Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Ein Tübinger Memorandum vor 50 Jahren

Die Politik ins Gebet genommen

Vor 50 Jahren meldeten sich acht prominente Denkschriftsteller in einem „Tübinger Memorandum“ zu Wort, das als frühlingshafter Vorbote der späteren sozialliberalen Ostpolitik gelten darf.

25.02.2012
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. Dabei war zuerst einmal gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, was die honorigen Herren um den Tübinger Juraprofessor Ludwig Raiser in dessen Wohnung in der Rappenberghalde ausheckten. Nur durch eine „unvermeidliche Indiskretion“, so der „Spiegel“, kam das Memorandum am 24. Februar 1962 per Agentur ans Licht: Offenbar hatte einer von den Bonner Volksvertretern, die von den aufrechten Acht kontaktiert worden waren, nicht richtig dicht gehalten.

Eigentlich trug das siebenseitige Memorandum den Vermerk „Persönlich. Vertraulich“. Ein Geheimpapier, eine Verschlusssache, die nach Bekanntwerden einigen Staub aufwirbelte. Schließlich wusch diese Denkschrift der Politik gehörig den Kopf.

Denn diese werde von Unaufrichtigkeit und Konzeptionslosigkeit bestimmt: „Wir können keine der politischen Parteien von dem Vorwurf freisprechen, dass sie dem Volk die Wahrheit, die es wissen muss, vielfach vorenthalten, und statt dessen das gesagt haben, wovon sie meinten, dass man es gerne hört.“

Mit dem Wohlstand sei „in breiten Kreisen des Volkes und seiner Führung die Neigung eingezogen, den Blick vor gesellschaftlichen und politischen Übelständen zu verschließen und harten Entscheidungen auszuweichen“, beklagten die Unterzeichner.

Wohl noch nie seit Bestehen der Bundesrepublik wurde die vorherrschende Politik so schonungslos durch repräsentative Persönlichkeiten der Gesellschaft gemaßregelt. Vorneweg Nobelpreisträger Werner Heisenberg und sein Schüler, der Astrophysiker Carl Friedrich von Weizsäcker, der zusammen mit Heisenberg auch schon zu den aufmüpfigen „Göttinger 18“ gegen die Atomrüstung gehört hatte.

Die weiteren fünf Nicht-Tübinger, die das „Tübinger Memorandum“ mit verantworteten: der Sozialpolitiker und Rundfunkintendant Klaus von Bismarck, der evangelische Präses Joachim Beckmann, der Naturwissenschaftler Georg Howe sowie die beiden Bildungsexperten Georg Picht (bald darauf der Erfinder des Begriffs „Bildungskatastrophe“) und Hellmut Becker (genau, jener Geburtshelfer der Odenwaldschule, der den skandalösen Schulleiter Gerold Becker dorthin vermittelte).

Offenbar war der Tübinger Ludwig Raiser, laut Weizsäcker der „Kapitän der Mannschaft“, auf die Idee gekommen, das allgemeine intellektuelle Unbehagen an der westdeutschen Realpolitik in die Form eines Memorandums zu gießen. Grundlage war ein „Polygon von Privatgesprächen“, wie das ein Teilnehmer nannte – also ein Vieleck an privatem Austausch, in dessen Zentrum die Herren Raiser, Weizsäcker, Howe und Picht standen. Raiser sollte sich einige Jahre danach als umsichtiger Unirektor im Stürmchen der Tübinger Studentenunruhen bewähren.

Hauptforderung des Memorandums war eine aktive aufklärerische Außenpolitik, die neben der nuklearen Aufrüstung vor allem auf die Gebiete jenseits von Oder und Neiße verzichten sollte – ein gewagter bis unerhörter Vorschlag zur damaligen Zeit, in der sogar SPD-Granden wie Herbert Wehner vehement dagegen waren. Die Tübinger Manifestanten wünschten sich außerdem eine bessere Sozial-, Wirtschafts- und auch Kulturpolitik.

Von der „Zeit“ und ihrer Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff erhielten sie umgehend Schützenhilfe: „Jede, wirklich jede Partei würde sich glücklich schätzen, könnte sie Männer wie Raiser, Heisenberg, Weizsäcker zu ihren Mitgliedern zählen und sie als politisches Aushängeschild benutzen. Wir, die Staatsbürger, sollten froh sein, dass diese Männer, die weder Parteien noch Interessen vertreten, sich sozusagen als Lobbyisten der Vernunft zum Anwalt der Gesamtheit machen.“

Weil neben EKD-Präses Beckmann die übrigen sieben allesamt evangelische Laien waren, wurde der Tübinger Vorstoß vorschnell als Kritik von „evangelischen Persönlichkeiten“ abgekanzelt. Die evangelische Kirche sah sich deshalb genötigt, das Papier zur „privaten Arbeit der Verfasser“ zu erklären, obwohl der EKD-Synodale Raiser erklärte, das Memorandum argumentiere rein sachlich und berufe sich weder auf die Autorität der evangelischen Kirche noch des Evangeliums. Doch auch der „Spiegel“ las die Denkschrift als eine „Kritik der protestantischen Vernunft“.

Die Bundesregierung reagierte leicht verschnupft. „Die Herren können das ja unter sich diskutieren“, ätzte Pressesprecher Felix von Eckardt. Doch bald darauf kündigte SPD-Chef Willy Brandt an, seine künftige Regierung werde sich mit 36 namhaften Wissenschaftlern umgeben, darunter dem Vorsitzenden des Wissenschaftsrates. Sein Name: Ludwig Raiser.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

25.02.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball