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Haiti

„Die Lage ist katastrophal“

Die Regierung der bitterarmen Karibikinsel ruft um Hilfe. Heftiger Regen und Sturm haben große Teile der Ernte vernichtet. Wie nach dem großen Erdbeben von 2010 treten Cholerafälle auf.

08.10.2016
  • DPA/EPD

Port-au-Prince. Eingestürzte Häuser, möglicherweise 500 Tote, geknickte Bäume, überflutete Straßen – der Hurrikan „Matthew“ hat eine Schneise der Zerstörung durch West-Haiti gezogen. „Der Sturm hat Dächer abgedeckt, Strommasten umgerissen, viele Leute haben in Kirchen und Schulen Schutz gesucht“, sagt Doris Wasmeier, die seit dem schweren Erdbeben mit 300 000 Toten im Jahr 2010 für die Caritas in Haiti arbeitet. „Jetzt beginnen die Aufräumarbeiten. Lebensmittel und Hygieneartikel werden verteilt.“

Am härtesten hat der Wirbelsturm der Kategorie 4 die Departments Sud und Grand‘Anse im Südwesten getroffen. „Wir wissen noch nicht, wie die Lage in der Region ist“, sagt Wasmeier. „Die Kommunikation ist zusammengebrochen und die wichtigste Verbindungsbrücke eingestürzt. Das Gebiet ist völlig abgeschnitten.“

Fotos des Zivilschutzes zeigen, dass sich Wege in schlammige Bäche verwandelt haben. Eine wichtige Brücke, die die Hauptstadt mit dem Süden des Landes verbindet, ist zusammengebrochen. Rettungskräfte bringen manche Menschen huckepack in Sicherheit. Nicht alle Bewohner der Region hatten dem Evakuierungsbefehl der Regierung Folge geleistet, viele wohl aus Angst vor Plünderungen.

„Die Lage ist katastrophal“, sagte Interimspräsident Jocelerme Privert der Zeitung „Miami Herald“. Dabei hätte es noch schlimmer kommen können. „Wir haben Glück, dass der Hurrikan in einer Region eingetroffen ist, wo die Bevölkerungsdichte nicht so hoch ist“, sagt Alexander Mauz, der die Hilfe des Arbeiter-Samariter-Bunds in Haiti koordiniert. „Deshalb gibt es wenig Opfer zu beklagen.“

Allerdings sei die Lebensgrundlage vieler Menschen zerstört worden. Langfristig bräuchten sie Hilfe bei Wiederaufbau ihrer Häuser oder Saatgut-Spenden. „Am meisten Sorgen machen uns die ländlichen Regionen. Dort ist die Infrastruktur sehr schlecht“, sagt Sabine Wilke von der Hilfsorganisation Care. „Wir haben aber Hilfsgüter wie haltbare Lebensmittel, Eimer, Decken und Plastikplanen vor Ort eingelagert und können sie jetzt zügig verteilen.“

350 000 brauchen Hilfe

Haiti ist das ärmste Land Lateinamerikas. Der Inselstaat leidet noch immer unter den Folgen des Erdbebens von 2010. Seitdem leben immer noch Menschen in Zelten oder einfachen Hütten. Die Versorgungslage ist schlecht, abgelegene Ortschaften sind ohnehin nur schwer zu erreichen. Die wirtschaftlichen Schäden im Armenhaus Amerikas dürften enorm sein. Der Regionalchef der Hilfsorganisation World Vision, John Hasse: „Wir haben von mehreren Dörfern gehört, die ihre ganze Bananen-Ernte verloren haben – und das noch nicht einmal in der am stärksten betroffenen Region.“

Einsatzkräfte lokaler und internationaler Hilfsorganisationen versuchen, ins Katastrophengebiet zu gelangen „Es soll versucht werden, neben der eingestürzten Brücke in den Süden eine Ersatzbrücke zu errichten“, sagt Wasmeier. Die Vereinten Nationen rechnen damit, dass mindestens 350 000 Menschen Unterstützung benötigen.

„Wir gehen davon aus, dass die südliche Halbinsel am schwersten getroffen ist, hier ist der Wirbelsturm direkt durchgezogen“, sagt die stellvertretende Care-Länderdirektorin Laura Sewell. „Die Menschen leben dort in kleinen Häusern mit Dächern aus Bananenblättern oder Wellblech.“ Solche Unterkünfte könnten starkem Regen und Wind kaum standhalten.

Die Experten warnen jetzt vor allem vor den Folgen. Sylvie Savard von der Katastrophenhilfe der Diakonie: „Es geht jetzt vor allem darum, die Menschen mit sauberem Trinkwasser, notdürftigen Unterkünften und Hygieneartikeln zu versorgen, um eine Ausbreitung von Krankheiten zu vermeiden.“

Nach dem Erdbeben 2010 war in Haiti die Cholera ausgebrochen, tausende Menschen starben daran. Gestern wurden schon die ersten neun neuen Cholerafälle bekannt.

Politisch ist Haiti hochgradig instabil. Das Ergebnis der Präsidentenwahl vor einem Jahr wurde wegen schwerer Betrugsvorwürfe annulliert. Eine Übergangsregierung regiert seit Monaten das Land. Wegen des Wirbelsturms wurden für Sonntag angesetzte Wahlen verschoben. dpa/epd

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08.10.2016, 06:00 Uhr

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