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Willkommen mit Kultur

Die Reutlinger Stadtbibliothek hat alle Bevölkerungsgruppen im Blick

Gut ein Drittel der Menschen, die momentan in Reutlingen leben, sind Migranten. Interkulturelle Angebote und Integrationskonzepte sollen helfen, dass sie nicht am Rande stehen, sondern bald mitten drin. Beim Jahresempfang der Freunde der Stadtbibliothek stellte die Bücherei ihren Weg vor.

01.12.2014
  • Christine Laudenbach

Reutlingen. Wohin in einer Stadt, in der alles fremd ist? Die Sprache. Die Menschen. Die Kultur. Wo alles Geld kostet? „Es gibt nur wenige Einrichtungen, in denen sich beispielsweise Asylbewerber ungehindert den ganzen Tag aufhalten können“, fasste Bibliothekarin Tanja Schleyerbach beim Jahresempfang am Freitagabend die Situation zusammen. Die Bücherei als alltäglicher Ort der Begegnung dürfe daher nicht unterschätzt werden. Denn: hier finden Migranten Materialien, um Deutsch zu lernen. Hier könnten die Menschen, wenn sie einmal arbeiten dürften, Bewerbungen schreiben, das Internet nutzen, Musik hören und sich mit der hiesigen Kultur vertraut machen. Ohne dafür bezahlen oder sich rechtfertigen zu müssen. Ohne zu konsumieren.

Die Bibliothek sei ein Ort, „an dem jeder willkommen ist, an dem ein kostenloser Zugang zu Information, Bildung und Kultur für alle möglich ist und kompetente Mitarbeiter“ Hilfestellung geben – „auf Augenhöhe mit dem Kunden.“

Und immer mehr Menschen unterschiedlicher Nationalitäten nehmen dieses Angebot an: Nach den Zahlen der Bibliothekarin wird in Deutschland rund 200 Millionen mal pro Jahr eine Bibliothek besucht. Zum Vergleich: Fußballspiele der ersten und zweiten Ligen schauen sich dagegen im Stadion nur 17,6 Millionen an. Auch wenn diese Erhebungen nicht mehr ganz aktuell seien, so sprächen sie doch für sich, so Schleyerbach. In der Reutlinger Stadtbücherei – sie gehört zur Spitzengruppe der öffentlichen Bibliotheken in Deutschland – sind unter den insgesamt 17 166 aktiven Entleihern rund 1250 mit ausländischem Pass aus 95 Nationen. Menschen mit Migrationshintergrund und deutschem Pass sowie Kunden ohne Ausweis nicht eingerechnet.

Bei den fremdsprachigen Büchern und E-Books, Zeitungen, Zeitschriften, Tonträgern und Filmen könnten nicht alle Herkunftsländer berücksichtigt werden, so die Zuständige für Interkulturalität. Zur Ausleihe stünden aber über 1000 Sprachkurspakete in fast 40 Sprachen. Manche Medien seien erst auf den zweiten Blick für diesen Bereich wichtig: Bücher über den Islam etwa oder eine DVD, die den Alltag in Israel dokumentiert.

Interkulturelle Arbeit sei aber keine Einbahnstraße, stellt Schleyerbach klar. Ebenso von Belang wie das Angebot für Migranten sei, dass deutsche Bibliothekskunden fremdsprachige Medien entleihen könnten. Dass es interkulturelle Angebote gebe, die Menschen verschiedener Herkunft zusammen bringe, etwa mehrsprachige Lesungen und Konzerte. Seit diesem Jahr gebe es zudem mit „Library Press Display“ über die Reutlinger Bibliothek das Angebot von zuhause aus tagesaktuell 2000 Zeitungen und Zeitschriften in mehr als 60 Sprachen aus 95 Ländern zu lesen.

Zu Beginn des Abends hatte die städtische Referatsleiterin für Migration, Sultan Braun, die Frage aufgeworfen, wie Stadt und Bibliothek im Interkulturellen Bereich zusammen arbeiten könnten. Welche Rolle „die Bücherei bei diesem sensiblen Thema spielen“ könne. Immerhin lebten hier momentan etwa 130 Nationen zusammen. Nach dem Einblick Schleyerbachs in den Bibliotheksalltag war klar: Die Mitarbeiter(inn)en, von denen acht einen Migrationshintergrund mitbringen, arbeiten jeden Tag aktiv daran, dass Fremde in Deutschland „sich nicht irgendwie anpassen müssen“, wie Sultan Braun betonte, sondern mit Hiesigen zusammenfinden.

Für ihren Beitrag zur Interkulturellen Woche haben die Reutlinger ein bisschen in München gespickt und das Projekt „Living Library“ kopiert: Entliehen werden dürfen hier „lebende Bücher“. Aufgabe der Bücherei ist es, miteinander bekannt zu machen – beispielsweise einen Asylbewerber mit einem Menschen mit Behinderung. Auf diese Weise werden für etwa 20 Minuten Reutlinger miteinander ins Gespräch kommen, die sonst nie zueinander gefunden hätten.

In Reutlingen leben momentan rund 40 700 Menschen mit Migrationshintergrund. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 37 Prozent. Als Migranten definiert die städtische Integrationsbeauftragte Sultan Braun Ausländer, Eingebürgerte, (Spät-)Aussiedler und deren Kinder. Den Ausländeranteil (Einwohner mit Migrationshintergrund und ausländischem Pass) beziffert sie auf 16 Prozent – etwa 17 450 Personen. Vor allem aus der Türkei, Griechenland und Italien zieht es die Menschen hierher. Bei den Migranten sind knapp 30 Prozent über 60 Jahre alt. Rund die Hälfte sind unter 18 Jahre. Etwas mehr (55 Prozent) sind Kinder unter sechs. Von den ausländischen Schülern besuchen knapp 14 Prozent eine Grundschule, knapp 31 Prozent gehen auf eine Werkrealschule. Der Anteil der Ausländer, die auf einem Gymnasium sind, ist mit 6,4 Prozent „sehr gering“, so Braun.

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01.12.2014, 12:00 Uhr

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