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Hilfen ohne Zwang

Die Mobile Jugendarbeit im Hohbuch ist Anlaufstation für junge Leute

Hier sagen junge Leute, welche Hilfen sie brauchen – und bekommen sie, wenn möglich. Ohne Zwang. Die Mobile Jugendarbeit im Hohbuch/Schaf stall macht seit 1997 Streetworking.

25.08.2014
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Dienstagnachmittag im Büro der Mobilen Jugendarbeit im Hohbuch/Schafstall. Sechs, sieben junge Leute hängen herum, hören Musik, spielen Billard oder chillen. Hier darf man sich auch mal eine Auszeit nehmen, wenn man daheim Stress hat oder gerade einfach nichts zu tun. Der Verein Hilfe zur Selbsthilfe betreibt die Einrichtung in der Pestalozzistraße seit 1997. Die Stadt, der Kreis, das Land und die Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit zahlen Zuschüsse, den Löwenanteil trägt die Stadt. Sozialpädagogin Heide Barth arbeitet seit diesen Anfängen im Hohbuch. „Hier im Stadtteil kennt man uns. Das ist wie ein kleines Dorf“, sagt die 54-Jährige. „Man kennt sich – zumindest vom Sehen. Das macht das Arbeiten leichter.“

Ihr Kollege Daniel Bergers, 37, hat seit April eine 75-Prozent-Stelle im Büro. Weitere 25 Prozent arbeitet er in einer Innenstadt-Sozialeinrichtung in der Glaserstraße. Was ist der Unterschied zwischen den Vierteln? „Im Hohbuch gibt es gewachsene Strukturen“, sagt Bergers nach kurzem Nachdenken. Der Zusammenhalt in den Familien funktioniere besser als in der Innenstadt. Dort werde entsprechend zunehmend auch bei jungen Leuten Obdachlosigkeit zum Thema. „Hier draußen kennen sie immer noch jemand, bei dem sie unterschlüpfen können.“

Barth und Bergers machen aufsuchende Jugendarbeit – Streetworking. „Wir sind auf der Straße unterwegs und machen ein niederschwelliges Angebot“, sagt Bergers. Das besteht darin, den Jugendlichen zu helfen. Die Sozialarbeiter begleiten junge Leute zu Behörden, zu Ämtern, in Schulen, zum Arzt – und auch vor Gericht. „Das macht sonst kaum eine Einrichtung als offenes Angebot“, sagt Barth. Manche leisten auch ihre Arbeitsstunden im Büro der Jugendarbeit ab, wenn sie verknackt wurden. Den Ausschlag gebe, was die Klientel will. „Der junge Mensch ist der Chef im Ring“, formuliert es Bergers. Die Zielgruppe ist 14 bis 27 Jahre alt – „aber wenn jemand mit 28 kommt, schicken wir ihn auch nicht weg.“

Es gehe nicht darum, „zu schauen, dass sie in der Spur laufen“. Anders als Ämter und Arbeitsagentur mit ihren Mindestanforderungen helfen Barth und Bergers egal, was passiert. „Wir sagen: Wenn die dritte Ausbildung nicht klappt, versuchen wir es eben mit der vierten und schauen, woran es gelegen hat.“

Ihre Devise laute nicht: „Du musst“, sondern sie schauen, was die jungen Leute brauchen. 70 bis 100 im Jahr begleiten sie intensiv, „aber wir kennen sehr viel mehr“. Als Streetworker suchen die Sozialarbeiter Jugend-Treffpunkte im Viertel auf, an Schulen und Sportplätzen. Sie frischen Kontakt über Facebook auf, das sei für manche Jugendliche niederschwelliger als anzurufen. Freilich weisen die Betreuer auch auf die Risiken sozialer Netzwerke hin.

Der Migrantenanteil ist hoch. Barth und Bergers helfen in vielen Feldern. Vom Antrag auf Arbeitslosengeld bis zum Sortieren der Unterlagen für die Schuldnerberatung. Jeweils dienstags und freitags von 16 bis 18.30 Uhr sind die Sozialarbeiter auf jeden Fall in der Pestalozzistraße 105 anzutreffen.

Die Probleme der Klientel reichen von psychischen Erkrankungen über Drogen- und Alkoholkonsum, schulischen Schwierigkeiten bis hin zum Übergang ins Arbeitsleben, das dann wieder neue Probleme mit sich bringt. Viele würden gerne daheim ausziehen, können sich aber noch keine eigene Wohnung leisten. „Das ist jeweils alterstypisch“, so Barth.

Mit 14 oder 15 Jahren haben die Jugendlichen Zoff zuhause. Oder Schwierigkeiten in der Schule, manche fliegen. Später suchen sie nach Ausbildung. Einige kommen lange Zeit nicht unter, andere brechen die Ausbildungen immer wieder ab. „Das kann Jahre dauern“, so die Sozialarbeiterin. Sie geraten an Drogen, bekommen Ärger mit der Justiz. Dann gründen sie eigene Familien – und müssen sich mit der Bürokratie im Sozialamt oder bei der Arbeitsagentur herumschlagen. „Wir versuchen, sie an die Hand zu nehmen und mit ihnen einen Fahrplan zu entwickeln, sagt Bergers. Dabei darf auch etwas schiefgehen. „Das passiert eben. Das Leben besteht daraus, dass etwas nicht funktioniert.“

Es gibt seit langem eine Fußballgruppe. Mit einer Clique Jugendlicher richteten die damaligen Sozialarbeiter vor zwei Jahren eine Schutzhütte oberhalb des Jugendhauses als Treffpunkt her. Das oberste Motto der Sozialarbeiter lautet: Kontakt halten. „Wir brechen nie einen Kontakt ab“, unterstreicht Barth. Ein Großteil ihrer Klientel führe irgendwann ein bürgerliches Leben – bis deren Kinder womöglich einmal die Mobile Jugendarbeit brauchen.

Info Das Büro der Mobilen Jugendarbeit in der Pestalozzistraße 105 ist unter 0 71 21 / 23 06 50 erreichbar.

Die Mobile Jugendarbeit im Hohbuch ist Anlaufstation für junge Leute
Die Sozialarbeiter Heide Barth und Daniel Bergers vor dem Jugendarbeit-Büro in der Pestalozzistraße 105 – mit Jason, einem begeisterten Billardspieler. Bild: Franke

Nach dem Hagelsturm am 28. Juli 2013 stand das Büro der Mobilen Jugendarbeit in der Pestalozzistraße unter Wasser. Die Wände begannen zu schimmeln. Die Renovierung dauerte ein halbes Jahr. Eine Mitarbeiterin kündigte damals. In dieser Zeit saß Heide Barth in einem Container auf dem gegenüberliegenden Parkplatz. Die Arbeit mit den Jugendlichen war kaum mehr aufrechtzuhalten. „Ich habe die Baustelle statt der Jugendlichen betreut“, so Barth. Jetzt haben die Sozialarbeiter Sandsäcke angeschafft, um für ein weiteres Hochwasser gewappnet zu sein. Im Juni haben sie nun Wiedereröffnung und die Stellen-Neubesetzung gefeiert.

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25.08.2014, 12:00 Uhr

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