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Das einst singuläre Bootswandern im Kanu und Kajak ist ein beliebter Familiensport geworden

Die Nachfahren der Flößer auf dem Neckar

TÜBINGEN. „Vor 30 Jahren waren die Flößer die einzigen Neckarfahrer. Noch unmittelbar vor dem Krieg war ein Kanu auf dem mittleren Neckar ein Meerwunder“, schreibt der Guru der Kanuten Paul Walther in seinem Ende der zwanziger Jahre erschienen Wasserführer für Faltboot- und Kanufahrer. “1924 aber, bei der Pfingstfahrt des Deutschen Kanuverbandes, tummelten sich zwischen Heilbronn und Heidelberg 250 Boote."

01.09.1998
  • Helmuth R. Eisenbach

Doch heute, nach 70 Jahren, tummeln sich am oberen Neckar nach Ansicht von Jörg Beyer, Abteilungsleiter der Paddelfreunde beim Tübinger SV 03, zu viele Unerfahrene — zum Schaden für die Umwelt.

Im Gegensatz zum elitäreren Rudern war das Kanu eine Sportart, die sich auch weniger Bemittelte leisten konnten. Das Kanu ist eine indianisch-eskimotische Erfindung, gefertigt aus einem ausgehöhlten Baumstamm oder aus Tierhaut mit einem frei beweglichen Paddel. Daraus entstanden Kajak und Canadier, und Herr Klepper entwickelte das Faltboot. Der eskimotische Kajak wird als Einer oder Zweier gefahren, der Canadier kann mit vier Sitzbänken fünfeinhalb Meter lang sein, trägt dann zehn Erwachsene samt einer halben Tonne Zuladung und wird dann sinnvollerweise Familiencanadier genannt. Bereits mit einem halben Jahr nahm Theologe Jörg Beyer seine Kinder mit auf Fahrt, und ab dem vierten Lebensjahr durften sie im eigenen Kajak paddeln.

Der Kanusport unterteilt sich in mehrere Möglichkeiten wie Bootswandern, Wildwasser-Kanu, Wildwasser-Rodeo, Wildwasser-Rennen und Kanu-Marathon sowie Kanu-Polo. Das Bootswandern ist als Familiensport am verbreitetsten — die Tübinger „Paddelfreunde“ umfassen 160 Personen inklusive Familienmitgliedern. Es dient der Erholung und Entspannung und ist, so Beyer, „mit dem Bergwandern vergleichbar“. Die eng kanalisierte Echaz erreicht beim Wildwasserkanu einen Schwierigkeitsgrad zwischen zwei und drei, was etwa dem Matterhorn entspricht.

Allerdings ist dort auch einer der letzten tödlichen Unfälle passiert: Die Risiken werden von Anfängern unterschätzt. Einen Wettkampf kennt das Bootswandern nicht, lediglich erhält derjenige mit den meisten Kilometern im Jahr die Paul- Walther-Plakette, denn der war nach Beyers Meinung „der Guru des Kanusports“.

Der Einstieg in Boot und Fluß

Paul Walther wollte mit seinem Neckar-Wasserführer (eine faltbare Streckenkarte samt Textheft), daß sich „eine neue Art des Naturerlebnisses durchsetzt: das Wandern mit dem Faltboot“. Das ist mitterweile voll gelungen, nur daß hierorts (im Gegensatz zum Norden Deutschlands) das leicht verletzbare Faltboot (Klepper und in der ehemaligen DDR Puch), wiewohl leicht transportabel, wegen der vielen Steine und Felsbarren und des oft niedrigen Wasserstandes selten anzutreffen ist (im Gegensatz zum robusteren Kunststoffboot). Walther über die Nebenflüsse des Neckars: „Sie führen größtenteils wenig Wasser und sind für Fernwanderungen kaum geeignet.“ Der heute unentbehrliche „Kanuführer für Südwestdeutschland“ führt nunmehr im Landkreis die Flüsse Schlichen, Starzel, Eyach und Steinlach.

Die erste Neckarflußfahrt unternahm Walther auf einem Floß „mit gutmütig derben Schwarzwaldsöhnen“. Mit dem Abbruch der alten Neckarbrücke 1899 endete auch die Flößerei. Wenn die Schwarzwaldflößer den Neckar herunterkamen und an Tübingen vorbeisteuerten, riefen die Studenten, um die Flößer zu ärgern: „Jockele sperr!“ („Jockele bremse!“, um nicht auf den Brückenpfeiler aufzufahren). Die Wehre der Streckenkarte zeigen noch die Floßgassen. Sie erleichterten dazumal die fast freie Fahrt auf dem Neckar, wogegen heuzutage die Zahl der Wehre noch zunahm, so daß der obere Nec-kar fast nicht befahrbar ist. Und vergnüglich wird es erst wieder ab Ludwigsburg.

Zehn Jahre nach seiner Floßfahrt wagte Walther die erste Wanderfahrt im breiten Ruderboot, „ein Unterfangen, das zwar als kühn, aber völlig unverständlich galt“. Zu Beginn seiner Flußschilderung zitiert er aus Hölderlins vaterländischen Gesängen:

Seliges Land! kein Hügel in dir wächst ohne den Weinstock;

Nieder ins schwellende Gras regnet im Herbst das Obst.

Fröhlich baden im Strom den Fuß die glühenden Berge,

Kränze von Zweigen und Moos kühlen ihr sonniges Haupt,

Und wie die Kinder zur Schulter des herrlichen Ahnherrn,

Steigen am dunklen Gebirg Festen und Hütten hinauf.

Aber unten im Tal, wo die Blume sich nährt an der Quelle,

Strecket das Dörflein vergnügt über die Wiese sich aus.

Dergestalt ist die Entstehung des Bootswanderns ohne die Wandervogel-Bewegung gar nicht denkbar: raus aus der Stadt in die Natur und dabei mit wenig auskommen können. Auch Canadierfahrer Beyer sieht heute noch Spuren davon bei seinen Paddelfreunden: das soziale Miteinander von Maurer und Universitätsdozent, die gleichmäßige Altersverteilung von fünf bis 60 Jahren, das gemeinsame Interesse an Natur und Kultur bei völligem Fehlen von Luxus.

Aufgrund der Flußbreite und Strömungsgeschwindigkeit bezeichnet Walther den Neckar für den Wasserwanderer als „Damenfluß“. Einige der vielen Wehre für Mühlen, Fabriken und Kraftwerke waren bei gutem Wasserstande befahrbar; bei ihnen ist größtenteils das Wehrprofil in die Detailskizze der Streckenkarte aufgenommen. Und der Neckar war reich an Fischen: Hechte, Barben, Barsche, Äschen, Aale und Rotferden — auch den Lachs gab es am Unterlauf.

Der Botaniker wird auf den Spitzberg bei Tübingen verwiesen: „Er beherbergt eine erlauchte Kolonie der pontischen Steppenheide, über deren einzelne Vertreter man sich bei Apotheker Mayer, Tübingen, Rats holen mag.“ Zum Umtragen noch ein Wort: „An den Kraftwerken ist es Sitte, daß die Arbeiter beim Umbooten helfen. Man vergräme sie weder durch Knickrigkeit noch durch falsch angebrachte Noblesse: im allgemeinen genügt ein kleines Trinkgeld.“ Bei Niedrigwasser war der Anfangsplatz Cannstatt.

Mittelwasser ermöglichte glatte Fahrt bereits von Tübingen oder gar Bieringen. Hochwasser gestattete, die Fahrt bereits in Horb oder in Talhausen anzutreten. Je weiter oben die Fahrt begann, desto stärker war auch die Strapazierung des Bootes: „Man versehe sich mit Flickmaterial.“ Bei Hochwasser konnte man glatt durchkommen — dies verlangte jedoch geübte Fahrer und Schwimmer. „Und das gilt heute noch“, betont Jörg Beyer.

Die Schönheit des Neckartales offenbart sich dem Wanderer, der täglich ein oder zwei Landausflüge unternimmt. Wohl könne, wer das Bedürfnis habe, 60 bis 80 Kilometer täglich durchjagen; zweckmäßig rechne man nur die Hälfte davon. So ergibt sich folgende Fahrteinteilung: Talhausen — Horb ein Tag, Horb — Tübingen ein Tag, Tübingen — Cannstatt zwei Tage. Hierzu kommen noch zwei Tage für größere Ausflüge: von Tübingen nach Schloß Hohenzollern und von Kirchentellinsfurt nach Reutlingen-Achalm oder Lichtenstein.

Von Horb nach Tübingen

Von der Quelle (Einstieg bei Talhausen) geht es in örtlichen Einzelbeschreibungen bis zur Einmündung (Mannheim) in den Rhein. Heutzutage ist die Strecke kilometriert. Damals benötigte man eine Streckenkarte — die kulturelle Beschreibung lieferte das Beiheft: „Die alte Musenstadt Tübingen ist landschaftlich und architektonisch gleich reizvoll. Das Stift, den Marktplatz, das Schloß, die alten Gassen und Höfe, die Stiftskirche muß man gesehen haben. Das Universitätsviertel ist neu; es genügt ein Blick vom Schloß.

