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Die Qual ist zu Ende
Obenauf: Der Mainzer Toni Reljic (links) unterdrückt Daniel Bohl (Mitte) und Mazembes Tashante Badinga (rechts). Bilder: Ulmer
Im fünften Versuch gewinnt Mainz das Ergenzinger Pfingstturnier

Die Qual ist zu Ende

Mainz macht’s: Nach vier vergeblichen Finalversuchen hat A-Junioren-Fußball-Bundesligist gestern erstmals das von 5000 Zuschauern besuchte Ergenzinger Pfingstturnier gewonnen. Nach einem 1:0 (0:0)-Sieg gegen den Publikumsliebling von TP Mazembe aus der Demokratischen Republik Kongo.

29.05.2012
  • Tobias Zug

Ergenzingen. Sonntag um 12.40 Uhr auf der Ergenzinger Breitwiese: Ashante Badinga schlägt den dreifachen Flick-Flack. Masengo Godet läuft an und macht an der Eckfahne einen Salto vorwärts mit einer halben Drehung. Väter setzen ihre Kinder auf die Schultern der Kicker aus der Demokratischen Republik Kongo und knipsen Bilder für die Familien-CD – Zirkus Mazembe in Ergenzingen. Die „Allmächtigen“, wie sich die Mannschaft von „Tout Puissant“ Mazembe übersetzt nennt, haben soeben das Finale beim Pfingstturnier erreicht.

Nach einem Elfmeterschießen gegen die Schweizer von Young Boys Bern, das fast eine halbe Stunde dauerte. Die Berner hatten geschickt gegen die schnellen, wendigen Afrikaner das 0:0 verteidigt. Und dann ging’s los: Berns Miguel Castroman trifft, Torhüter Leonard Kiener hält, dann hält Mazembes nach dem Turnier zum besten Torhüter gewählte Serge Mietchop.

Nach dem 2:2 hielt Mietchop erneut einen Schuss, der Berner dafür nach dem 3:3 – und danach sollte für lange Zeit kein Spieler aus Bern und aus Mazembe je einen Ball weder am Tor vorbei oder in Torhüters Arme schießen. 4:3 Bern, 4:4 Mazembe, 5:4, 5:5, 6:5, 6:6, 7:6, 7:7, 8:7, 8:8, 9:8, 9:9. 10:9, 10:10, 11:10, 11:11 – Matchebo hält. Und läuft zum dritten Mal bei diesem Dauerwettbewerb an. Und trifft zum dritten Mal in fast schon arrogant-lässiger Art. Diesmal zum endgültigen Sieg. „Das war psychischer Stress“, sagte Mazembes französischer Trainer Régis Laguesse, „und eine Lotterie.“ Spätestens nach der anschließenden Jubel-Flick-Flack-Salto-Show hatten die Mazember das Publikum auf ihrer Seite.

Im Endspiel wartete der Dauergast aus Mainz. Die Mainzer hatten in der Vorrunde noch 2:4 gegen Mazembe verloren. „Das lag vielleicht auch an der langen Hinfahrt, wir sind da erst kurz vor dem Spiel angekommen“, sagte Mainz’ Spielführer und Abwehrchef Fabian Kalig. Im Halbfinale besiegten die Mainzer aber die starken Belgier von Standard Lüttich, die auch einen schnellen, fintenreichen Fußball-Stil à la Mazembe pflegen. Und standen zum fünften Mal in Folge im Finale in Ergenzingen – das sie bis dato stets verloren. „Im Hinterkopf hatten wir das aber nicht“, sagte Kalig, der schon im Vorjahr dabei war, „auch wenn es uns dauernd unter die Nase gerieben wurde.“

Gegen die forsch aber viel durch die Mitte kombinierenden Kongolesen hielt sich die Abwehr des Bundesligisten meist schadlos. Glück hatte der FSV, als nach einem Außenspannschuss von Tony Kazembe Mwinkeli (32.) der Ball von der Hand des FSV-Torwarts Jannik Huth an den Pfosten prallte, von dort auf dessen Rücken und sich flugs eine eigene physikalische Regel zurechtschusterte um irgendwie noch über die Latte zu kommen.

