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Die Leute suchen den Kitzel
Dieser einsame Wanderer auf dem Kirchentellinsfurter Baggersee hat Glück gehabt. Er kam trockenen Fußes wieder ans Ufer. Doch unter der Eisschicht gibt es Strömungen und wärmere Abschnitte, die Eisdecke ist nicht überall gleich dick. Rettende Hilfe dauert zu lange.Bild: Grohe
Lebensgefahr

Die Leute suchen den Kitzel

Das Betreten des vereisten K’furter Sees ist verboten. Viele tun es dennoch. Einer bretterte sogar mit dem Quad übers Eis, im Schlepptau zwei Kids.

26.01.2017
  • Manfred Hantke

Ich war am Freitag da und habe gemessen: 15 Zentimeter“, sagt der Familienvater und zieht Mittelfinger und Daumen weit auseinander. So dick also soll die Eisschicht sein, die den Kirchentellinsfurter See bedeckt. Die Warnung von Bürgermeister Bernd Haug, das Eis mit den beiden kleinen Kindern wegen Lebensgefahr besser nicht zu betreten, schlug der Mann gestern Nachmittag in den eiskalten Wind. Er spielte mit den etwa Sieben- und Achtjährigen Eishockey, rund 15 Meter vom Ufer entfernt.

Kamen gestern Nachmittag zwischen 14 und 15 Uhr nur wenige Waghalsige, die den vereisten See betraten, war am vergangenen Wochenende „ordentlich was los“, so Matthias Raster, stellvertretender Vorsitzender vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Kirchentellinsfurt. Etwa 100 Leute standen, gingen und fuhren gleichzeitig auf dem Eis. Kinder sprangen auf dem Eis herum, so Raster, und Jugendliche fuhren gar mit ihrem Roller auf dem See. Schier unfassbar für ihn: ein Mann bretterte mit einem schweren Quad übers Eis und zog zwei Kinder auf ihren Schlitten hinter sich her, gefährdete sich, die Kids und andere. Trotzdem Raster allen vom Eise abriet, hätten ihm „viele erklärt, warum man dennoch auf den See kann“.

„Die Leute suchen den Kitzel“, ist der Mann vom DRK überzeugt. Einige hätten jene dunklere Stellen mit Rissen gesucht und seien darauf herumgehüpft. Doch der See ist tückisch: Er hat warme Quellen und Strömungen, warnt Raster. Das Eis sei nicht überall gleich dick.

Wer ins Eis einbricht, hat schlechte Karten, warnt der DRK-Vize. Ziemlich schnell verkrampfe sich alles, nach wenigen Minuten könnten Hände und Finger nicht mehr bewegt werden, die schwere Winterkleidung zieht ihn hinab.

Die DRK-Helfer seien zwar nach sechs bis sieben Minuten am See, doch Wasser- und Eisrettung gehörten nicht zum Aufgabenbereich des DRK Ortsvereins Kirchentellinsfurt-Kusterdingen. Das DRK habe kein Boot, könne höchstens im nahen Uferbereich helfen. Wie, das haben die DRK-ler mit der Feuerwehr und dem DLRG am Samstag auch geübt– mit dem Rettungsbrett und dem Wurfsack. Im Ernstfall rückt aber auch die Wehr aus, ebenfalls der Wasserrettungszug Neckaralb, um eingebrochene Personen zu retten. Er hat „Überlebensanzüge“ dabei. Nachteil: der Wasserrettungszug kommt aus dem Industriegebiet Mark West. Bis er am Baggersee ist, vergehen 20 Minuten. Da könnte die Hilfe zu spät kommen.

Den See freigeben, wie es der eine oder andere gerne hätte, will Bürgermeister Haug ganz bewusst nicht. Er hat Warnschilder anbringen lassen, die das Betreten der Eisfläche aus Sicherheitsgründen verbieten. „Achtung Lebensgefahr“ steht drauf. Noch weitaus gefährlicher als in diesen Tagen wird der See aber, wenn die Temperaturen in den nächsten Tagen wieder etwas steigen.

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26.01.2017, 01:00 Uhr

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26.01.2017

16:55 Uhr

cehage schrieb:

Tja, was soll man dazu sagen? Ich bin teilweise etwas zwiespältig. Sind Eltern, die ihre Kinder trotz der Hinweise auf die Lebensgefahr aufs Eis führen, einfach nur leichtsinnig und unverantwortlich, oder bringen sie ihnen vielleicht Eigenverantwortung und Gefahrenabschätzung bei? Ich war nicht dort, ich weiß es nicht.

Was ich aber weiß: Menschen sind oft wie Herdentiere. Einer fängt an, der nächste macht es nach. Das ist wie vor einer roten Fußgängerampel. Auch dort lässt sich gut beobachten, wie verschieden persönliche Kompetenzen verteilt sind. Ganz offensichtlich fällt es vielen schwer, einer Versuchung zu widerstehen, oder ein gutes Beispiel zu sein.

Das Problem ist nur: Heute spielt ein Vater mit seinen Jungs, morgen die Jungs mit ihren Freunden und übermorgen gehen die jüngeren Geschwister oder kleinen Nachbarskinder allein aufs Eis, weil die Großen machen es ja auch.



 

 

 
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