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Tübinger Wurzeln der Charity-Lady Ute Ohoven

Die Reise durch Slums und zu Mutter Teresa hat in Hagelloch begonnen

Ute Ohoven kennt die Welt des Reichtums und Glamours – und engagiert sich seit 30 Jahren für Menschen in Armut. Die 70-Jährige ist bekannt aus TV-Galas und in Tübingen geboren.

05.01.2017

Von Moritz Hagemann

Port-au-Prince in Haiti nach den schweren Erdbeben 2010: Ute Ohoven umringt von einheimischen Kindern. Bilder: You Stiftung

Als sich Ute Ohoven nach dem Gespräch mit dem TAGBLATT verabschiedet, sagt sie: „Grüßen Sie mir bitte meine Schwaben.“ Die 70-Jährige wurde als Ute Ulmer in Tübingen geboren und ist in zweiter Ehe mit Bankkaufmann Mario Ohoven verheiratet. Sie hat die in Düsseldorf ansässige „You Stiftung – Bildung für Kinder in Not“ gegründet und schon 1993 das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten. In Belo Horizonte (Brasilien) und San Salvador ist sie Ehrenbürgerin. Im Interview spricht sie über Tübingen, ihr Engagement, Schüsse im Krieg und Flüchtlinge.

TAGBLATT: Frau Ohoven, kennen Sie eigentlich die Stiftskirche oder den Hölderlinturm?

Ute Ohoven: Natürlich. So wie ich weiß, hat Friedrich Hölderlin sogar bis zu seinem Tod darin gelebt. Als Kinder haben wir den Turm oft besucht. Und in die Stiftskirche sind wir mit meiner Großmutter immer zum Gottesdienst gegangen. Eine wunderschöne Kirche in der Altstadt.

Wie lange haben Sie in Tübingen gelebt?

Ich bin in Tübingen geboren und dort fünf Jahre aufgewachsen. Wir sind dann zuerst nach Balgheim, dann nach Spaichingen gegangen.

Wann waren Sie das letzte Mal hier?

Das ist bestimmt 20 Jahre her. Aber Sie glauben gar nicht: Ich träume oft von Tübingen (lacht). Ich bin als kleines Kind dort gewesen und es ist eine der wunderbarsten Städte, in denen ich gewesen bin.

Fehlt Ihnen nun die Zeit für einen Besuch in der Heimat?

Nein. Meine Großeltern leben nicht mehr und die haben in Tübingen gewohnt. Auch als ich älter geworden bin, waren wir immer in den Ferien bei Oma und Opa in Tübingen. Meine Großmutter kam aus Hagelloch, aus dem Wirtshaus „Hirsch“, und das haben auch noch Geschwister von ihr geführt. Da habe ich unglaubliche Kindheitserinnerungen.

Heute sorgen Sie sich selbst für das Wohl vieler Kinder.

Richtig! Das ist meine Berufung: seit 30 Jahren, ehrenamtlich.

Woher nehmen Sie den Willen und den Antrieb dafür?

Mir geht es gut, ich bin auf der Sonnenseite des Lebens geboren. Mein Herz und meine Liebe gehören den Armen, vor allem auch den Kindern. Und auch den Müttern in dieser Welt, die ohne Hilfe keine Zukunft haben. Ich hab’ selbst vier Kinder, hab’ sechs Enkelkinder. Aufgewachsen bin ich in einer Familie mit sieben Kindern. Mein Vater war Unternehmer, uns ging es sehr gut. Ich bin von meinen Eltern so erzogen worden: In die Schule bin ich auch immer mit zwei, drei Schulbroten gegangen, um denen etwas abzugeben, die nichts hatten.

Wie wichtig ist Reichtum für Sie persönlich?

Reichtum bedeutet natürlich Unabhängigkeit. Wenn es mir nicht gut gehen würde, könnte ich diese soziale Arbeit nicht leisten. Aus der Gesellschaft, aus der ich komme, da hole ich ja in erster Linie die Spenden. Deshalb ist für mich der Zugang einfacher. Das nutze ich, insgesamt habe ich über 80 Millionen Euro Spenden gesammelt.

Welche Anerkennung in der Gesellschaft wünschen Sie sich?

Das ist für mich unwichtig. Ich habe über 500 Projekte in über 100 Ländern, ich habe über 1,8 Millionen Kindern und Müttern eine Zukunft gegeben. Für mich zählt nur das, was ich geleistet habe. Ich helfe mit, die Welt ein bisschen besser zu machen. Es ist schön, wenn die Gesellschaft sagt, es ist gut, was ich mache. Viel wichtiger ist, dass die Gesellschaft selbst viel Gutes tut. Ich möchte den Leitgedanken für andere prägen.

Welche Aufgaben haben Sie als Sonderbotschafterin der Unesco?

Ich unterstütze und verbreite die Werte und die Mission der Unesco. Ich bin ja Sonderbotschafterin für das Programm Bildung für Kinder in Not. Die Unesco hat nun eine straffe Bildungsagenda bis 2030 herausgegeben. Früher, wenn wir in Afrika eine Schule aufgebaut haben, haben die Kinder einen Bleistift und ein Blatt Papier bekommen. Und es wurde viel gesungen.

Und heute?

Heute sieht die Agenda vor, dass alle Kinder Zugang zu qualitativ hochwertiger und inklusiver Bildung erhalten. Wer heute in Afrika keine sehr gute Bildung hat, bekommt auch dort niemals einen guten Job, mit dem er seine Familie ernähren kann. Es bleibt eine ewige Spirale, weil Kinder aus armen Familien auch häufig nur unregelmäßig zur Schule gehen. Wichtig ist uns auch die Gleichstellung der Geschlechter, da Mädchen oft keinen Zugang zu Bildung haben.