Drei Minuten vor Abpfiff das Tor des Tages: Mainz kontert über links, die ansonsten von Masengo Godet gut organisierte Abwehr ist unsortiert, der Rückpass erreicht über Umwege Necmi Gör, und der donnert den Ball im Strafraum ohne Gnade unter die Latte. Und Mainz hat es tatsächlich im fünften Anlauf geschafft, den klobigen Wanderpokal zu holen.

„Ich glaube, wir haben die Zuschauer genug gequält, immer nur Zweiter zu werden“, sagte der Mainzer Trainer Stefan Sartori schmunzelnd. Nach der „obligatorischen Auftaktniederlage“ (Sartori) gegen Mazembe hatte er vom 4-4-2-System auf das defensivere aber für seine Kicker gewohnte 4-2-3-1 umgestellt, was für mehr Ordnung sorgte. „Zudem sind wir mehr gelaufen als noch beim ersten Spiel“, sagte Fabian Kalig. Sartori verweist darauf, dass fast nur Spieler aus dem jüngeren Jahrgang mitgespielt hätten. Zudem fehlte der Toptorjäger Lucas Röser verletzt.

„Ein ganz großes Kompliment deshalb an die Jungs“, sagte Sartori, der zum dritten Mal in Ergenzingen als FSV-Coach dabei war. Und seine Spieler zur Haupttribüne schickte: „Bedankt euch bei den Zuschauern!“ Derweil kauerte Mazembes Ragon Pembele enttäuscht auf dem Ergenzinger Rasen. Ein Betreuer musste ihn hochheben. Über den Pokal des besten Turnierspielers freute sich Pembele so, als hätte er gerade einen Gutschein für ein Ergenzinger Sonnenstudio gewonnen – zwischen Freud und Leid liegen manchmal nur fünf Stunden.

Finale in Ergenzingen: Mainz 05 - Mazembe

Finale in Ergenzingen: Mainz 05 - Mazembe --

11:51 min

Die Qual ist zu Ende
Humba täteräää – so feiert ein Karnevalsverein, wenn er endlich ein Pfingstturnier in Ergenzingen gewonnen hat.

So ein internationales Turnier stellt manch Beteiligten vor Problemen. Zum Beispiel: Wie spreche ich als Schiedsrichter die Spieler an, wenn die mich nicht verstehen? Der Ergenzinger Referee Andreas Rinderknecht leitete am Samstag das Spiel zwischen Mainz und Mazembe. „Im Normalfall spreche ich mit allen in Englisch“, sagte Rinderknecht. Sein Schulenglisch vor dem Einlaufen („are you ready?“) verstanden die Mainzer. „Aber die aus Mazembe guckten mich an wie ein Fragezeichen“, berichtete Fragezeichen, „die konnten keinen Fatzen Englisch!“ Und Rinderknecht hatte Französisch nicht auf seinem Realschul-Lehrplan. Der Ergenzinger zu seinen Assistenten: „Das wird lustig…!“ Rinderknecht versuchte deshalb den Kongolesen mit internationaler Zeichensprache deutlich zu machen, wenn er zum Beispiel Ruhe einforderte. Was klappte. Schwieriger war da die Kontrolle der Pässe. Ausländische Mannschaften legen da die Personalausweise oder wie Mazembe aus der Demokratischen Republik Kongo die Reisepässe vor. Rinderknecht guckte flugs über deren Pässe rüber. Groß dran rumzukritteln konnte er eh nichts: „Die sahen für mich ja alle gleich aus“, sagte er schmunzelnd.

