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Es ward sehr helles Licht

Die Renovierung der Rottenburger Morizkirche ist fast fertig

Einen ersten Einblick nahmen Interessierte am Samstag in die Kirche St. Moriz nach ihrer Renovierung. Architekt und Restaurator erläuterten die Arbeiten. Als das neue Licht anging, gab es spontanen Beifall und begeisterte Rufe.

01.12.2014
  • Fred Keicher Fred Keicher

Rottenburg. Fast acht Monate musste die Moriz-Gemeinde in die Klausenkirche ausweichen. Vom Tag nach Ostern bis jetzt war die Morizkirche fest in der Hand der Handwerker und Restauratoren. Am Samstag zeigte Dompfarrer und zur Zeit Pfarradministrator der Morizkirche Harald Kiebler den Gemeindemitgliedern „ihre Morizkirche“. Es waren mehr Interessierte gekommen als Gläubige zu einem normalen Sonntagsgottesdienst.

„Ein neues Raumgefühl“ könne die Gemeinde erleben, die Kirche aus ganz anderen Blickwinkeln sehen. Die Bestuhlung in den Seitenschiffen fehlt noch, der freie Raum lud zum Umgang ein. „Noch sehen Sie die Kirche in dem Licht wie vorher“, sagte Kiebler der Gemeinde und bereitete sie auf das augenfälligste Ergebnis der Sanierung vor: das neue Licht. Nacheinander wurde das Licht angestellt. Das für die Flankenaltäre zuerst, für den Mittelgang (hier gab es die ersten staunenden „Oh“-Rufe), für die Orgelempore, für den Chor mit Kreuzgewölbe, Sternen und Evangelisten-Symbolen. Als auch die Annakapelle strahlte, brandete jubelnder Beifall auf. Zuletzt zeigte Kiebler, dass man auch die Pendelleuchten im Langhaus heller einstellen kann: Bessere Sicht auf die mittelalterlichen Fresken und besser fürs Gesangbuchlesen.

„Es war Zeit, etwas zu tun“, sagte Architekt Thomas Duttlinger, als er einen kurzen Überblick über die Bauarbeiten gab. Der Rottenburger Architekt ist spezialisiert auf Fabrikbauten, Kirchen seien sein Hobby. Bei der Neugestaltung des Doms durch die Aachener Architekten Hahn Helten hatte er die örtliche Bauleitung übernommen. Die Lüftungsanlage der Morizkirche war komplett ausgefallen. Folge des fehlenden Luftaustauschs waren stark verschmutzte Oberflächen im Inneren der Kirche, auf denen sich zerstörerische Pilze angesiedelt hatten. Für die neue Lüftungsanlage wurde überm Chor ein anderer Standort gefunden. Sie ist zehn Meter lang, zwei Meter hoch, zwei Meter breit und kann in 12 000 Kubikmeter Luft in der Stunde umwälzen.

Für die Reinigungs- und Renovierungsarbeiten an den Wänden und Decken (alles von Hand) wurde ein freistehendes Traggerüst eingebaut. Leiste um Leiste, Brett um Brett wurde die Holzdecke abgenommen. Allein 2200 laufende Meter Leisten habe man ausgebaut, sagte Duttlinger. Alle wurden gereinigt wieder eingesetzt. Die Decke ist nicht neu gestrichen, sondern nur gereinigt. Neu in der Morizkirche ist nur der Windfang am Haupteingang.

Die Krypta eines Vorgängerbaus kam zum Vorschein, als der Fußboden im Chor freigelegt wurde. Der Kusterdinger Restaurator Fabian Schorer zeigte Bilder über die Baugeschichte der Morizkirche und die jetzige Restaurierung. Der erste Kirchenbau sei wohl um 1200 errichtet worden. Um 1380 erhielt er einen Nachfolgebau, der als Chorraum heute noch steht mit dem Kreuzgewölbe und den Ausmalungen. 1419/20 sei das Langhaus dazugekommen, „in einem Stück errichtet und ausgemalt“. Hier zeigte Schorer ein Detail der Ausmalung, einen Engel. „Den werden Sie so nicht kennen, er ist hinten rechts hinter der Orgel.“ Staunend drehten sich die Zuhörer um zu dem so noch nie gesehen Engel.

Um 1520 erhielt die Decke des Langhauses Einbauten, später wurde die Kirche barock ausgemalt, im 19. Jahrhundert wurden in die Seitenschiffe sogar Gewölbe eingebaut. Erst 1972 wurde die ursprüngliche Gestalt der Morizkirche wiederhergestellt.

Erstaunlich ist, mit welcher Feinheit die Köpfe der Engel von dem anonymen mittelalterlichen Künstler gezeichnet wurden. Schorer zeigte via Beamer viele Detailbilder. Eines kommentierte er: „Das können Sie allerdings nur unter UV-Licht sehen.“ Mit dem bloßen Auge sah der Engel eigenartig flach aus. Hier hatte der Pilz zerstörerisch eingegriffen. Schorer zeigte grausliche Bilder von Schmutzflocken. „Das ist fast Kunst“, sagte er.

Nach den vielen Erklärungen waren die Besucher eingeladen, in jeden Winkel der Kirche zu blicken. Sie staunten über den Freiraum in den Seitenschiffen. Für Weihnachten werde die Bestuhlung wieder eingebaut, sagte Joachim Müller. Was danach komme sei „noch im Fluss“. Müller ist Vorsitzender des Bauausschusses des Kirchengemeinderats. Das ursprüngliche Sanierungskonzept mit einer Pelletheizanlage hätte 1,9 Millionen Euro gekostet. Das Bischöfliche Ordinariat hat der Sanierung aber einen Kostendeckel verpasst bei knapp 1,4 Euro. Der wurde genau eingehalten.

Die Renovierung der Rottenburger Morizkirche ist fast fertig
Viele Neugierige sahen sich am Samstag die renovierte und mit neuer Beleuchtung ausgestattete Morizkirche an. Bild: Faden

200 000 Euro zu den Sanierungskosten der Morizkirche will der Kirchengemeinderat leisten. Dorothea Saile und Dunja Stadel-Maier haben deshalb eine Lotterie initiiert, bei dem zwar nicht jedes Los, aber der Kirchenbau gewinnt. Es gibt 750 Lose zu je 25 Euro. Die Preise sind allesamt gestiftet. Als Hauptgewinn der Lotterie lockt ein Hubschrauberflug. Gleich fünf Gewinner können sich an einem exklusiven Konzert von Kirchenmusiker Anton Aicher erfreuen.

Jeder kann einen Beitrag leisten, sagten sich die Ministranten. Sie bieten einen Weckle-Bring-Dienst an. Weinseminare sind zu gewinnen und Geburtstagständchen. Die Lotterie verspricht ein Renner zu werden. Die ersten 30 Lose gingen schon am Samstag weg. Die Lotterie ist staatlich geprüft und genehmigt.

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01.12.2014, 12:00 Uhr

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