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Gesundheitszentrum in Hohenstein

Die Laborgemeinde

In Hohenstein läuft ein landesweit einzigartiges Projekt zur medizinischen Versorgung. Das könnte zum Modell werden.

21.10.2016
  • BERND ULRICH STEINHILBER

Hohenstein. Die medizinische Versorgung für das 3650 Einwohner zählende Hohenstein drohte kritisch zu werden. Als der langjährige Hausarzt seinen Ruhestand ankündigte, war kein Nachfolger in Sicht. Freilich hatte nicht nur Hohenstein diese Sorgen, wie es das düstere Szenario zur „Hausärzteversorgung im Landkreis Reutlingen“ im Jahr 2010 ausmalte. Die Lage dürfte sich „dramatisch verschlechtern, wenn nicht gegengesteuert“ werde, hieß es damals. Gegenzusteuern hat sich die vom Landkreis Reutlingen 2010 gegründete erste Kommunale Gesundheitskonferenz im Südwesten vorgenommen. „Versorgung und Prävention“ stehen seitdem auf der Agenda. Die Gesundheitskonferenz beeilte sich, denn die Zahlen einer Arbeitsgruppe bestätigten schlimmste Befürchtungen.

Waren im Jahr 2010 nur neun von 178 Hausärzten im Landkreis älter als 65 Jahre, rechnet das Kreisgesundheitsamt bis 2025 mit schon 121 aus dem Berufsleben ausscheidenden Allgemeinmedizinern. Nicht nur Landrat Thomas Reumann hält diese Zahlen für „alarmierend“.

Verstärkter Bürokratieabbau

Von den am meisten betroffenen Gemeinden packte das kleine Hohenstein das Problem am Schopfe und machte sich daran, die „Handlungsempfehlungen“ der Gesundheitskonferenz in die Tat umzusetzen. Gemeint sind die wohnortnahe Versorgung, finanzielle Anreize für Hausärzte, verstärkter Einsatz nichtärztlicher Gesundheitsberufe, weniger Bürokratie und Nachwuchswerbung. Die geforderte Verankerung der Allgemeinmedizin im Studium hat sich das Landratsamt zur Aufgabe gemacht und mit der Uni Tübingen einen Lehrstuhl realisiert.

Im Teilort Bernloch ist inzwischen ein Gesundheitszentrum entstanden, das bundesweit Aufmerksamkeit erregt. Hohenstein gilt als Beispiel dafür, wie man dem Ärztemangel auf dem Land erfolgreich begegnen kann. Beide, Gesundheitskonferenz und Gesundheitszentrum, werden als Beispiele im Gutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen erwähnt. Motiviert von der Hoffnung, dass sich ein Arzt doch finden lasse, wenn er die Praxis zur Miete bekomme und finanziell nicht in Vorlage treten muss, investierte die Gemeinde 550 000 Euro in ein Gebäude. Der Mut wurde belohnt und damit eine Umfrage des Landkreises unter angehenden Medizinern bestätigt: Nicht etwa die Sorge vor geringeres Einkommen hält junge Ärzte davon ab, auf die Alb zu ziehen. Es ist die Scheu vor einer hohen Investition in eine Landpraxis.

Inzwischen spricht man in Hohenstein von einem Gesundheitszentrum, in dem Logotherapie und Ergotherapie angeboten werden. „Der Clou aber“, sagt Landrat Reumann, sei eine „Lehrpraxis für Allgemeinmedizin und interprofessionelle Versorgungsforschung“, in der die Zusammenarbeit unterschiedlicher Gesundheitsberufe sowie eine effektive und patientenorientierte Versorgung im Gesundheitswesen reflektiert werden, in der sich aber auch und vor allem Studierende der Universität Tübingen mit den Aufgaben eines Allgemeinmediziners vertraut machen können. Betreut werden sie dabei von der Lehrstuhlinhaberin Stefanie Joos sowie einem Facharzt der Uni mit dem Ziel, „der Allgemeinmedizin unter den Studierenden ein besseres Image“ zu verpassen. Geplant ist, die Quote von zehn Prozent Allgemeinmediziner auf 25 Prozent anzuheben.

Das Konzept scheint aufzugehen. Nicht nur, dass die Studentinnen und Studenten für ein praktisches Jahr in Hohenstein Schlange stehen. Mit 70 Anfragen nach einer Promotion liegen sehr viel mehr vor, als der Lehrstuhl vergeben kann. „Der erste Schritt ist gemacht, sagt Bürgermeister Jochen Zeller. „Wir werden das Gesundheitszentrum weiterentwickeln.“ Als Geschäftsführerin der Gesundheitskonferenz hat Monika Firsching einige Module im Blick, die an das bestehende Zentrum angedockt werden sollen: eine kleine Halle für therapeutische Zwecke, ein Pflegestützpunkt samt Beratungsstelle, eine Zahnarztpraxis, fachärztliche Begleitung.

Verteilte Finanzierung

Wie schnell sich das umsetzen lässt, hängt auch von Fördermitteln ab, die man sich aus dem „PORT“-Programm der Robert-Bosch-Stiftung erhofft. Immerhin habe man es unter die letzten acht Bewerber gebracht. Mit oder ohne PORT steht für Firsching fest: „Wir werden das Konzept auf jeden Fall durchziehen.“

Bisher teilen sich die Finanzierung verschiedene Akteure. Die Kassenärztliche Vereinigung rechnet mit Arzt und Praxis ab, die Gemeinde kümmert sich um die bauliche Infrastruktur, ein mit Sponsoren besetzter Förderverein alimentiert den Arzt und die Geräte der Forschungspraxis. Zeller ist sich bewusst, dass seine Gemeinde etwas Besonderes für die Schwäbische Alb leistet. „Das Gesundheitszentrum wird über Hohenstein hinausstrahlen. Und wir wollen zeigen, dass es möglich ist, die medizinische Versorgung im ländlichen Raum sicherzustellen.“

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21.10.2016, 06:00 Uhr

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