Wie viele Tage im Jahr verbringen Sie im Ausland?

Insgesamt vielleicht vier Monate, mit Unterbrechungen.

Und wo die meisten?

Im Moment reise ich sehr viel nach Afrika. Weil ich im Senegal ein Projekt entwickelt habe, das im Februar den Spatenstich haben wird. Es ist ein wichtiges Pilotprojekt, das aufzeigt, wie man Flüchtlinge in ihren Kontinenten hält. Wir bauen den Slum Baraka in Dakar um. Aus dem Elendsviertel, in dem aktuell etwa 2500 innerafrikanische Flüchtlinge leben, soll ein lebenswerter Stadtteil für seine Bewohner werden. Wir bauen massive Häuser mit Wasser und Strom und öffentliche Einrichtungen wie Schule, Kindergarten, ein kleines Krankenhaus und Geschäfte. Die hygienischen und medizinischen Bedingungen werden verbessert. Vor allem schaffen wir Berufsausbildungen und Weiterbildungen für die junge Bevölkerung. Die Menschen werden in alle Prozesse einbezogen und müssen Verantwortung übernehmen.

Im SWR-Nachtcafé nannten Sie das Ziel, dass möglichst viele Flüchtlinge aus Deutschland wieder in ihre Heimat zurückkehren sollen.

Wir müssen zwischen politischen und wirtschaftlichen Flüchtlingen unterscheiden. Politische dürfen wir nicht einfach zurückschicken, solange noch Kriegszustände herrschen. Die armutsbedingte Flucht aus den Heimatländern müssen wir unbedingt verhindern. Wir verlagern die Armut nur nach Europa.

Wie kann das funktionieren?

Da sind die Staaten aufgefordert, etwas zu tun. Das haben wir verpasst und die Augen verschlossen, obwohl seit über zehn Jahren Flüchtlinge in Lampedusa stranden. Und wenn Deutschland Geld für Flüchtlingshilfe ausgibt, dann sollte man es heute besonders dort in den Ländern mit qualifizierten Programmen einsetzen. Die meisten Flüchtlinge gehen nur aus tiefster Verzweiflung auf die Flucht. Aber hier haben viele auch keine Perspektive. Wir müssen in den Ländern ansetzen, damit sie nicht auf die Boote steigen, das ist der größte Wahnsinn überhaupt. Und da wehre ich mich bis zum Gehtnichtmehr! Es gibt so viele Beispiele, durch die die ganze Welt dann anfängt, diese Flüchtlinge zu hassen. Weil einzelne sich ausgliedern und kriminell werden. Das wirft auf die Flüchtlinge ein unendlich schlechtes Bild. Das dürfen wir nicht zulassen!

Wie schwer fällt die Umstellung, wenn Sie aus armen Ländern zurück in den deutschen Luxus kommen?

Sehr schwer. In 30 Jahren habe ich immer gedacht, ich lerne es. Aber das lernt man nie. Zumindest die ersten fünf, sechs Tage bin ich wie gelähmt, wenn ich wieder in einer guten Umgebung, einem Wohlstand bin.

Was war das speziellste Erlebnis während ihres Engagements?

Ich habe viele grausame und schreckliche Erlebnisse gemacht. Ich habe Mütter sterben sehen, die ihr Kind im Arm gehabt haben. Die sind verhungert oder an Schwächeanfällen verstorben. Kurz nach dem Krieg war ich in Ex-Jugoslawien, dort haben sie selbst auf mich geschossen. Ich habe Überfälle erlebt: In Mexiko im Schwarzen Loch haben sie uns versucht zu entführen, aus dem Bus herauszureißen. Oder wenn ein kleines Mädchen mich anfleht, ich solle sie mitnehmen, weil sie niemand liebt. Das sind so Dinge, die ich mit mir herumschleppe. Und die auch nicht verdrängen möchte. Diese Bilder geben mir immer wieder Kraft und den Antrieb in die Länder zu gehen.

1997 trafen Sie auf Mutter Teresa.

Das war in Kalkutta kurz vor ihrem Tod. Sie kennenzulernen war mein innigster Wunsch. Ich habe über ein Jahr auf einen Termin gewartet und sie war damals ja schon schwer krank. Das ist eine der größten und bewegendsten Begegnungen meines Lebens. Es saß eine Abgesandte von Gott auf Erden vor mir. Das ist eine Persönlichkeit, die etwas Göttliches hat. Ich hab’ nur gezittert, ich konnte die ersten fünf Minuten gar nicht reden, mir hat die Stimme versagt. Das hat sie gemerkt und hat mir über den Kopf gestreichelt und meine Hand genommen. Dann habe ich mich gefangen. Aber ich denke, das hat sie sehr oft erlebt. Denn sie ging damit völlig gelassen um. Für mich war sie eine Heilige auf Erden.

Was wünschen Sie sich für 2017?

Wir sind alle aufgefordert, für eine bessere, gemeinsame Welt zu sorgen. Das sollten vor allem die beherzigen, denen es gut geht. Niemand darf sagen: ‚Das interessiert mich nicht, das ist nicht mein Ding.‘ Ansonsten werden wir die Probleme der Welt vor unseren Türen wiederfinden. Ob es noch Kriege gibt, das können wir nicht bestimmen. An der Armut können wir alle arbeiten.

Mutter Teresa (rechts)und Ute Ohoven 1997 in Kalkutta – kurz darauf starb Teresa mit 87 Jahren.

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Erstellt:
5. Januar 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Januar 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Januar 2017, 01:00 Uhr

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