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Keine Regeln für das Sau-Rauslassen

Die Münchner Kabarettistin Luise Kinseher trat im franz. K auf

Das franz. K als Hotelbar: Luise Kinseher präsentierte am Donnerstag ihr Programm „Hotel Freiheit“. Die Münchner Kabarettistin verkörpert sechs schrille Figuren – und zerlegt Klischees.

27.10.2012
  • Kristina Detemple

Reutlingen. Der zweite Kabarettabend der Kleinkunsttage funktioniert den Saal in eine Hotelbar um. Hoteldirektorin Gitte Lachner wirft prüfende Blicke ins Publikum: „Keine Pelzmütze, keine Goldkette, keine Kalaschnikow – keine Russen da!“ Nun hat sie einen Verdächtigen ausgemacht und herrscht ihn an: „Sind Sie Russe, sind Sie Araber, wenn ja, wo wohnen Sie?“ Der Mann antwortet einsilbig, er sei „a Schwob“. Pech gehabt. Willkommen im Hotel Freiheit irgendwo in den bayerischen Bergen.

Luise Kinsehers viertes Solo-Programm spielt mit Rollen – und Kinseher spielt sie alle selbst: Gitte Lachner und Birgit Rösch von der Hoteldirektion unterscheiden sich auf den ersten Blick nur durch eine Brille. Doch dann fallen die Details der Darstellung auf, Körperhaltung und die Art zu reden. Lachners schrilles Lachen weckt den Wunsch nach Ohrenstöpseln.

Als Kinseher erklärt, sie löse ja viele Probleme über die Ernährung und esse an einem Wahltag ausschließlich Junkfood, bleibt dem Publikum das Lachen fast im Hals stecken: „Man braucht auch mal ein Gefühl für die andern, für die Unterschicht.“ Sofern sie dann noch in die Wahlkabine passe, so Kinseher, zwänge sie sich hinein und treffe eine Bauchentscheidung. Wahl als Darmsache.

„Die bayerische Kabarettistin, die nicht jodeln kann“, wurde vom Hotel für das Abendprogramm engagiert. So wechselt Kinseher souverän zwischen den Figuren und verkörpert die Hoteldirektion und sich selbst als Kabarettistin. Hinzu kommen Hotelgäste: eine norddeutsche Überwachungs-Spezialistin, ein verkannter Musical-Star und eine russische Millionärin namens Olga.

Kein Wunder, dass Lachner immer schriller lachen muss, um zu vertuschen, wie es um die Freiheit steht. Wer nicht im Dirndl jodelt, der begeht Hochverrat und wird von der Hoteldirektion in Sicherheitsverwahrung genommen. Die Gäste in der Hotelbar müssen sich Taschenkontrollen mit Kamera gefallen lassen – und auf Stühlen statt Klub-Sesseln sitzen, denn „Kabarett muss wehtun!“.

Auftritt Olga. Mit schwarzer Pelzmütze, ausgestattet sinniert sie mit russischem Akzent über die Deutschen: „Ich glaube, sie würden auch gerne mal die Sau rauslassen, aber sie tun es nicht, weil es dafür keine Regeln gibt.“ Am Ende steht Kinsehers augenzwinkernde und zugleich ernste Aufforderung, den Abend nachwirken zu lassen. Die Fragilität von Freiheit wurde den Gästen der Hotelbar in diesen zwei Stunden eindrücklich vor Augen geführt – Kinseher brüllt, kreischt und poltert, doch der Kern ihres Kabaretts ist subtil und geht sehr viel weiter, als bis zum nächsten Olga-Klischee.

Die Münchner Kabarettistin Luise Kinseher trat im franz. K auf
Kabarett muss wehtun: Luise Kinseher im franz.K.Bild: Haas

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27.10.2012, 12:00 Uhr

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