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Wirtschaftsfaktor Sport

Die Nudel-Revolution

Über Jahrzehnte galten Kohlenhydrate als wichtigste Quelle für die tägliche Ernährung von Sportlern. Prominente Forscher und Athleten haben sich mittlerweile von diesem Ansatz distanziert. Dazu gehören auch die Tübinger Ernährungswissenschaftler Friederike und Dr. Wolfgang Feil, die einen Paradigmenwechsel forcieren: Weg von Nudeln und Brot, hin zu einer „fettschlauen“ Ernährung. Was also nährt den Sportler wirklich? Und welche Rolle spielen dabei Nahrungsergänzungsmittel?

24.10.2014
  • TEXT: Ibrahim Naber FOTOS: Unternehmen GRAFIKEN: Uhland2/Eck

Ein großer Teller Pasta, dazu eine kühle Apfelsaftschorle: für viele Sportler eine schöne Vorstellung, um nach einer harten Trainingseinheit die Energiereserven wieder aufzufüllen. Friederike und Wolfgang Feil gehören definitiv nicht dazu. Für die beiden Tübinger Ernährungswissenschaftler wäre dies im normalen Trainingsalltag eine Mahlzeit zum Vergessen. Denn Nudeln enthalten reichlich Kohlenhydrate. Und in einem Liter Apfelsaftschorle stecken rund 50 Gramm Zucker. Den beiden großen Nährstoffen haben Vater und Tochter Feil in ihrem neuen Buch („Die F-AS-T Formel. Was erfolgreiche Sportler anders machen.“) offiziell den Kampf angesagt. Begründung: Zu viel Zucker behindere die Durchblutung und wirke sich daher negativ auf die Regeneration aus. Und Kohlenhydrate nehmen gemäß dem „train low, compete high“-Ansatz erst wenige Tage vor einem Wettkampf eine Schlüsselrolle ein. In der normalen Vorbereitung sollten die Kohlenhydratspeicher von Sportlern laut Dr. Feil weitesgehend leer bleiben.

Im Kern empfiehlt das Tübinger Ernährungskonzept also eine drastische Reduktion von Kohlenhydraten und Zucker. Dafür setzt der Ernährungsplan auf viel Eiweiß und gesunde Fette. Dr. Wolfang Feil erklärt: „Die Dr. Feil Strategie ist radikal anders, wie Menschen es bisher gewohnt waren. Wir empfehlen weniger Brot, möglichst keinen Weizen und auch keine Masttiere zu essen. Auch der Nudelbereich muss stark reduziert werden. Dafür gibt es bei uns eben zum Beispiel viel Gemüse, Nüsse, Beeren, Erbsen und zehn bis 20 Eier wöchentlich“

Ernährung als Lebensgrundlage

Feils so genannte „fettschlaue Ernährung“ ruft nicht weniger als die Revolution auf unseren Tellern aus. Das Konzept widerspricht der Lehre der letzten Jahrzehnte fundamental. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hält fünf Mahlzeiten am Tag für ideal, Dr. Feil stattdessen nur zwei bis maximal drei. Das Institut für Sporternährung (iS) empfiehlt bis heute rund 55-60 % der täglichen Kalorienzufuhr durch Kohlenhydrate zu decken. Im Gegensatz dazu setzt Dr. Feil zu 50 % auf Fette und nur zu 30 % auf Kohlenhydrate (siehe Grafik 1). Ziel des Tübinger Konzepts ist es, den Fettstoffwechsel zu aktivieren. Zum einen verliere man dadurch schneller überschüssige Pfunde. Zum anderen setze die Säureproduktion des Muskels auf diesem Wege später ein, wodurch man hohe Belastungen beim Sport länger durchhalten könne.

Für Wolfgang und Friederike Feil ist Ernährung mehr als nur ein Teil unseres Alltags. Lebensmittel sind für sie der Antriebsmotor und die Grundlage für fast alle Lebensbereiche, von der Gesundheit über den Beruf bis hin zum Sport. Ihre Aussagen polarisieren: „Mit der Dr. Feil Strategie wird man eigentlich nicht krank“, sagt Wolfgang Feil. 70 % des Immunsystems hänge im Darm, erklärt er. Mit der richtigen Ernährung sorge man dort für Stabilität. Konkret heißt das: wer gesund bleiben will, muss laut Dr. Feil entzündungssenkende Stoffe wie Kakao oder diverse Gewürze in den täglichen Ernährungsplan aufnehmen. Gleichzeitig sollte man fast komplett auf Lebensmittel verzichten, die Entzündungen im Körper hervorrufen. Keine Nudeln also, keine Kartoffeln, keine Weizenprodukte. Pardon, aber wie soll man auf das alles plötzlich verzichten können?

Fest steht: Wer das Ernährungskonzept wirklich ernst nimmt, muss bereit sein, seine bisherigen Essgewohnheiten zu weiten Teilen aufzugeben. Das erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Gerade der Verzicht auf das allmorgendliche Croissant oder das leckere Schoko-Müsli wird vielen Menschen zunächst schwer fallen.

Das Millionen-Business mit den Energieriegeln

Die Liste der Sportler und Vereine, die Dr. Feil mittlerweile betreut, ist durchaus bemerkenswert. Die Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart und TSG 1899 Hoffenheim schwören genau wie Triathlon-Olympiasieger Jan Frodeno auf das Tübinger Konzept. Viele der Athleten bauen Nahrungsergänzungsmittel von ultraSPORTS in ihren Trainingsalltag ein. Die Firma von Wolfgang Feil hat sich auf Sporternährung spezialisiert, produziert Eiweißpulver, Gels oder auch Energieriegel für Training und Wettkampf. Der Verkauf dieser Produkte ist in Deutschland längst ein Millionen-Geschäft geworden.

Und ultraSPORTS mischt in diesem munter mit. Ihr Aufstieg steht exemplarisch für den Aufstieg der ganzen Branche. 1995 fingen Wolfgang Feil und seine Frau Andrea in der eigenen Wohnung klein an. Sie entwickelten erste Produkte, die Tochter Friederike Feil vor dem Fernseher für ein kleines Taschengeld etikettierte. Als ganze Familie fuhren sie dann am Wochenende zu Sportveranstaltungen in der ganzen Republik, um Werbung in eigener Sache zu machen. Schließlich mieteten sie eine Garage in Tübingen, die einige Zeit als Logistikzentrum diente. Heute sind die Dimensionen größer. In der modernen Firmenzentrale in Kusterdingen arbeiten 25 Mitarbeiter. Mit rund 2,5 Millionen Euro Jahresumsatz ist das Unternehmen die Nummer drei auf dem deutschen Sporternährungsmarkt.

Was bringen Nahrungs- ergänzungsmittel wirklich?

Doch die Produkte zur Nahrungsergänzung werden von einigen Experten und Sportlern kritisch beäugt. Es gibt in der Branche immer wieder kontroverse Diskussionen über die tatsächliche Wirkungskraft der Produkte. Das war auch bei den Hamburger Cyclassics Ende August zu beobachten. Wirtschaft im Profil hat bei Deutschlands größtem Radrennen unterschiedliche Meinungen zu dem Thema eingeholt. Der ehemalige Profi-Triathlet Sven Harms, der bei den Cyclassics einen Messestand betreute, sagt: „Ich war lange Sportler und kann sagen: die ganzen Produkte bringen gar nichts. Statt einem Sportgel kann man vor einem Lauf genauso gut ein Schnitzel essen.“ Im Gegensatz dazu berichteten mehrere Teilnehmer, dass ihnen die Gels und Riegel während des Rennens einen Extraschub gegeben hätten. Das hebt auch Friederike Feil, selbst Profi-Extremhindernisläuferin, hervor: „Im Wettkampf kann das Gel der entscheidende Joker sein, um noch den letzten Berg hochzukommen.“ Wolfgang Feil ist überzeugt, dass die Produkte auch im Trainingsalltag eine große Rolle einnehmen können. Gerade, was die Regeneration betrifft: „Wer anfängt, nach intensivem Training mit Eiweiß zu arbeiten, wird dies deutlich spüren.“

Es gab beim Radrennen in Hamburg aber auch genügend Beispiele für die falsche Verwendung der Produkte: Völlig ausgelaugt, alle Viere von sich gestreckt, liegt Teilnehmer Patrick Weber nach dem Rennen über 100 Kilometer auf dem nassen Kopfsteinpflaster des Hamburger Rathausplatzes. 1,85 Meter. 130 Kilo. Ein Mann, ein Koloss. Er gesteht: „Ich habe das ganze Jahr nicht einmal trainiert. Ab Kilometer 25 war es dieses Mal einfach nur die Hölle.“ Panisch habe er dann drei Energieriegel und zwei Sport-Gels zu sich genommen. In der naiven Hoffnung, dass sie ihn vielleicht über die restlichen Berge ziehen würden. Doch stattdessen bekam er zu allem Übel noch Bauchschmerzen durch den schnellen Verzehr. In diesem Fall sind sich ausnahmsweise wohl mal alle Ernährungswissenschaftler einig: Kein Riegel und kein Gel dieser Welt ersetzt das harte Training vor einem Wettkampf.

Die Nudel-Revolution

Die Nudel-Revolution
So sehen Sieger aus: Friederike Feil läuft als erste Frau ins Ziel beim StrongmanRun 2014 in Ferropolis (nahe Dessau) ein. Bei dem renommierten Extremhindernislauf müssen die Teilnehmer durch Schlamm robben, sich wie Affen durch die Luft hangeln (siehe Bild unten) und Sandsäcke tragen (siehe Bild links).

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24.10.2014, 12:00 Uhr

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