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Der Leitartikel

Die Schicksalsstadt

Endlich geht es dem IS an den Kragen – überall im Umland von Mossul verbreiten die Angreifer Siegeseuphorie. Beim Treffen der Internationalen Anti-Terror-Koalition in Paris nahmen die Teilnehmer schon die zweite IS-Hochburg Rakka ins Visier. Die Tage des „Islamischen Kalifats“ sind gezählt, lautet die Botschaft. Nur einer fehlte in der illustren Runde: der Irak, das Land, in dem sich das Drama in den kommenden Monaten abspielen wird.

27.10.2016
  • MARTIN GEHLEN

Alle bisherigen Erfahrungen im Irak legen nahe, dass Mossul bald in Flammen stehen und seinen Bewohnern ein schreckliches Schicksal drohen könnte. Seit Wochen warnt die Uno vor hunderttausenden Flüchtlingen und appelliert an das Verantwortungsgefühl der Kriegsplaner – bisher vergeblich. Die Vorbereitungen zur Notaufnahme sind unzureichend, der Winter naht mit seinen eisigen Temperaturen.

In Mossul könnte sich das nationale Schicksal des Irak entscheiden. Gelingt es, das Zweistromland auf den Weg eines friedlichen Zusammenlebens zurückzuführen? Oder besiegelt die Operation Mossul den Zerfall des Irak endgültig? Die Zentralregierung in Bagdad jedenfalls hat keine Strategie, die entfremdete sunnitische Minderheit wieder einzubinden. Die Reform des korrupten Regierungsapparates kommt nicht voran. Stattdessen gelten die Bewohner Mossuls bei vielen politisch Verantwortlichen als IS-Komplizen oder zumindest Sympathisanten. Und es fehlt – wie zuvor in Ramadi und Falludscha – das Geld, um mögliche Kriegszerstörungen zu beseitigen und der zweitgrößten Metropole eine jahrelange Agonie zu ersparen.

Abgesehen davon hat der IS die jahrhundertealte multikulturelle Textur religiöser und ethnischer Gruppen zerrüttet. Zwietracht und Misstrauen scheinen unüberbrückbar – ob zwischen sunnitischen und schiitischen Arabern, Kurden, Christen, Jesiden oder Turkmenen. So bewegend die ersten Glockentöne nach der Rückeroberung christlicher Dörfer waren, so unvorstellbar scheint, wie die Volksgruppen künftig zusammenleben sollen.

Obendrein bringen sich die regionalen Gegner in Position, um schon jetzt möglichst viel von der Mossul-Beute für sich zu reklamieren. Die nordirakischen Kurden schielen auf ihre Unabhängigkeit und wollen weitere Machtpflöcke einschlagen. Die umstrittene Schwesterstadt Kirkuk haben sie im Zuge der IS-Wirren vor zwei Jahren bereits unter Kontrolle gebracht, jetzt tragen ihnen Minderheiten wie die Christen und Jesiden auch die Herrschaft über die Ninive-Ebene von Mossul an. Die Türken haben ein Auge auf die Stadt geworfen, weil sie sie vor 100 Jahren in den post-osmanischen Turbulenzen nicht für sich reklamieren konnten. Und die sunnitischen Araber wollen Mossul zu einer möglichst autonomen Machtbasis ausbauen, in der nach dem Ende der IS-Tyrannei die verhasste schiitische Zentralregierung praktisch nichts zu sagen hat.

So dürfte der Irak nach einem Zusammenbruch des Kalifats zurückfallen in die Zeit vor dem IS. Die inneren Probleme, die den Dschihadisten ihre schnellen Siege erlaubten, kehren mit Wucht zurück. Sie könnten sich als noch vertrackter und unlösbarer erweisen.

leitartikel@swp.de

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27.10.2016, 06:00 Uhr

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