Deutsche Traditionen auf den Kopf gestellt

Die PASCH-Initiative, in der Nadine Hellstern tätig war, rückt das Deutschlandbild zurecht

Die PASCH-Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ in Argentinien, bei der Nadine Hellstern (die SÜDWEST PRESSE berichtete) als „kulturweit“-Freiwillige ein Jahr lang tätig war, veranstaltet alljährlich in dem „deutschen“ 6000-Seelen-Ort Villa General Belgrano seit 2008 sein „Internationales Jugendcamp“.

26.02.2013

Von WERNER BAIKER

Wiesenstetten. Im 19. und 20. Jahrhundert wanderten viele Deutsche nach Südamerika aus und gründeten Siedlungen, deren Baustil heute noch an die Herkunft aus deutschen Landschaften erinnert. So gibt es in Argentinien den Ort Villa General Belgrano in der Provinz Córdoba. Die Landschaft erinnert an den Schwarzwald und den Alpenrand.

Dort werden noch Volkstänze gepflegt, welche die Auswanderer aus der alten Welt mitgebracht hatten. Die Tanzgruppen heißen „Edelweiß? und „Tiroler?. Es gibt neben Fachwerk und Schnitzereien auch ein Oktoberfest und selbst gebrautes Bier. Man erkennt schnell: Hier wird das deutsche Brauchtum gepflegt ? oder anders gesagt ? von Nachfahren und quirligen Geschäftsleuten wird eine Darstellung präsentiert, wie im Ausland ein Abbild der deutschen Kultur in den Köpfen vorherrscht.

Für die Nachfahren der Auswanderer heißen die Bewohner der Bundesrepublik Deutschland die „Deutschländer?. Aber das heutige Deutschland vermittelt schon längst ein anderes Bild als es in Südamerika wiedergegeben wird. Es ist selbst zum Einwanderungsland geworden für Menschen diverser Kulturen und den damit verbundenen Schwierigkeiten.

Das „Internationale Jugendcamp? war in Villa General Belgrano vom 2. bis 8. Dezember mit Teilnehmern aus 23 PASCH-Schulen in Argentinien, Chile, Paraguay, Uruguay, Mexiko und Brasilien. Die 84 Schüler lernen alle an den Schulen Deutsch und kamen durch ein Stipendium zum Camp. Die Stipendien, vom Auswärtigen Amt finanziert, waren auf die PASCH-Schulen nach Größe und Anzahl der „Deutschlerner? verteilt worden. Die 11- bis 17-Jährigen konnten sechs Tage lang mit 19 Teamern, aus Deutschland und Lateinamerika, in zehn Workshops mitmachen. Mit dabei auch 22 „kulturweit?-Freiwillige .

Nadine Hellstern war nicht nur von Beginn an in Organisation und Planung des Jugendcamps involviert, sondern auch im Camp vor Ort eingespannt. „Überliefertes neu erfinden, deutsche Traditionen und die Sichtweise auf sie auf den Kopf stellen?, so der Slogan dieses internationalen Treffens, genau an dem Ort, wo in Dirndl und Lederhosen Volkstänze einstudiert werden und Bäckereien mit Stollen in den Auslagen locken.

Für die PASCH-Projektleiterin Ines Patzig-Bartsch geht es nicht nur darum, dass Deutsch in den Schulen gelernt wird, sondern dass sich die Schüler mit dem aktuellen Deutschland auseinandersetzen und mit dem schon etwas angestaubten Deutschlandbild aufräumen.

Hip-Hop trifft auf Volksmusik und Dirndl

Dass dies so ist, lernten die Teilnehmer schnell kennen, als die Teamer aus Deutschland kamen. Zusammen mit dem Berliner Regisseur Wolf Gresenz hatte Ines Patzig-Bartsch ein Konzept für einen Videoclip entwickelt, in dem ein spielerisches Aufeinanderprallen deutscher Kulturen inszeniert wird: Berliner Hip-Hop und Breakdance treffen auf traditionellen Volkstanz und Lederhosen.

„Wo gehörst du hin?? wurde zum Titel des Clips, dessen Story ans Leben des libanesischstämmigen Breakdancer Maradona Akkouch, einem Berliner ohne deutschen Pass, angelehnt ist. Dieser stellt für sich und sein Leben genau diese Frage. Er war mit seinem Trainer Ivan Stevanovic angereist, um den Tanz-Workshop zu leiten. Vor 18 Jahren wurde er im Berliner Bezirk Neukölln geboren, seine Eltern kamen als Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon. Er besitzt immer noch keinen deutschen Pass, nur eine Aufenthaltsgenehmigung. Die Familie war lange nur geduldet und musste fürchten, jederzeit abgeschoben zu werden.

In der Filmhandlung dreht es sich um Ihab aus Berlin, der auf Maria, ein Mädchen aus dem deutsch-argentinischen Flecken trifft. Sie liebt Volkstänze und ihr Dirndl, ihre Großeltern sind vor 50 Jahren per Schiff nach Argentinien gekommen. Ein Gegensatz, der nicht größer sein kann.

Die Campteilnehmer erarbeiteten alles rund um diesen Film, von der Ausstattung bis hin zum Soundtrack. Auch mitten in dem „Schwarzwald?-Ort diente eine Mauer für den Film als Objekt für zeitgenössische Spraykunst und der traditionelle Maibaum bekam eine moderne Konkurrenz, den „Monster-Maibaum?. Was tagsüber gefilmt worden war, bearbeitete gleich in der folgenden Nacht ein Cutter, so dass am Ende des Camps der fertige Film von den Teilnehmern angeschaut werden konnte.

Die südamerikanischen Teilnehmer konnten sich die Frage stellen „Was ist denn typisch deutschländisch?? Der Blick über den Tellerrand machte klar, dass nicht nur Argentinien, Chile, Uruguay, Paraguay Einwanderungsländer sind, sondern auch Deutschland und dass „deutschländisch? zu sein ? viele Facetten haben kann.

Info: Weitere Infos gibt?s im Internet unter den Adressen blog.pasch-net.de/deutschinargentinien und kulturweit.de

Breakdance gegen Volkstanz vor dem gigantischen „Monster-Maibaum“. Das Aufeinanderprallen deutscher Kultur war ein Kernthema des Videoclips, welcher im argentinischen Villa General Belgrano beim Jugendcamp gedreht wurde.Privatbilder

Regisseur Wolf Gresenz mit zwei Jugendcampteilnehmern bei der Dreharbeit.

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Erstellt:
26. Februar 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Februar 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Februar 2013, 12:00 Uhr

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