Von da schaut man auch hinüber zu den blauen Bergen der Schwäbischen Alb, die einen Besuch wohl lohnen. Besonders dankbar ist der Hohenzollern — eine Stunde Bahnfahrt zur Station Zollern, eine halbe Stunde Anstieg. Auf der Nec-karbrücke steht der steinerne Herzog Eberhard im Bart (Gründer der Universität), an ihrem linken Ende das Uhlandhaus, etwas oberhalb der Hölderlinturm, Asyl des unglückli-chen Dichters. In der Stiftskirche ruhen württembergische Grafen und Herzöge. Ruderklub Fidelia. Zahlreiche gute Gasthäuser. Große Jugendherberge auf dem Schloß.

Einsetzen: vom Bahnhof gerade durch die Anlagen, vorbei am Uhlanddenkmal, hinüber zum Fluß; im Schatten der schönsten deutschen Platanenallee läßt sich das Boot trefflich aufbauen. Von Lustnau findet man in halbstündigem Fußmarsch das reizend gelegene ehemalige Klösterchen Bebenhausen, mitten in den großen Waldungen des Schönbuch gelegen. Am Lustnauer Wehr in den Kanal links fahren; erst am Kraftwerk umtragen!

In Kirchentellinsfurt (Boot beim Wehr lassen) sind zwei Ausflüge zu empfehlen: ein kleiner nach Schloß Einsiedel (1/4 Stunde), wo der berühmte Weißdorn Graf Eberhards stand; und ein größerer nach Reutlingen (1/4 Stunde Bahnfahrt), und weiter zur Achalm oder zum sagenumwobenen Lichtenstein und der Nebelhöhle. Doppelten Genuß von diesen Stätten hat der, dem Hauffs ,Lichtenstein“ in Erinnerung steht, oder der das eine der gemütvollen Heimatbücher von Ludwig Finckh kennt.“

Im modernen Führer ist Strecke samt Beiwerk in eins gefaßt: „Km 246 Tübinger Freibad, gute Aussetzstelle, Parkmöglichkeit. Kurz danach Bootshaus Kanuabteilung Paddelfreunde Tübingen. Nach neuer Straßenbrücke Teilung des Neckars, linker Arm mit sehr schönem Blick in die Stadt. Km 234,5: Tübingen, Universitätsstadt, gotische Stiftskirche, Schloß, Rathaus, Burg Hohentübingen, sehenswert. (...) Von einer Befahrung der Folgestrecke bis Nürtingen wird abgeraten. (...) Km 231,5: Links Bootshaus Tübinger Ruderverein. “

Steine liegen im Weg

Nach Beyer ist es sogar von Rottweil bis Nürtingen fast nicht mehr möglich, ohne Grundberührung zu paddeln. Zum einen der Steine wegen und zum anderen, weil das Wasser, abgeleitet durch Mühlen und E- Werke, zu flach ist. Paddler Beyer: Da die Bootswanderer nicht wettkampforientiert, sondern kulturorientiert sind, ist ihnen das „In-der-Natur-sein“ am wichtigsten und ihr Umweltbewußtsein besonders ausge-prägt. Und Landschaft ist für sie auch immer Kulturlandschaft.

Hier noch die Streckenbeschreibung von Horb bis Tübingen: „Die Weitenburg ist von unten hübsch anzusehen. 300 m oberhalb Sulzau, links von der Straße, hübsche Quelle unter Kastanienbaum. Bieringen hat zahlreiche Kohlesäurebrunnen und -leitungen, ferner ein großes Umspannwerk. Gasthaus ,Rößle“ oberhalb der Brücke. Obernau. Alter Bergried, dabei ein Badehaus. Oberhalb der Niedernauer Bahnbrücke ist linker Hand im Wald ein Gipsbruch, an dessen oberem Rand noch Spuren der einstigen römischen Wasserleitung für Rottenburg sichtbar sind.

Das stille Dörflein zieht sich in ein Seitentälchen hinein; dort liegt auch das Bad mit Kohlesäuerling. Unterhalb von Niedernau verliert das Neckartal seinen Schwarzwaldcharakter. Da, wo der Neckar die Niederung betritt, liegt die alte Römerstadt Sumelocena, das heutige Rottenburg. Schwäbische Bischofstadt; einige hübsche Kirchen und gotische Brunnensäule auf dem Marktplatz. Landesgefängnis, dessen Insassen in großen Steinbrüchen, eine Stunde oberhalb, beschäftigt werden. Gasthaus zum ,Anker“, rechts unter der zweiten Brücke.

