportfolio. Ebenso und immer wichtiger: Glasdachrollos für die Beschattung oder Textilrollos für die Seiten- und Heckfenster. Apropos Glasdachrollo: Hier hat es die Rökona zur Marktführerschaft gebracht. Diese Stellung will sie weiter ausbauen, was freilich die ständige Bereitschaft und Fähigkeit zu Innovationen verlangt. Denn rein technisch gesehen könnte das textile Rollo durch ein Glasdach, das sich selbst verdunkelt, irgendwann einmal substituiert werden. Da hält Rökona gegen: „Unsere Aufgabe ist es“, erklärt Rösch, „durch unser Produkt Mehrwert zu schaffen – auch neue Produkte auf den Markt zu bringen.“ Ganz entschieden komme es bei der Autoindustrie darauf an, die Kosten im Blick zu haben. „Um dies zu erreichen, fassen wir nicht nur Prozessschritte zusammen, um günstiger zu produzieren.“ Das neue Produkt müsse dem alten auch überlegen sein, soll heißen: das Rollo von solcher Qualität und so preiswert, dass es anderen Techniken vorgezogen wird. Ansonsten sei die Konkurrenz überschaubar. „Was Rökona kann, können gerade mal fünf Unternehmen in Europa“, wobei jedes seine Spezialitäten habe.

Textilien für viele Branchen

Nur 10 Prozent der Produktion entfallen auf Bekleidung, wenngleich Rökona auch in diesem Sektor Maßstäbe setzt. So benötigen etwa die neuen Schnittschutzeinlagen für Waldarbeiterhosen weniger Schichten, was sie nicht nur bequemer macht. Obendrein wird die Gefahr, sich bei der Arbeit mit der Kettensäge zu verletzen, durch die neuen Schnitteinlagen deutlich reduziert. „Wir erfüllen sogar höhere Anforderungen, als die höchste Schnittschutzklasse verlangt“, stellt Rösch nicht ohne Stolz fest.

Auch im Bereich von Industrieprodukten ist die Rökona unterwegs. So deckt man etwa bei Kindersitzbezügen vom Textil bis zum fertig konfektionierten Produkt die komplette Wertschöpfungskette ab. Auch in der „Medtech“ genannten Medizinbranche werden Textilien von Rökona verwendet: als OP-Bekleidung bis hin zu hochspezialisierten Produkten wie Hernien-Netzwerke zur Behebung von Leistenbrüchen.

Mit 80 Prozent weist das Unternehmen eine hohe Exportquote auf, indem es vornehmlich den europäischen Markt bedient und Kundenbeziehungen in die USA, nach Mexiko, China, Korea, Taiwan, Japan und Südafrika unterhält. In Tübingen wird in der Schaffhausenstraße und den ehemaligen Zanker-Hallen in der Weststadt (hier ist die Wirkerei) produziert. Im ungarischen Kecskemét konfektioniert Rösch modische und technische Textilien, in China ist die Rökona mit 25 Prozent an einem Joint Venture beteiligt, ein Vertriebsbüro in Shanghai kümmert sich um Kunden im Reich der Mitte.

Der Konzernumsatz von Rösch, Rökona und den Tochterfirmen belief sich zuletzt auf 60 Millionen Euro, erwirtschaftet von 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, von denen 300 in Tübingen beschäftigt sind. Dabei wird das jährliche Wachstum von 5 Prozent hauptsächlich „durch das technische Textil von Rökona getrieben“.

Die Kunst mit der Kunstfaser
Er Zekai (oben) bedient die Jet-Färbemaschine, wobei der Stoff an den Enden zusammengenäht und dann wie ein Schlauch durch die Anlage gezogen wird. Modedesignerin Barbara Kührer (rechts) kümmert sich bereits um die Sommerkollektion 2016 der Gerhard Rösch GmbH für die Messe am4. Juli 2015 in Paris.

Die Kunst mit der Kunstfaser

1962 wird die Rökona Textilwerk GmbH zunächst als Stoff- und Entwicklungslieferant für den Mutterkonzern gegründet.
1965 expandiert Rökona mit neuen Wirkmaschinen und beliefert erste Kunden im Automobilsektor
1971 wird in eine 52 Meter lange Ausrüstungsstraße und die ersten Hochdruckzylinder der Färberei investiert. Fortan konzentriert sich Rökona auf den technischen Textilsektor.
2011 erwirbt man einen Lasercutter für den Präzisionszuschnitt kunststoffbasierter Textilien.
2012 eröffnet das Rökona Sales-Offices Far East in Shanghai.
Heute wird die Rökona in dritter Generation als Familienbetrieb geführt. Das Unternehmen beliefert von Tübingen aus weltweit 27 Länder.

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22.05.2015, 12:00 Uhr

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