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Ein kleiner großer Verlag

Die Neske-Bibliothek in der Klosterstraße

Die Neske-Bibliothek in der Pfullinger Klosterstraße erinnert ab sofort an den berühmten gleichnamigen Verlag.

18.06.2010
  • Matthias Reichert

Pfullingen. „Mein Gott, das hat eine Eigendynamik gekriegt“: Felicitas Vogel hat die Ausstellung in Kooperation mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach konzipiert. Die ehemalige Leiterin der Pfullinger Stadtbücherei hat im Archiv des Klett-Cotta-Verlags, der den Neske-Verlag 1993 übernahm, 90 Ordner mit dem Briefwechsel des Verlegers gesichtet, hat Bücher und Bilder organisiert. Um die 200 Kisten mit dem Nachlass des 1997 verstorbenen Verlegers stehen bei Sohn Thomas in Norddeutschland – viel Stoff für wissenschaftliche Arbeiten.

Vogel war mit Brigitte Neske, der Ehefrau des 1997 verstorbenen Verlegers, befreundet. Als diese 2007 starb, wollte Sohn Thomas das Wohnhaus in der Klosterstraße als Gedenkstätte erhalten. Nach zwei Jahren ehrenamtlicher Arbeit hat Vogel diese jetzt in der früheren Privatbibliothek des Verlegers in zwei Räumen eingerichtet. Das Haus war sukzessive in den Besitz der Stadt übergegangen, die unteren Stockwerke sind heute Kinderhaus.

Es gehörte ursprünglich der Textilfabrikantenfamilie Gayle. Tochter Brigitte zog mit ihrem Mann Günther Neske, den sie 1948 heiratet, und dem 1949 geborenen Sohn nach dem Krieg in die beiden oberen Stockwerke ein. Günther Neske hatte Theologie, Philosophie, Geschichte studiert – bei Karl Barth, Nikolai Hartmann, Carlo Schmid und Helmut Thielicke. Vor den Nazis war Neske in die Schweiz und nach Italien emigriert, dann aber zurückgekehrt und Jagdflieger geworden.

Am 17. April 1951 gründete er in Pfullingen seinen Verlag, zuvor war er an einem weiteren Verlag beteiligt. „Haben Sie gute Sachen, so können Sie die in Pfullingen machen“, schrieb ihm Ernst Jünger 1950 – im Vorjahr hatte Neske dessen „Auf den Marmorklippen“ herausgebracht. Bis 1965 waren Verlag und Wohnung unterm selben Dach, dann zog der Verlag ins Kontor der Firma Knapp.

Heidegger redigierte unterm Dach

Wer hier nicht alles publiziert hat! Ernst Jünger und Carl Schmitt, Martin Heidegger und Walter Schulz, Ernst Bloch und Wolfgang Abendroth, Hans Mayer, Walter und Inge Jens, Djuna Barnes (übersetzt von Wolfgang Hildesheimer) und Witold Gombrowicz. Unterm Strich um die 430 Bücher in 42 Verlags-Jahren. Zwei Drittel finden sich jetzt in der Ausstellung. HAP Grieshaber gestaltete das Verlags-Signet. Ehefrau Brigitte half als Korrektorin, Lektorin, Gestalterin – frühe Entwürfe ihrer Titelblätter, mit Bleistift und Lineal verfertigt, liegen in einer Vitrine.

Im Dachgeschoss der Neske-Wohnung redigierte Philosoph Heidegger seine Nietzsche-Vorlesung. Neske setzte ihm 1959 mit einer Festschrift zum 70. Geburtstag ein Denkmal. Neske begleitete die Übersiedlung von Bloch und Mayer aus Leipzig – die Werke des Philosophen der konkreten Utopie durften auf Geheiß der DDR-Oberen aber nicht in Pfullingen erscheinen, weil der Neske-Verlag „zu existentialistisch" sei. Dafür veröffentlichte Carola Bloch hier später ihre Autobiografie. Eine Eulen-Zeichnung von Günter Grass erinnert daran, dass die „Blechtrommel“ beinahe bei Neske erschienen wäre – wenn Luchterhand nicht ältere Rechte geltend gemacht hätte.

Er hatte dennoch Best- und Longseller im Programm: Walter Schulz und seine „Philosophie in der veränderten Welt“, Walter Jens mit „Statt einer Literaturgeschichte“. Es war „ein kleiner großer Verlag“, sagt Vogel. „Neske hatte ein Gespür dafür, was gut und wichtig ist.“ Er gab Langspielplatten mit Lesungen von Heidegger und von bedeutenden zeitgenössischen Lyrikern heraus – frühe Hörbücher. Mit dem Fotografen Paul Swiridoff gestaltete er in den 60ern Porträts aus dem „geistigen“ und „politischen Deutschland“ sowie „aus der deutschen Wirtschaft“. Er machte Bildbände über John Crankos Stuttgarter Ballett, veröffentlichte Regionalia, analysierte in der Reihe „Politik in unserer Zeit“ die Bonner Republik.

Neske kannte Schumacher und Brand, war befreundet mit Wehner und Erhard, Bilder zeigen ihn im Kreis von Kohl und Weizsäckers. Zwischen den Büchern stehen Tafeln mit Zitaten der Neske-Autoren. Einige sind im Bild zu sehen. Neben einer Original-Schreibmaschine finden sich Auszüge aus dem Briefwechsel. 20 Ehrenamtliche sollen die Bibliothek betreuen. Im Oktober startet hier ein philosophischer Kreis, 2011 eine literarische Runde.

Info: Die Neske-Bibliothek öffnet Mai bis Oktober an Sonn- und Feiertagen, 14 bis 17 Uhr. Kontakt für Führungen: Felicitas Vogel, 0 71 21 / 75 44 43.

Literarische Radtour zur Eröffnung

Die Neske-Bibliothek in der Klosterstraße 28 wird am Samstag um 15 Uhr eröffnet. Neben Bürgermeister Rudolf Heß und Felicitas Vogel spricht Thomas Schmidt, der Leiter der Marbacher Arbeitsstelle für literarische Museen im Land. Zugleich wird an diesem Tag der sechste literarische Radweg des Marbacher Literaturarchivs eröffnet. Die Tour führt über 50 Kilometer; sie startet um 10.30 Uhr am Tübinger Hölderlinturm und führt über Reutlingen, die Eröffnung der Pfullinger Neske-Bibliothek und das Gomaringer Gustav-Schwab-Museum gegen 18 Uhr zurück nach Tübingen.

Die Neske-Bibliothek in der Klosterstraße
Auf diesem Sofa saßen einst Heidegger, Bloch, Jens, Jünger, Mayer, Kiesinger, Grieshaber: Felicitas Vogel zwischen lauter Erinnerungen. Bild: Haas

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18.06.2010, 12:00 Uhr

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