Wer das Landstädtchen besehen will, mag in der Kleidung vorsichtig sein; die Gegend ist sehr sittenstreng. Bald nach der Stadt taucht die Wurmlinger Kapelle auf, die den Anstoß gab zu Uhlands berühmtem Volkslied ,Droben stehet die Kapelle“. Das kleine, schlichte Gotteshaus auf dem Berg, umrahmt vom Friedhof des ins Tal gebetteten Dörfleins, ist ungemein stimmungsvoll; ein Gang dahin im Abenddämmern — am besten von Hirschau aus — vermittelt tiefe Eindrücke. Der Neckar gebietet unterdes Vorsicht: eine Felsenbarre liegt quer im Fluß. Gewöhnlich kommt man ein Drittel links gut durch; Ausnahmen je nach Wasserstand. In dieser Gegend sollen größere Arbeiten in Angriff genommen werden.“

Risiken und Nebenwirkungen

Ob denn nun der Neckar ein „Damenfluß“ ist oder nicht, sei dahingestellt. Die Nebenflüsse waren ja seinerzeit mit Faltboot nicht befahrbar. Beyer warnt jedoch davor, die Flüßchen zu unterschätzen. Führt die Steinlach viel Wasser, etwa nach einem Unwetter, und man kommt um die Kurve, und es liegt ein Baum im Wasser, wird das Boot unter Wasser gedrückt, und dann wird es gefährlich. Aber auch bei normalem Wasser sind die immer vorhandenen Wehre eine Gefahr und nicht immer befahrbar.

Die Paddler von der Uni sind am strengsten — für sie gibt es keine fahrbaren Wehre. Gefährlich beispielsweise ist das Wehr bei Horb (Km 278), wiewohl es harmlos aussieht. Der Grund liegt darin, daß unterhalb eines Wehres das sogenannte „Tosbecken“ mit ungefähr drei Meter Tiefe liegt, in dem das herun-terstürzende Wasser (zum Teil mit 15 Kubikmeter pro Sekunde) einen Wirbel bildet („Walze“ genannt) — mit einem sogenannten Waschma-schinen-Effekt. In der Walze ist ein Wassergemisch mit 20 Prozent Luft, so daß auch eine Schwimmweste nichts mehr nützt.

Man sollte sich also vor der Fahrt informieren und vor Ort nichts riskieren. Beyer kann stehend (als Profi — ein anderer würde beim Aufstehen das Boot zum Kentern bringen) „einschätzen, wie stark das Wasser zieht und wie stark daher die Walze ist. Und: Man sieht, ob die Stromzunge danach ins nächste Gebüsch zielt oder nicht.“ Die „Paddelfreunde“ üben für den Ernstfall am oberen Wehr von Tübingen.

Wo es noch schön zum Paddeln ist, so etwa die elf Kilometer zwischen Fischingen und Horb, ist das Gewässer mit Booten überlastet. Dort sitzt nämlich ein Bootsverleiher, der, so Beyer, „wenn's hoch kommt, maximal zwei Paddelschläge zeigt“, und dann darf jeder. Und zwar so, daß die Boote von rechts nach links ins Gebüsch treiben, so daß ökologisch Pflanzen und (brütende) Tiere beeinträchtigt werden. Selbst der Kanuverband empfiehlt, nur mit sechs Booten in einer Gruppe zu fahren. Zwischen Horb und Rottenburg gäbe es mittlerweile noch einen Verleiher, wenn der Kanuverband und Umweltschutzverbände das nicht aus ökologischen Gründen verhindert hätten.

Um der Überlastung der Flüsse zu wehren, fordert Beyer: „Man muß nicht in einem Verein sein. Eine eintägige Unterweisung, wofür es dann einen Schein gibt, würde schon viel bringen. Gelehrt werden müßte: Paddeln, Sicherheit und Umweltschutz. Nur so kann man dem plumpen Paddeltourismus wehren.“

Empfehlenswert sind am oberen Neckar nur zwei Strecken: Von Sulz nach Horb (16 Km, zwei bis fünf Stunden) und von Mühlen nach Bad-Niedernau (16 Km), weil sie noch nicht ganz verbaut sind. Wer sich über den Kanu-Verband informieren will, kann dies unter „www.kanu.de“ im Internet. Denn auch heute noch ist es lohnenswert, von Bootshaus zu Bootshaus (Übernachtungsplatz fürs Zelt zwischen zehn und 15 Mark) preiswert vom Wasser aus die Landschaft zu erwandern.

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01.09.1998, 12:00 Uhr

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