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Die Post für Deutschland

Anfang November warf ich zirka dreißig Briefe in einen Briefkasten der Deutschen Post in der Tübinger Wilhelmstraße. Es war ein Sonntag, die Leerung sollte am nächsten Tag um 17 Uhr sein. Manche der Briefe schafften es bis zum darauffolgenden Samstag an ihre Tübinger Adressen, andere im Bundesgebiet brauchten noch drei Tage länger.

19.11.2015
  • Ulla Steuernagel

In der Postagentur hinter dem Briefkasten reichte man mir eine Telefonnummer, bei der ich meine Beschwerde loswerden könne. Ich wählte die Nummer und erntete bald ein wunderbar verbindliches „Wir sind gleich für sie da!“

Es sollte nicht die einzige Beschwichtigungsformel sein oder wäre Durchhalteparole passender? In der folgenden halben Stunde bemühte man mich sehr um mich. Ich hörte Sätze, wie: „Bitte haben Sie einen Augenblick Geduld!“ Der Satz auf dem Minutenanzeiger des Telefonapparates einen genauen Platz. Er kam nach 3:59 Minuten, nach 7:20, 11:29, 13:12, 15:30, 19:25 und 22:50. „Der nächste Kundenbetreuer ist bereits für Sie reserviert“ – 2:47, 6:30, 10:30,14:30, 18:39, 26:40. Ich hörte auch: „Nutzen Sie jederzeit einfach und bequem den online-Service der Deutschen Post.“ Oder: „Wir verbinden Sie schnellstmöglich“ und noch vielversprechender: „Einen kurzen Moment noch“. Zwischendurch brachte sich mein (Nicht-)Gesprächsteilnehmer in Erinnerung: „die Deutsche Post – die Post für Deutschland“. In die sphärisch-beruhigende Musik wurden Dingdongs eingestreut, ganz nach Old-School-Art der Avon-Beraterin.

Ja, es wurde viel an meinem Ohr herumgemacht, und so glitt ich langsam in eine tiefe Mediation. Doch plötzlich schreckte mich eine fröhliche Stimme auf. Um was ging es eigentlich? Ich hatte es mittlerweile vergessen. Ja, es dauere hin und wieder lange, seufzte der Mann: „Wem sagen Sie das!“ Er wundere sich manchmal, dass Kunden bis zu zwei Stunden am Apparat ausharren und dann noch freundlich blieben.

Mir kam allmählich die Erinnerung an den Grund meines Anrufes zurück. „Leider kann ich Ihnen nicht helfen“, sagte der Mann. Vielleicht doch, entgegnete ich, geben Sie mir die Nummer des nächsten Paketzentrums. Nein, sagt er sehr freundlich. Er könne mir keine Nummer geben – ganz einfach, weil er keine habe. Ein Paketzentrum sei telefonisch nie erreichbar: „Sonst würde es bei denen die ganze Zeit klingeln und die könnten ihre Arbeit nicht erledigen.“ „Und wo soll ich mich dann für die unerledigte Arbeit beschweren“, fragte ich. „Ja, bei mir!“ antwortete der Mann. „Aber was nützt es mir“, fragte ich. Er, so der Mann, werde die Beschwerde weiterleiten. „Und dann?“, fragte ich. Dann werde sie von der Beschwerdestelle geprüft und die sorge dafür, dass das nicht mehr vorkomme. „Und falls es je Fragen gäbe, rufen die Sie an“, sagte der Mann. Fragen? Was für Fragen, fragte ich. „Sie haben ganz recht“, sagte der Mann.

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19.11.2015, 12:00 Uhr

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