Viel Prominenz bei der Eröffnung: Grünen-Landtagsabgeordneter Daniel Lede Abal war da, Orstvorsteher Hans Beser, Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher sprach seine Hoffnung aus, dass alles schön und friedlich bleibe, nicht wie zuletzt in Düsseldorf Fans aufs Feld rennen und am neu hergerichteten und erstmals in diesem Jahr bespielten Ergenzinger Rasen zupfen. Der Württembergische Landessportbund-Präsident Klaus Tappeser erwiderte ironisch, „das wäre andererseits vielleicht auch eine Möglichkeit, den neuen Baubürgermeister zu testen, wie der darauf reagiert“. TuS-Vorsitzender Karl Schäfer dankte den „über 400 ehrenamtlichen Helfer, die seit einer Woche im Einsatz sind“. Und bat um eine zehnsekündige Gedenkminute für den verstorbenen Turniermitbegründer Walter Baur.

Etwas enttäuschend verlief der Auftritt der U 19 Bulgariens, die gegen den Bezirksstaffel-Meister TuS Ergenzingen nur 0:0 spielte. Trainer Vladimir Stoianov, der einst auch für Spaniens Deportivo La Coruna spielte, verwies darauf, dass fünf Spieler fehlten, die von ihren Vereinen keine Freigabe erhalten hatten. Bulgariens Nachwuchsförderung und die Vereine seien eh ein Thema für sich – „wir haben viele Talente“, sagte Stoianov, „aber die werden nicht richtig gefördert.“ Der für den Nachwuchs zuständige Plamen Mihov, der früher unter anderem bei der TuS Koblenz spielte, ist dabei, neue Strukturen im bulgarischen Fußball zu schaffen. Stützpunkttrainingszentren wie in Deutschland hat er vor zwei Jahren eingeführt. „Aber die kleinen Vereine haben da Angst, ihre Spieler hinzuschicken, weil die großen wie ZSKA oder Levski Sofia sie wegschnappen könnten“, sagte Mihov, „die Vereine haben keine Visionen, jeder arbeitet nur für sich.“ Beim Training in der Jugend-Nationalmannschaft seien die Spieler nach der dritten Einheit so kaputt, „weil sie im Verein nicht so gefördert werden“, sagt Mihov, „bei uns gibt’s Vereine, die spielen noch mit Libero.“ Ergo: „Wir haben in Bulgarien nur eine Chance, wenn wir alle an einem Strang ziehen! Das dauert mindestens noch fünf Jahre.“

Wer pfiff vor 38 Jahren das Pfingstturnier-Endspiel zwischen den Blue Stars Zürich und dem FV Nürtingen? Richtig: Erich Graf aus Vollmaringen, langjähriger Staffelleiter im Bezirk Nördlicher Schwarzwald. Der 76-Jährige war gestern mit seiner Ehefrau da und erinnerte sich: Auf dem einstigen Hartplatz nebenan wurde da noch gekickt. Kurz vor Schluss pfiff Graf Elfmeter für Zürich. „Warum hast du den gepfiffen?“, fragte ein Zuschauer. „Ha, der hat doch dem Schweizer schier das Hemd aus der Hose gerissen“, antwortete Graf. Und Zürich holte den Cup.

Rund 1500 Mahlzeiten bereiteten Bernhard Baur und sein Küchenteam für die Mannschaft in der Breitwiesenhalle zu. Baur kocht seit 30 Jahren für die Fußballer des Pfingstturniers, wegen der vielen Arbeit komme das Team allerdings nicht dazu, ein Spiel länger als zehn Minuten anzuschauen. Das deutsche Essen komme bei den ausländischen Mannschaften sehr gut an. Die Salatsoße tat es ihnen besonders an, beobachtete Baur: „Viele gossen sie über die Nudeln und manche tranken sie sogar.“

Etwa 5000 Zuschauer kamen an den drei Tagen. Es waren auch schon mehr, aber auch schon weniger beim Pfingstturnier. „Wir sind sehr zufrieden“, sagte Turnierorganisator Jürgen Schäfer. Und weil er kaum was zu tun hatte, war auch Turnieraufsicht Rudolf Kittel nicht unglücklich – keine rote Karten, keine Schiedsrichterklagen, keine Fans, die Elfmeterpunkte rausschnitten. „Das ist am besten, wenn die Turnierleitung nicht gebraucht wird“, sagte Kittel. tzu / kto

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29.05.2012, 12:00 Uhr

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