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Urach feiert Barbara Gonzaga, erste Herzogin von Württemberg

Die Prinzessin auf der Linse

1474 heiratete Graf Eberhard von Württemberg Barbara Gonzaga. Die Tochter des Markgrafen von Mantua verlieh dem Uracher Hof kulturellen Glanz, blieb aber selbst im Schatten ihres Gemahls. Mit Ausstellungen, Vorträgen und vielen Veranstaltungen beleuchtet Bad Urach derzeit ihr Leben am Schwäbischen Hof. Ein Leben, das die Herzogin weniger genoss, als duldete.

29.05.2012
  • Moritz Siebert

Reutlingen. Wie viele andere Fürsten und Grafen zwischen Nordsee und Mittelmeer bekundete Graf Eberhard von Württemberg schon längere Zeit Interesse für Barbara Gonzaga, eine hübsche, wenn auch oft als korpulent beschriebene Tochter aus der prestigeträchtigen Familie der Gonzaga.

Im April 1474 brach Eberhard schließlich mit Gefolge nach Mantua auf, um sich selbst vorstellig und anschließend gleich Nägel mit Köpfen zu machen: Er regelte die Mitgift, händigte den Ehevertrag aus und ließ die Heiratsurkunde unterzeichnen. Die 18-jährige Barbara, auf den Tag zehn Jahre jünger als ihr Gemahl, reiste Eberhard zwei Monate später mit 234 Begleitpersonen und vier Karren Hausrat ins ferne Württemberg nach – und verließ ihre Heimat für immer.

Ein ungleiches Paar aus ungleichen Familien und unterschiedlichen Kulturkreisen: Sie auf der Höhe ihrer Zeit, der italienischen Renaissance – er auf der Höhe seiner Zeit, dem ausgehenden Mittelalter. Sie vom strahlenden mantuanischen Hof aus einer Kunst- und Literatur-liebenden Familie – er vom vergleichsweise bescheidenen württembergischen Hof mit Interesse für Ritterspiele, Schaukämpfe und Pferderennen. Sie des Lateins mächtig – er nur des Schwäbischen.

Barbara gilt heute als verantwortlich für das Aufblühen des kulturellen und auch kulinarischen Lebens an Württembergs Höfen. Ob sie sich im Schwäbischen aber jemals richtig zuhause fühlte, ist fraglich – das jedenfalls vermittelt ihre überlieferte Korrespondenz. Schon im ersten Brief, den sie von ihrer Reise in ihre Heimat sandte, bekundet sie ihre Sehnsucht nach der Familie, später beklagte sie ihre „miseria“.

Die Mutter schickte ihr außer Briefen und Trost Kleidung und Lebensmittel in die neue Heimat. Mit schwäbischer Küche konnte sich Barbara nie arrangieren. Den fleischlastigen Speiseplan peppte sie nach und nach mit Gemüse auf und brachte neben Spargel, Radieschen und Wirsing auch die Gabel nach Württemberg. Am Ende freundete sie sich wenigstens mit schwäbischen Linsen an.

Insgesamt sind rund 70 Briefe von Barbara erhalten, die das alltägliche höfische Leben dokumentieren, Einblick in Politik und Kultur der Zeit geben und die liebevolle Beziehung Barbaras zu ihrer Familie widerspiegeln. Diese Briefe bilden den Grundstock der Ausstellung über das Leben der Gonzaga am Württembergischen Hof, die derzeit im Rahmen des Uracher Gonzaga-Jahres im Residenzschloss zu sehen ist.

Die vom Staatsarchiv Württemberg konzipierte Wanderausstellung, die bereits in Böblingen, Stuttgart und Kirchheim/Teck zu Gast war und im September nach Mantua weiterzieht, durchleuchtet die politische, kulturelle und private Situation Gonzagas am Württembergischen Hof. Viele ihrer Briefe sind, nachdem sie im 15. Jahrhundert von hier aus versandt worden waren, nun erstmals nach Urach zurückgekehrt. Neben Textdokumenten sind viele weitere Zeugnisse aus Barbaras Zeit, wie Münzen, Kleidungsstücke oder Schmuck zu sehen.

Im Mittelpunkt des ehrgeizigen Programms zum Gonzaga-Jahr steht die berühmte Hochzeit zwischen Eberhard und Barbara. Dokumente überliefern den genauen Verlauf des Jahrhundert-Ereignisses vom Sommer 1474: 13 000 Gäste waren gekommen, ein 15-gängiges Menu wurde kredenzt, für dessen Gelingen 52 Köche nötig waren. Auch ein Tanzhaus errichteten die Uracher eigens für die Hochzeit. Die Feier ging mehrere Tage, und dieses Gelage stellt Bad Urach nun nach – mit dem Unterschied, dass es eigentlich fast das ganze Jahr über feiert.

Bereits seit März läuft das Rahmenprogramm mit Vorträgen, Ausstellungen und Musikveranstaltungen. Ein Highlight ist das große Festessen im Residenzschloss, zu dem der Verband staatlicher Schlösser und Gärten Baden-Württemberg bereits Mitte Mai eingeladen hatte und das am 30. Juni (19 Uhr) wiederholt wird. Hier steht das 15-gängige Hochzeitsmahl nach dem Original-Rezept von 1474 auf der Speisekarte. Nur der Ochsenschwanz und der Pfau werden durch Fisch und leichteres Geflügel ersetzt, und die Wirte erlaubten sich, etwas Salat und Gemüse mit auf die Karte zu nehmen – wahrscheinlich nicht nur in Gedenken an die Hofdame. Begleitet wird das große Essen von Gauklereien, Renaissance-Musik und Feuerkunst.

Am 6. Juni (19 Uhr) hält der Historiker und Fachmann für württembergische Geschichte, Peter Rückert, einen Vortrag über das höfische Leben Gonzagas. Am 13. Juni (19 Uhr) referiert Tilmann Marstaller über Uracher Gebäude, die zu Barbaras Zeiten bereits standen, und am 18. Juli (19 Uhr) spricht Prof. Sönke Lorenz über Graf Eberhard und dessen Vorfahren. Am 17. Juni, 15. Juli sowie am 5. August (jeweils 15.30 Uhr ) werden Kostümführungen mit „Kammermagd Barbara“ angeboten. Einen „italienischen Abend“ mit Literatur aus und über Italien gibt es am 13. Juli (ab 20 Uhr). Alle Veranstaltungen sind im Residenzschloss. Dessen Verwalterin Johanna Kugele zieht zur Halbzeit des Gonzaga-Jahres ein positives Resümee. Die Veranstaltungen und die große Ausstellung im Schloss locken rund 30 Prozent mehr Touristen in den Kurort am Fuß der Alb.

Ihre Heimat Mantua musste Barbara Gonzaga mit 18 Jahren verlassen. Auch wenn sie sich in Württemberg nicht besonders wohlgefühlt hat – das Land hat davon profitiert: Ihr Erbe ist von unschätzbarem Wert – die Veranstaltungen und Ausstellungen des Gonzaga-Jahres in Bad Urach offenbaren das deutlich.

Die Prinzessin auf der Linse
Feiern wie bei der Hochzeit von 1474: Die Tanzgruppe Danza Bassa aus Urach tritt im Residenzschloss auf. Bild: Franke

Vom Landesarchiv Baden-Württemberg ist der Ausstellungskatalog „Von Mantua nach Württemberg: Barbara Gonzaga und ihr Hof“ erschienen, der ihr Leben und ihr politisches und kulturelles Umfeld an den Fürstenhöfen in Urach, Stuttgart und Böblingen nachvollzieht. Dem Katalog ist eine CD mit Musik vom Hof der Gonzaga beigefügt
(29 Euro, Kohlhammer-Verlag).
Von der Hechinger Autorin Gudrun Maria Krickl ist jüngst das Buch „Brautfahrt ins Ungewisse. Lebenswege württembergischer Herzoginnen“ erschienen, in dem sie ein ausführliches Kapitel dem Wirken Barbara Gonzagas am Uracher Hof widmet (24,90 Euro, Silberburg-Verlag).

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29.05.2012, 12:00 Uhr

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