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Die Macht der „Opfer“
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Die Macht der „Opfer“

10.12.2016
  • TOBIAS KNAACK

Nun denn. Vergangene Woche ging es in den Tagesthemen um Spiegelberg. Den 2123 Einwohnern geht es dem Bericht zufolge gut: Fast alle haben Arbeit und die Kriminalitätsrate ist gering. In der Gemeinde im Rems-Murr-Kreis leben gerade einmal 160 Ausländer, 81 davon sind nicht aus der EU. Und dennoch haben mehr als 26 Prozent der Spiegelberger bei der Landtagswahl im März die rechtspopulistische AfD gewählt. Ein Team der ARD suchte nach den Gründen und fand Bürger, die sich als Zahlmeister empfinden, verpflichtet zur Aufnahme von Fremden. „Das können nur die oben ändern, der kleine Mann kann da gar nichts dagegen tun“, sagte eine Frau.

Es sind vor allem zwei Begriffe, die sich aus den Aussagen der Spiegelberger filtern lassen – und die so überall in Deutschland hätten fallen können: Angst und Opfer. Die diffuse Angst davor, der eigene Wohlstand werde angegriffen. Und die Definition des Selbst als Opfer in einem großen System. Beide, die Angst und das Opfer, hängen zusammen. Und beide sind extrem gefährlich.

Denn: Diese Art der Selbststilisierung als Opfer ist ein enormer Egoismus, dessen dramatisierter Dreiklang etwa so lautet: „Hier ist es schön, das ist meines, das soll so bleiben.“ Er ist Ausdruck einer Abgrenzung, die nach außen, aber auch nach innen zielt: Jemand, die Flüchtlinge, macht uns unser Erreichtes streitig. Und „die da oben“, die Politiker, lassen es zu. Eine andere Aussage aus Spiegelberg: „Die bekommen alles.“ Gemeint sind Flüchtlinge – und der gedachte, aber nicht formulierte Zusatz lautet: „Ohne etwas dafür tun zu müssen.“ Die immanente und ziemlich hässliche Aussage: Minderheit müsste man sein.

Deutschland geht es gut – aller Probleme zum Trotz. Und es ist schlicht krude, wenn diejenigen, denen es gut geht, rhetorisch den Status derjenigen reklamieren, die tatsächlich auf Hilfe angewiesen sind. Denn die Einnahme der Opferrolle ist, wird sie so instrumentalisiert, auch eine Manifestation der Machtverhältnisse zugunsten des Mehrheitsbürgers. Wenn die gut situierten Vielen schon Opfer sind, wo ist dann der sprachliche – und der reale – Platz für die bedürftige Minderheit?

Die selbststilisierten Opfer vergessen in ihrer Argumentation, dass der Wohlstand, den sie verteidigen wollen, das Ergebnis eines jahrzehntelangen Prozesses ist. Dass er Resultat der Beteiligung von Bürgern ist, die sich ihrer Gestaltungskraft und ihrer Verantwortung für die Demokratie bewusst waren. Und vor allem: Dass er ein Status Quo ist, für dessen Erhalt jeden Tag gekämpft werden muss. Wer sich also auf eine Opferrolle zurückzieht, auf eine Ohnmacht einem großen, unüberschaubaren System gegenüber beruft, der negiert die eigene Verantwortung und dokumentiert nur die Bequemlichkeit, mit der wir uns in unserem Wohlstand eingerichtet haben.

Spiegelberg ist überall in Deutschland. Und wenn wir Angst um unseren Wohlstand haben, dann liegt es an uns allen, ihn zu erhalten. Wirklichkeit ist immer in Veränderung begriffen und jeder ist gefordert, diese mitzugestalten. Der Rückzug in eine Opferrolle jedenfalls, dieser freiwillige Weg in die Ohnmacht, führt nicht zum Ziel, er ist eine Sackgasse.

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10.12.2016, 06:00 Uhr

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