Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Die Leiden der „Leibeigenen“
Die Angeklagten Wilfried W. (zweiter von links) und seine Ex-Frau Angelika W. sie verbirgt ihr Gesicht im Landgericht Paderborn. Foto: dpa
Gericht

Die Leiden der „Leibeigenen“

Auftakt zum Mordprozess um das „Horrorhaus von Höxter“: Die Staatsanwaltschaft schildert grausige Details aus der Leidenszeit von zwei Opfern. Die Angeklagten zeigen keine Regung.

27.10.2016
  • FLORENTINE DAME/CARSTEN LINNHOFF, DPA

Paderborn. Das erste Auftreten der Angeklagten im Gericht ist schwer zusammenzubringen mit den monströsen Vorwürfen, die der Staatsanwalt ihnen macht: Planvoll und grausam sollen Angelika und Wilfried W. immer wieder Frauen mit Kontaktanzeigen in ihr Haus ins ostwestfälische Höxter gelockt haben, um sie zu ihren Leibeigenen zu machen, systematisch zu quälen und zu misshandeln. Zwei Frauen starben.

Mit einer roten Aktenmappe vor dem Gesicht betritt erst Angelika W. das Gericht in Paderborn. Hinter ihrem Schutzschild aus Papier harrt sie aus, bis die Presse den Raum verlassen hat. Als sie die Mappe sinken lässt, gilt ihr erster Blick dem Ex-Mann, der zwei Meter entfernt sitzt.

Der 46-Jährige hatte sich beim Eintreten ganz anders gegeben als die ein Jahr ältere Mitangeklagte: Aufrecht blickt Wilfried W. den Kameraleuten in die Linsen. Er wirkt gelassen, nicht wie einer, dem lebenslänglich, vielleicht sogar Sicherungsverwahrung drohen. Nur ein nervöses Augenzucken kann er nicht verbergen. Vor dem Prozessauftakt hatte sein Anwalt Detlev Binder betont, sein Mandant bestehe darauf, nicht die treibende Kraft hinter den Misshandlungen gewesen zu sein.

Gewalt begann nach der Heirat

Oberstaatsanwalt Ralf Meyer geht jedoch davon aus, dass beide Angeklagte gemeinsam ihre Opfer quälten und misshandelten. Rund 20 Minuten trägt Meyer grausame Details aus der Anklageschrift vor. Gegenstand des Verfahrens sollen zwei Todesfälle und Dutzende Körperverletzungen sein – auch an zwei weiteren Opfern, die lebend entkamen. Ein Vorfall soll sich schon vor dem Umzug nach Höxter-Bosseborn abgespielt haben. Ermittlungen zu weiteren Fällen laufen noch.

Angelika und Wilfried W. hatten sich scheiden lassen, wie der Ankläger vorträgt. Sie blieben aber im Haus wohnen und entschieden, mit Kontaktanzeigen eine Frau zu suchen, die Wilfried W. als „Leibeigene“ dienen sollte. Sie fanden Annika F. aus Uslar, die 2013 aus Niedersachsen nach Höxter zu dem Paar zog, das sich fortan als Bruder und Schwester ausgab. F. heiratete Wilfried sogar. Erst dann hätten die Gewalttätigkeiten begonnen, um allmählich ihren Willen zu brechen.

Angelika und Wilfried W. auf der Anklagebank zeigen keine Regung. Äußerlich unbewegt folgen sie dem Vortrag des Oberstaatsanwalts: F. sei mit heißem Wasser verbrüht, geschlagen, gewürgt worden. Wilfried habe ihr die Beine weggeschlagen, den Fuß auf die Kehle der Liegenden gesetzt. Sie habe seinen Urin trinken müssen, sei mit einem Elektroschocker gequält worden. Weil es die Angeklagten gestört habe, dass sie nachts zur Toilette ging, fesselten sie ihr Opfer. Eingenässt, die Hände und Beine auf den Rücken gebunden, musste sie in der Badewanne ausharren. Sie wurde mit kaltem Wasser abgespritzt oder mit heißem Wasser verbrüht.

Einmal soll die Angeklagte das Wasser so lange laufen gelassen haben, dass Annika fast ertrank. Wilfried habe die Bewusstlose aus dem Wasser geholt. Nach Monaten der Misshandlungen sei sie so schwach gewesen, dass sie nicht mehr laufen konnte. Dann sei sie auf den Hinterkopf gestürzt, als Angelika W. sie abrupt nicht mehr stützte. Sie starb wenig später.

Tödlich ging das Martyrium 2016 auch für Susanne F. aus dem niedersächsischen Bad Gandersheim aus. Auch sie hatte sich in Wilfried W. verliebt, soll ihm hörig gewesen sein, bevor die Züchtigungen begannen. Die Haare seien ihr büschelweise ausgerissen worden, Angelika W. habe sie mit einem Gürtel gewürgt. Fesseln an den Handgelenken verursachten Wunden. Auch sie musste laut Anklage nächtelang angekettet auf dem Boden schlafen. Schließlich sollen die Angeklagten die völlig geschwächte Frau so lange hin- und hergeschubst haben, bis sie mit dem Kopf gegen einen Schrank schlug.

Erst ihr Tod im Krankenhaus ließ auffliegen, was jahrelang im von den Medien „Horrorhaus von Höxter“ getauften Hof passiert sein soll. Angelika W. erzählte den Ermittlern viele Details. Auch vor Gericht will sie aussagen. „Meine Mandantin hat Taten eingeräumt, die weit über das hinausgingen, was anfänglich Gegenstand der Ermittlungen war“, sagt ihr Anwalt. Sie habe damit sowohl sich selbst als auch ihren Ex-Mann schwer belastet.

Wer welche Rolle gespielt hat bei den tödlichen Misshandlungen, wird in einem langwierigen Prozess zu klären sein. Er dauert mindestens bis Ende März.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

27.10.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball