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„Das ist wie eine Sucht“

Die Mosbachers haben einen neuen Film gedreht

„Die Brille muss fest sitzen!“ Und zwar schon am Wochenende. Heino Schmull sagte es seinem Optiker Georg Mosbacher mit Nachdruck. Wieso? Wegen eines Rennens. So erfuhr das Nehrener Ehepaar Mosbacher, dass Rollstuhl-Fahrer auf Handbikes zu Extremsportlern werden. Und sie hatten ein neues Filmprojekt.

08.12.2012
  • Gabi Schweizer

Nehren. Ein Tempo 30-Blitzer dürfte nicht installiert sein: Pfeilschnell ziehen behelmte Liegeradfahrer vorbei, treiben die Bikes mit den Händen an. Wer es nicht weiß, ahnt nicht, dass die Sportler im Rollstuhl sitzen. „Die Leute denken, das ist ein neumodisches Zeug aus Amerika“, vermutet Kerstin Abele. Sie ist Mitte 40, kommt aus Hüttlingen bei Aalen, redet breites Schwäbisch und strahlt die Energie einer Frau aus, die ihre Behinderung als Teil ihres Lebens akzeptiert hat. Zu einem ganz großen Teil liegt das am Sport. „Das hat mich gerettet.“

Dabei wollte Kerstin Abele zunächst gar nicht. Kurz nach dem Unfall, Anfang 20 war sie da, rollte sie durch die Fußgängerzone und war furchtbar genervt von dem Rollstuhlfahrer Josef, der auf sie einredete: Sie solle doch mal mitkommen, das Handbike-Fahren ausprobieren. Eigentlich hat Kerstin Abele nur Ja gesagt, um endlich ihre Ruhe zu haben. Einmal hin, dann nie wieder, so ungefähr rechnete sie sich die Sache aus. Aber nach der ersten Fahrt war ihr klar: Sie würde es wieder tun.

Nun ist Kerstin Abele eine der Hauptpersonen in Martha und Georg Mosbachers Film über Handbikes: „Durchbeißen bis ins Ziel – mit Armkraft und Leidenschaft“. Die einzige Frau übrigens, es gibt nicht so viele, die diesen Sport ausüben. Die beiden Nehrener, Optiker im Hauptberuf, aber in ihrer Freizeit begeisterte und mittlerweile professionelle Filmemacher, haben über zwei Jahre lang Rennen besucht, waren bei Trainings dabei, haben Sportler interviewt, bei besonders großen Events, die einen hohen technsichen Aufwand erforderten, Sohn Jan und dessen Freundin Kathrin Daube als Kameraleute mit eingespannt. Bewusst haben sie aber nicht jene vor die Kamera gebeten, die immer gewinnen. Die stünden sowieso im Rampenlicht, finden die Mosbachers. Sie bekommen keine Fördermittel, also sind sie auch frei in der Themenwahl. Umgekehrt bedeutet dies natürlich, dass sie selbst sehr viel in ihr Hobby investieren: Die Ausrüstung und die Fahrten kosten Geld, das Filmemachen Zeit, zumal die beiden alles selbst machen, Schnitt und Musik inklusive: Einen Teil ins Studio zu geben, kommt für sie nicht in Frage. „Das ist unser Hobby. Andere gehen dafür in den Urlaub.“

Von jeher haben die Mosbachers sich Themen ausgesucht, die im Fernsehen nicht oder nur sehr verkürzt auftauchen – in Nehren beispielsweise ist vor allem ihr Film über die Dicke Eiche bekannt. Nun sind die beiden eingetaucht in eine Welt, in der Menschen mit und ohne (Geh-)Behinderung „Rollis“ und „Fußgänger“ heißen. Sie erfuhren, dass die Helmfarben bei Handbike-Rennen anzeigen, ab wo jemand gelähmt ist – dann gelten jeweils unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe. Die Fahrzeuge sind so ausgelegt, dass auch Menschen, die nicht greifen können, sie bedienen können – sie schieben die mit einem Magnet versehenen Pedale. Oftmals schließen die Handbiker sich Marathon-Rennen an. Das garantiert ein großes Publikum. Tun sie dies nicht, kann es einsam werden am Straßenrand.

Ganz und gar unverständlich finden die Mosbachers es darum, dass sie manchmal unverrichteter Dinge von einem Rennen zurückkehren mussten, weil sie keine Akkreditierung hatten – offenbar wurden sie von professionellen Filmern als Konkurrenz empfunden. „Ich wurde einmal mit fünf Sicherheitsleuten abgeführt“, erzählt Georg Mosbacher. Das klingt skurril, fast schon lustig – einen Paparazzo stellt man sich nicht als freundlichen Herrn mit weißen Haaren vor. Für die Mosbachers freilich war es nicht komisch, sondern ein Mitgrund, weshalb sie über zwei Jahre an dem Film gearbeitet haben.

Heino Schmull, jener Kunde in der Tübinger „Lunette“, der die Mosbachers auf die Film-Idee brachte, hatte seine große Zeit im Jahr 1998. Zwei Mal war er deutscher Handbike-Meister, bei den Weltmeisterschaften hat es nur fast für den Titel gereicht, dafür für einen Platz ganz vorne. Ausgerechnet er sagt heute: „Die Natur, die Bewegung zu erfahren, ist für mich wichtiger, als schnell zu fahren.“ Die Kamera begleitet ihn auf dem Weg zur Wurmlinger Kappelle.

Ein scharfer Kontrast dazu: die Rennen, bei denen Dutzende Handbike-Fahrer im Pulk starten. Bergab geht es in rasendem Tempo – und der Zuschauer fährt mit. Einige Fahrer haben sich bereiterklärt, eine Kamera am Bike anbringen zu lassen. Wenn es ruckelt, führt der Weg über Kopfsteinpflaster.

Martha und Georg Mosbacher präsentieren in ihrem Film jedoch nicht nur einen Sport, der in den Medien sonst wenig Beachtung findet. Sie stellen – sehr behutsam – auch die Menschen vor, die ihn ausüben. Dominik Brugger ist mit 35 Jahren der Jüngste, ein Tübinger Student, der gemerkt hat, dass das Handbike-Fahren einerseits viel Zeit fordert, ihm aber auch hilft, seinen Tag besser einzuteilen. Karl-Heinz Bauknecht ließ sich auf dem Hometrainer interviewen: „Ich fühle mich auf dem Bike richtig gut. Das ist wie eine Sucht“, sagt er. Bernd Kohler aus Nufringen schafft montags bis donnerstags auf dem Landratsamt und am Wochenende „was Richtiges“ – dann backt er Brote. 1994 hat er seinen Bäckermeister gemacht, zwei Jahre später den Unfall gehabt, der ihn seither an den Rollstuhl bindet.

Kerstin Abele gehört der Organisation „Behinderte helfen Nichtbehinderten“ an. Sie geht in Schulklassen und erzählt mit derselben Offenheit, die sie bei Dritt- bis Fünftklässlern noch, bei Erwachsenen viel seltener, antrifft: Dass sie bei einem Fahrradunfall den achten Brustwirbel gebrochen hat; dass sie unterhalb dieses Wirbels nichts mehr spürt, auch nicht nicht mit den Zehen wackeln kann; dass sie trotzdem niemals über einen E-Rolli nachgedacht hat. Keine Bewegung, auch nicht in den Armen? Undenkbar: „Stellt euch vor, ich kann nicht gehen und mache auch mit den Armen nichts. Da drehst du doch irgendwann durch.“

Ein wesentliches Ziel der Initiative wie auch des Films: Barrieren abbauen, ein unverkrampftes Miteinander ermöglichen. Zum Beispiel „Fußgängern“ klar machen, wann „Hilfe“ gut gemeint, aber das genaue Gegenteil ist. Wenn jemand einfach seinen Rollstuhl schiebt, ist das „übergriffig“, sagt Heino Schmull. Kerstin Abele sagt das Gleiche, nur direkter: „Also das hasse ich ja wie die Pest!“ Nicht nur, weil es anmaßend, sondern auch, weil es gefährlich ist. Woher soll ein Fremder wissen, wie so ein Rollstuhl funktioniert? Wie schnell es zu Unfällen kommen kann?

Mosbachers Film belehrt nicht, er erzählt. Eine ihrer Hauptleistungen ist, ganz unaufgeregt zu zeigen, wie schnell jemand vom „Fußgänger“ zum „Rolli“ werden kann. Von einem Moment auf den anderen. Ein Plastikbecher kippt um. Auch weil er mit solch einfachen Bildern viel sagt, ist es ein eindrücklicher Film geworden.

Die Mosbachers haben einen neuen Film gedreht
Kerstin Abele auf dem Handbike: „Das hat mich gerettet“, sagt sie heute. Bild: Mosbacher

Die Mosbachers haben einen neuen Film gedreht
Georg Mosbacher wollte eigentlich Fotograf werden wie sein Großvater, aber der Zufall führte ihn ins Optikergeschäft. Schon in Jugendjahren hatten er und seine Frau Martha Freude am Filmen – und finden nun auch wieder Zeit dafür. Privatbild

Georg und Martha Mosbacher, seit jeher filmbegeistert, haben nach der Familienphase ein altes Hobby wieder aufleben lassen – nun, was sie beide angenehm finden, mit digitaler Technik und allen Möglichkeiten, die diese eröffnet: Unter anderem haben sie einen Film über die Dicke Eiche gedreht und über Falken – die Mosbachers sind auch im Nabu aktiv.
Am kommenden Donnerstag, 13. Dezember, läuft die einstündige Dokumentation „Durchbeißen bis ins Ziel – mit Armkraft und Leidenschaft“ um 19.30 Uhr im Tübinger Sudhaus (Werkstatt).
Warum dort? Weil es gar nicht einfach ist, ein barrierefreies Kino zu finden. Premiere war in Aalen, denn dort sind alle Säle auch für Rollstuhlfahrer zugänglich.

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08.12.2012, 12:00 Uhr

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