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Die Horber „Zehneglocke“

Die Nachtwächter wurden auf ein besonderes Foto aus dem Jahr 1917 aufmerksam gemacht

In einem Abstellraum der Katholischen Spitalstiftung Horb hat Stadtrat Joachim Milles zufällig ein hinter Glas gerahmtes Foto mit der so genannten „Wachtglocke (Zehne-Glocke)“ entdeckt, das im Jahr 1917 entstanden ist. Dieser Fund bestärkt die Nachtwächter Heinrich Raible, Bruno Springmann und Joachim Lipp in ihrem geschichtsträchtigen Tun, denn schließlich sind sie es, die die Horber seit 10 Jahren an eine uralte, längst vergessene Tradition erinnern.

04.11.2015

Horb. Die Aufnahme entstand im Juni des Jahres 1917 als die Katholische Stadtpfarrgemeinde Horb während des Ersten Weltkriegs mit Gott für Kaiser und Vaterland vier von acht Glocken der Stiftskirche und drei Glocken der Liebfrauenkapelle an die Kriegs- und Rüstungsindustrie abliefern musste. Der Beschriftung nach zu urteilen, wurde die Ablieferung der Horber Kirchenglocken von Wilhelm Klink, dem letzten Vertreter der Horber Bildhauerschule, fotografisch dokumentiert.

Zu den aus dem Turm der Stiftskirche „zu Kriegszwecken abgenommenen und verwendeten Kirchen-Glocken“ gehörte die „Wachtglocke (Zehne-Glocke)“, die mit einem Gewicht von 240 Kilogramm allein mehr wog als die „Scheidungsglocke“, die „Kindsglocke“ und die „Ablaßglocke“ zusammen, die gleichfalls abgeliefert werden mussten.

Die Wachtglocke war zusammen mit der Taufglocke und zwei weiteren Glocken im Jahr 1732 in der Rottenburger Gießerhütte des aus Lothringen stammenden Nikolaus Rosier gegossen worden, nachdem das Geläut der Stiftskirche beim großen Stadtbrand des Jahres 1725 vollkommen zerstört worden war. Der Turm der Stiftskirche, dessen untere Geschosse beim Brand intakt geblieben waren, wurde mit seiner charakteristischen Welschen Haube allerdings erst in den Jahren 1752/55 fertiggestellt. Die so genannte Wachtglocke war die drittgrößte Glocke im Stiftskirchturm und wurde in Horb auch als „Lumpenglocke“ bezeichnet, weil sie einst die letzten Zecher der Stadt ins Bett schickte.

Dank des Engagements von Joachim Milles ist bei den Nachtwächterführungen des Kultur- und Museumsvereins vom Turm der Stiftskirche wieder das traditionelle Horber Zehnuhrläuten zu hören, das Jahrhunderte lang endgültig auch für die auswärtigen Herbergsgäste in den hiesigen Schildwirtschaften die nächtliche Sperrstunde ankündigte. Ansonsten sind die Glocken der Stiftskirche des Nachts schon seit einigen Jahren wegen Schlaf- und Ruhestörung zum Schweigen verdammt. Früher aber weckte das Kirchengeläut die Horber nicht nur auf, sondern schickte sie auch beizeiten ins Bett.

Mit dem Läuten der Zehnuhrglocke, das „seit unvordenklichen Zeiten“ von den Horber Nachtwächtern im Turm der Stiftskirche besorgt wurde, erschloss sich für die vier äußerst schlecht besoldeten Stadtdiener eine zusätzliche Einnahmequelle. Laut einer Notiz im Stadtarchiv wurden die Horber Nachtwächter ursprünglich vom Spital zum Heiligen Geist für das Läuten der Zehnuhrglocke immer am Thomastag, dem Tag mit der längsten Nacht, extra belohnt. In den einstig österreichischen Landen endete am Thomastag die einjährige Amtszeit aller besoldeten Stadtdiener und gleich nach Weihnachten wurden beim Jahrgericht auf dem Horber Rathaus auch die Nachtwächter vom Magistrat wieder neu gewählt und vereidigt. Mit dem Übergang der ehemals vorderösterreichischen Stadt an das Königreich Württemberg erschien das Zehnuhrläuten dann unter der Rubrik Besoldung sogar als fester Ausgabeposten in den Horber Stadtpflegerechnungen: „Von Läutung der 10 Uhr Glocke gebührt den Nachtwächtern auf Georgi jeden Jahrs 38 Schilling 3 Kreuzer.“ Am Georgstag konnten die Dienstboten nach altem Herkommen ihren Dienstherrn wechseln und Schulden aus dem alten Jahr wurden höchstens bis zum Georgstag gestundet.

Als die drei Herren vom Kultur- und Museumsverein im Jahr 2006 die jahrhundertealte Horber Nachtwächtertradition wiederbelebten, erinnerten sie den damaligen Oberbürgermeister Michael Theurer an die bis in schwäbisch-österreichische Zeiten zurückreichende Donation und seither erhalten Heinrich Raible, Bruno Springmann und Joachim Lipp am Thomastag vom Horber Oberbürgermeister ein Weingebinde in den Stadtfarben.

Für den uralten Brauch des Horber Zehnuhrläutens gibt es drei Erklärungen. Die romantische Version geht auf eine Lokalsage zurück, nach der die Zehnuhrglocke einem verirrten Wanderer den Weg aus Dunkelheit und Not hinter die sicheren Mauern von Horb gewiesen hat. Nach der humoristischen Version forderte die Zehnuhrglocke die Bürger der Neckarstadt auf, sich in ihrem Bett auf die andere Seite zu legen, damit ihnen der saure Horber Wein über Nacht kein Loch in die Magenwand fressen konnte. Nach der prosaischen Version mahnte die Glocke in den Horber Wirtshäusern die nächtliche Sperrstunde an, die im Verlauf der Jahrhunderte von 22 Uhr auf heute 3 Uhr vorrücken sollte. Mit dem Zehnuhrläuten wurde einstmals auch das Zeichen gegeben, in den Häusern das Feuer zu löschen. Niemand durfte mehr ohne eine Laterne auf den Straßen unterwegs sein und das Tragen von Waffen sowie das Lärmen und Geschrei auf den Gassen war verboten.

Selbst der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse, der 1877 in Calw geboren wurde, erinnerte sich in seinem 1902 verfassten Gedicht „Frühlingsnacht“ an das abendliche Glockengeläut aus Kindheitstagen: „Alle Brunnen rauschen kühl vor sich hin verworrene Sagen, Zehnuhrglocken im Gestühl rüsten feierlich zum Schlagen.“ Wie sehr das traditionsreiche Zehnuhrläuten den Neckarstädtern einst am Herzen gelegen war, belegt die Tatsache, dass die Abschaffung des Zehnuhrläutens im beschaulichen Städtchen einen Sturm der Entrüstung auslöste, nachdem im Jahr 1904 bei Renovierungsarbeiten der äußere Eingang zum Stiftskirchenturm ins Kircheninnere verlegt worden war.

Ende einer uralten Tradition

Auf Anregung des Horber Altertumsvereins beschloss der Gemeinderat den alten Brauch wieder zu beleben und ermöglichte den Nachtwächtern weiterhin den Zugang zur Wachtglocke. Als der Vormitternachtswachtdienst drei Jahre später von den beiden besser dotierten städtischen Polizeidienern übernommen wurde, besorgten diese sehr zum Ärger der schlechter bezahlten Nachtwächter das Zehnuhrläuten jetzt unentgeltlich.

Das Zehnuhrläuten mit einer der im Turm der Stiftskirche verbliebenen vier Glocken wurde endgültig abgeschafft, als das Reichsinnenministerium 1942 den Polizeivollzugsdienst in Horb an die Gendarmerie übertrug und der Hauptwachtmeister Hermann Maihöfer auf höhere Weisung aus den Diensten der Stadt schied. Damit endete während des Zweiten Weltkriegs eine jahrhundertealte Tradition. Es gab damals allerdings bereits gar keine Möglichkeit mehr, im Stiftskirchturm das Zehnuhrläuten zu bewerkstelligen, denn im Februar jenes Kriegsjahres mussten sämtliche verbliebenen Glocken der Stiftskirche dieses Mal für Führer, Volk und Vaterland abgeliefert werden.

Fast klingt es wie eine Ironie des Schicksals, dass im Mai des Jahres 1942, nachdem die Horber Zehnuhrglocke zu schweigen begonnen hatte, Horbs letzter Nachtwächter und Totengräber Franz Rimmele im Alter von 72 Jahren verstarb. Rimmele stand vom November 1902 bis zum April 1937 als Nachtwächter in Diensten der Stadt und zog selbst noch im Stiftskirchturm am Strang der Horber „Zehneglocke“, die wegen ihrer Bronze zu einem kriegswichtigen Material geworden war und deswegen als Metallspende des deutschen Volkes 1917 ein erbärmliches Ende finden sollte.

Info Ihren letzten Auftritt im Jahr 2015 haben die Horber Nachtwächter beim Horber Advent am letzten Samstag im November. Dabei führen sie um 19 Uhr vom Rat- und Wachthaus zum einstigen Franziskanerinnen-, Dominikanerinnen- und Franziskanerkloster sowie zum ehemaligen Kollegiatstift Heilig Kreuz, wo sie über die jeweilige Klostergeschichte berichten und dazu passend schwäbische Weihnachtsgedichte zum Besten geben. Und je nach Fortschritt der Renovierungsarbeiten an der Stiftskirche wird vielleicht, wenn auch etwas verfrüht, das traditionelle Horber Zehnuhrläuten zu hören sein.

Die Nachtwächter wurden auf ein besonderes Foto aus dem Jahr 1917 aufmerksam gemacht
Die Horber Nachtwächter Heinrich Raible, Joachim Lipp und Bruno Springmann erinnern bei ihren Umgängen seit 10 Jahren an die vergessene Tradition des Horber Zehnuhrläutens und bekamen nun erstmals dank der Aufmerksamkeit von Stadtrat Joachim Milles ein Foto von der originalen Horber „Wachtglocke (Zehne-Glocke)“ zu Gesicht.Privatbilder

Die Nachtwächter wurden auf ein besonderes Foto aus dem Jahr 1917 aufmerksam gemacht
Dieses Foto aus dem Jahr 1917 zeigt die vier Glocken der Stiftskirche und eine der drei Glocken der Liebfrauenkapelle, die im Juni jenes Kriegsjahres mit Gott für Kaiser und Vaterland an die Kriegs- und Rüstungsindustrie abgeliefert werden mussten. Darunter befand sich auch die 1732 gegossene „Wachtglocke (Zehne-Glocke)“. Sie wurde in Horb auch als „Lumpenglocke“ bezeichnet, weil sie einst die letzten Zecher der Stadt ins Bett schickte.

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04.11.2015, 12:00 Uhr

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