Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Den Schatz heben

Die Linke diskutierte über das Leben in Würde

„Wer Hürden baut, schränkt die Würde ein“: Das ist eine der Thesen von Ilja Seifert. Der Bundestagsabgeordnete und behindertenpolitische Sprecher der Linken besuchte am Donnerstag Tübingen.

21.08.2010

Tübingen. Im Sommer ist der Bundespolitiker regelmäßig auf Tour. Bis gestern führte sie ihn durch Baden-Württemberg. Beim Tübinger Zwischenstopp vorgestern sprach er unter anderem über die UN-Behindertenrechtskonvention – in seinen Augen „ein Schatz, der noch gehoben werden muss“. Dafür warb der 59-Jährige, der seit einem Badeunfall mit 16 Jahren im Rollstuhl sitzt, beim Gespräch vor zehn Gästen im „Projekt 14“. Unter ihnen war auch Willi Rudolf, der Behindertenbeauftragte des Kreises.

Der gebürtige Berliner Seifert weiß sich durch die UN-Konvention in seiner Überzeugung gestärkt: „Nicht die Behinderten müssen sich anpassen, sondern die Gesellschaft muss sich verändern.“ Dafür kämpft er seit Jahren als Abgeordneter, aber auch als Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbands in Deutschland. Zum Vortrag hatte die Landesarbeitsgemeinschaft „Selbstbestimmte Behindertenpolitik“ der Linken geladen – vertreten durch ihre Sprecher Stephan Lorent und Gotthilf Lorch. Sie bewerben sich beide um eine Landtagskandidatur: Lorent in Tübingen, Lorch in Ravensburg.

Der promovierte Germanist Seifert, der abends noch eigene Texte unter dem Motto „Politik und Poesie“ las, sprach über „viele Hürden in den Köpfen und manche sehr manifest in Beton“. Die drei Diskutanten waren sich einig, dass jeder Mensch seine Persönlichkeit frei entfalten und sein Leben nach dem eigenen Entwurf gestalten können muss.

Eine ihrer politischen Konsequenzen daraus heißt, dass die Gesellschaft die Nachteile, die der oder die Einzelne nicht selbst beheben kann, ausgleichen muss. An der Schulpolitik zeigte der Gast aus Sachsen, wie der „ganz andere Ansatz“ der UN-Behindertenkonvention – „alle, die hier sind, gehören dazu“ – übersetzt werden kann. Die Frage müsse heißen: „Wie bekommen wir es hin, dass alle Kinder in die Schule um die Ecke gehen können?“ Dazu brauche es allerdings andere Voraussetzungen: etwa Klassen mit maximal zwölf Kindern und eine andere Lehrerausbildung. Im Zentrum müsse die Frage stehen, was die Kinder können und was sie brauchen.

Die Diskussion war schnell bei den Hürden. Beispielsweise im Schulsystem, das auf Aussonderung, nicht Teilhabe aller angelegt ist. Und bei den Kosten, die immer wieder als Gegenargument angeführt werden. „Es kostet Kraft und es braucht Mut und politischen Willen, alte Zöpfe abzuschneiden“, sagte der Referent. Doch mit dem „Würdekonzept“ des Grundgesetzes und der UN-Konvention gebe es gute Voraussetzungen für Veränderungen. Denn: „Nichts zu tun, ist sträflich.“

Persönliches Budget, Selbstvertretungsrecht, alltägliche Barrieren, eine starke Behindertenbewegung vor Ort wie etwa im Kreis Tübingen – Seifert, Lorent und Lorch sprachen am Donnerstag viele Facetten an. Der Abgeordnete forderte, dass eine „neue Denkweise“ in die Parlamente gebracht werden müsse: „Der Nutzen liegt bei allen.“

Dies illustrierte er an Beispielen. Etwa Ampeln für Blinde, die durch schnellere Tonsignale anzeigen, dass Fußgänger Grün haben. Das erhöhe auch die Sicherheit für Kinder, berief Seifert sich auf Erfahrungen. Und fast schon Standard: die sogenannte Einhebelmischbatterie an Waschbecken, die nach dem Contergan-Skandal entwickelt worden ist. Oder Hörbücher, die zunächst für Blinde auf den Markt kamen. „Inzwischen streiten sich große Schauspieler darum, wer sprechen darf.“ Für manche im Publikum waren das völlig neue Gesichtspunkte.

kai

Die Linke diskutierte über das Leben in Würde
Ilja Seifert Bild: Sommer

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

21.08.2010, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball