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Eine Stadt auf der Suche nach sich selbst

Die Pariser trauern um die Terroropfer und diskutieren über mögliche Ursachen

Paris schwankt im Zeichen des Terrors. Die Solidarität nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" weicht der Desillusionierung über die neue unfassbare Gewalt. Es gibt keine Tabuthemen, aber Streitkultur.

17.11.2015
  • SEBASTIAN KUNIGKEIT & GERD ROTH, BEIDE DPA

Irgendjemand hat aus Kerzen ein großes Friedenszeichen gebaut. Drum herum drängen sich Menschen und diskutieren. Es zieht sie hierher, an diesen Platz der Republik im Herzen von Paris, der wie kaum ein anderer für das Selbstverständnis Frankreichs steht. Jeden Tag, selbst spät in der Nacht, kommen Unbekannte zusammen, trauern um die Terroropfer, umarmen Fremde, suchen Gesellschaft - doch vor allem ringen sie um Antworten.

"Das ist für mich nicht der Islam", sagt eine junge Frau, die im Schneidersitz auf dem Boden hockt. Ein Anderer warnt davor, sich von den Terroristen in religiöse Debatten ziehen zu lassen. "Man hat das Recht zu sagen, dass Religion scheiße ist. Alle Religionen", meint ein Mann.

Es sind Szenen von eindrucksvoller Humanität. Es gibt keine Tabuthemen: Die Menschen reden offen, es wird immer wieder laut - vor allem, wenn es um Israel geht. Rassisten zanken mit dunkelhäutigen Franzosen. Die Worte sind hart, und doch lassen die Menschen sich ausreden. Wenn mal jemand dazwischenplappert, mahnt ihn ein anderer zu Respekt.

"Sie schwankt, geht aber nicht unter", der lateinische Mottospruch "Fluctuat nec mergitur" im Pariser Wappen wird jetzt viel zitiert. Schon während der Terrortage um "Charlie Hebdo" und den koscheren Supermarkt im Januar wankte Paris heftig. Die für einige Zeit deutlich spürbare Solidarität der Menschen, die internationale Unterstützung gaben Halt. Regierungschef Manuel Valls spricht im Rückblick von einer "heiligen Einheit".

Warum schon wieder Frankreich? Das Land erfüllt viele Kriterien als Hassobjekt fanatisierter Islamisten. Die frühere Kolonialmacht mit über weite Strecken martialischer Geschichte in den unterdrückten Ländern ist noch immer in vielen Regionen fest verankert.

Und Frankreich führt offen Krieg gegen den internationalen Terrorismus. Nach zwei Jahren Einsatz in Mali, einem Jahr im Irak, zwei Monaten in Syrien stellt sich manchem in Frankreich die Frage: "Wofür?".

Zweifel, die nach Ansicht des Philosophen Abdennour Bidar wohl von den Terroristen gewollt sind. Die Anschläge richteten sich gegen den solidarischen Geist der Zeit nach "Charlie Hebdo": "Wir haben an diesem Tag eine Einheit, eine Brüderlichkeit demonstriert, die Frankreichs Macht als Symbol universeller Werte wieder hergestellt hat", sagt er.

Doch der Terror lässt sich längst nicht mehr als äußere Bedrohung definieren. In den Banlieues (Vororten) nicht nur von Paris wachsen seit Jahrzehnten Generationen mit hohem Frustpotenzial heran: Migrationshintergrund, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung, kaum Perspektiven.

Pierre Vermeren, Professor für zeitgenössische Geschichte, analysiert: "Frankreich ist im Krieg gegen einen Teil seiner selbst, gefangen in der Falle seiner Geschichte als führende Macht im Mittelmeerraum."

Die Pariser trauern um die Terroropfer und diskutieren über mögliche Ursachen
Marianne weint: Mit dieser symbolischen Zeichnung bringt der französische Maler Liox die Stimmung in Paris auf den Punkt. Foto: afp

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17.11.2015, 12:00 Uhr

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