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Reutlingen

Die Polizei liest Abizeitung

Bevor neulich die Abizeugnisse überreicht worden sind, machten sich einige Schülerinnen und Schüler wieder zu Kurzzeit-Verlegern und haben die Abizeitungen herausgegeben. Doch wer jetzt davon ausgeht, dass die Schulabgänger ausschließlich mit wohlwollenden Worte in den weiteren Lebensweg entlassen worden sind, der liegt teilweise ganz schön daneben.

11.07.2012

Denn da sind in der Regel nicht nur nette Porträts zu lesen, sondern es wird verbal auch kräftig geholzt. Mitschülerinnen und Mitschüler gelten als hinterhältig oder verschlagen, werden als „klein, offen, ohne Hemmungen“ beschrieben oder als „Streber, Schleimer, Notenjunkie abqualifiziert. Ob unzuverlässig, zickig, eingebildet, dicht im Unterricht oder nie da – es werden nicht nur nette Attribute verteilt, sondern auch böse ausgeteilt.

Beim Isolde-Kurz-Gymnasium (IKG) hatte die kleine Auflage von 370 Exemplaren nun aber eine große Wirkung: Eine Schülerin fühlte sich durch die Rubrik „Jeder über jeden“ persönlich so angegriffen, dass sie mit ihren Eltern bei der Schulleitung vorstellig wurde. Was Rektor Martin Englert bestätigt. „In der Abizeitung, die ja mit ihren wenigen Exemplaren quasi intern bleibt, fallen manchmal Begriffe, die aus Sicht der Erwachsenen nicht ganz den normalen Umgangston treffen. Die Jugendlichen sehen das aber anders“, erklärt der Schulleiter.

Aufgrund der Desensibilisierung der Jugendlichen im Alltag sei vielen von ihnen nicht klar, wie sehr sich Schülerinnen oder Schüler durch den derben Ton der Charakterisierungen getroffen fühlen können. Das gesprochene Wort sei schnell weg, schwarz auf weiß sei dagegen etwas ganz anderes. „Außerdem ist die Reizschwelle unterschiedlich hoch.“

Was Englert denn auch im Gespräch mit der Betroffenen und deren Eltern zu spüren bekam. Und er reagierte: Zunächst mit einer Entschuldigung, dann mit der Anordnung, dass die Passagen in den größtenteils noch nicht verkauften Zeitungen geschwärzt würden. Außerdem bat das achtköpfige Redaktionsteam des IKG, das beim Gegenlesen der anonym eingesandten „Jeder gegen jeden“-Zeilen die beleidigenden Worte hatte durchrutschen lassen, bei der Vergabe der Abizeugnisse die Schülerin ebenfalls um Verzeihung. Damit, so hoffte Rektor Englert, könnten die Betroffenen dazu gebracht werden, auf weitere Maßnahmen zu verzichten.

Doch damit täuschte er sich. Denn wie das TAGBLATT bei der Reutlinger Polizei erfahren hat, erstattete die Schülerin mit ihren Eltern mittlerweile eine Anzeige wegen Beleidigung und stellte einen Strafantrag gegen das achtköpfige Redaktionsteam. Derzeit laufe das Ermittlungsverfahren, bestätigt Polizeisprecherin Andrea Kopp.

Egal, was letztlich dabei herauskommt: Der Vorfall, der nach Paragraf 185 des Strafgesetzbuches durchaus zu Geldstrafen führen kann, ist mit Sicherheit einmalig in Reutlingen. Wer jetzt aber vorschnell die Anzeigenerstatter als Querulanten oder Spaßbremsen abqualifizieren will, der sollte sich erst einmal überlegen: Muss alles an beleidigenden Äußerungen erlaubt sein, nur weil die Generation Facebook beim (anonymen) Posten im Internet kaum noch Zurückhaltung kennt – und dann eben auch in der Abizeitung verbales Mobbing für angesagt hält? Die wird schließlich auch von Familienmitgliedern gelesen.

Trotzdem hätten nicht gleich Polizei und Staatsanwalt bemüht werden müssen. Zumal es mit dem Redaktionsteam wohl die Falschen trifft – die acht haben die inkriminierte (und nicht mehr zu erfahrende) Passage ja nicht selbst verfasst. Beim Redigieren ließen die Jungredakteure aber nicht unbedingt den Nachweis gehobener Reife erkennen. Kommenden Abizeitungs-Verfassern darf das durchaus eine Warnung sein.

Thomas de Marco

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11.07.2012, 12:00 Uhr

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