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Studentin sammelt Charakterköpfe

Die Medienwissenschaftlerin Kathrin Kammerer macht Fotos und Mini-Porträts von Männern und Frauen aus Tübingen

Was oder wer verbindet Tübingen mit New York? Kathrin Kammerer. Die 22-jährige Studentin hat nach dem Vorbild der Ostküsten-Metropole ein Projekt ins Leben gerufen, das sich „Humans of Tübingen“ nennt. Darin porträtiert sie Menschen der Stadt, in Bild und Text.

03.11.2014
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. An Vielfalt traut man New York ungleich mehr zu als Tübingen. Doch in mancher Beziehung steckt in jeder Stadt ein bisschen New York. Auch in Tübingen lassen sich überraschende Biografien aufstöbern, und auch hier trifft man Individualisten in Hülle und Fülle. Die Medienwissenschaftsstudentin Kathrin Kammerer musste sich also nicht lange auf die Suche nach interessanten Tübingern machen, sie begegnen ihr geradezu auf Schritt und Tritt. Und da die 22-Jährige selber genug Neugier auf Menschen mitbringt, wächst und gedeiht ihr Projekt.

Anonym in Tübingen wirkt eher komisch

Es begann eigentlich als Seminararbeit im vierten Semester. Mit zwei anderen Studierenden drehte Kammerer kleine Filme, die sie dann über Facebook veröffentlichte und gleich mal viele Likes erntete. Die Porträtierten sollten vor der Kamera ihren größten Erfolg benennen. Das Ganze war nach New Yorker Vorbild anonym gehalten. So sagte nun etwa ein anonymer Julian Albus, dass für ihn der größte Erfolg im „Nicht-Abstieg der Tigers“ lag.

„Anonym in Tübingen“ bringt nicht viel. Kammerer empfand es bald als widersinnig und gab ihren Porträts Namen. Außerdem merkte sie, dass sie sich des falschen Mediums bedient hatte. „Film ist nicht meins“, sagt sie. „Ich fotografier‘ und schreib‘ lieber.“

Als freie Mitarbeiterin beim „Schwarzwälder Boten“ in Rottweil war sie schon im Schreiben erprobt und machte nun nach Ende des Sommersemester-Seminars auf eigene Faust weiter. Sie wolle eben die „Vielfalt unserer lebendigen, charmanten, kleinen Stadt im Schwabenländle zeigen“, sagt sie, wie für den Reiseführer getextet. Dennoch macht sie, was die wenig-sten Studierenden schaffen, sie begab sich aus dem akademischen Kosmos heraus und lichtete Köpfe des einen oder anderen Tübingers ab. Zu den Gesichtern sammelt sie auch deren Geschichten. Die Geschichten sind oft kurz gehalten und häufig der Darstellung des Porträtierten überlassen.

Fließend Wasser kostet zu viel

Über den 67-jährigen Volker „Volki“ Freude, der in der Künstlerkolonie vor dem Natursteinepark Rongen lebt und einst als Schriftsetzer und Grafiker arbeitete, schreibt Kammerer: „Was er sich auf der kleinen Lichtung, etwas außerhalb von Tübingen in den 90er Jahren dann aufbaut, ist wahrscheinlich einzigartig: Kunstwerke und liebevolle kleine Details zieren die Innenräume seines Hauses, es ist ein Sammelsurium aus verschiedenen Stilen, die trotzdem erstaunlich gut miteinander harmonieren. Alle paar Jahre baut Freude um oder streicht neu – ,zu lange dasselbe gefällt mir nicht‘. Er genießt sein Leben abseits vom Trubel. ,Was Schöneres kannst du nicht haben, das ist Natur pur, absolut toll hier.‘ Einen Stromanschluss hat er, nur kein fließend Wasser. ,30 000 Euro hätte die Leitung gekostet – und es geht auch gut ohne‘, sagt der Rentner. Wenn der Trinkwasservorrat zu Ende geht, muss er eben neues an einer 2,5 Kilometer entfernten Quelle holen.“ Kammerer schreibt auch, dass er selten in die Stadt geht und dass er die Wintermonate auf einen Campingplatz in Lanzarote verbringt.

Fünfzig Porträts will Kammerer zusammenbekommen, und sie ist nahe dran. Es sind bekannte Tübinger darunter wie Kinobetreiber Volker Lamm, Stadtrat Ernst Gumrich oder der Fußballer Oliver Lapaczinski. Aber auch ein Zimmermannsgeselle, die Tübinger Bierkönigin, Musiker, Trottwar-Verkäufer, Händlerinnen. Die Galerie verlängert sich durch Tipps und Zufall. Bislang sind die kurzen „Biopics“ nur auf Facebook zu sehen, im Januar soll es eine kleine Ausstellung in der Shedhalle beim Schlachthof geben. Auch dafür hat Kammerer schon getrommelt und Spendengelder eingeworben. Freunde backen Muffins zur Eröffnung, und Brezeln stiftet ein Bäcker. Eine kleine Broschüre soll entstehen. Wenn nur jeder Porträtierte zur Vernissage kommt und ein paar Freunde mitbringt, dürfte die Halle schon voll werden, so kann sich Kammerer ausrechnen. In ein Porträt der Studentin selbst, die schon viele Stunden in ihr Projekt steckte, würde unbedingt der Satz gehören: „Es ist mein Hobby geworden.“

Die Medienwissenschaftlerin Kathrin Kammerer macht Fotos und Mini-Porträts von Männern und Frauen
Volker „Volki“ Freude lebt sein Künstlerleben beim Natursteinepark Rongen in der Nähe vom Bergfriedhof.Bild: Kammerer

Die Medienwissenschaftlerin Kathrin Kammerer macht Fotos und Mini-Porträts von Männern und Frauen
In Rottweil geboren und zum Studium nach Tübingen: Kathrin Kammerer arbeitet sich aber auch durch den nicht-akademischen Teil der Stadt. Bild: Metz

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03.11.2014, 12:00 Uhr

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