Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Siebfabrik SFU

Die Schwaben sieben

Auf hochspezialisiertem Markt behauptet sich die Siebfabrik SFU seit 50 Jahren. Ihr Geheimnis ist so simpel wie kompliziert: technischer Vorsprung. Und stets ein waches Auge für die nächste Nische.

18.07.2012
  • Eike Freese

Öschingen. Typisch schwäbisch ist sie, irgendwie. Sie ist eine dieser Firmen, die kaum jemand kennt, die gut versteckt liegt in den Winkeln des Schwabenlands, die ein Produkt herstellt, für das sich die Verbraucher erst interessieren, wenn etwas schiefläuft – und die dennoch vom grünen Albtrauf aus in aller Welt mitmischt.

„Ein Drittel Euro-Länder, ein Drittel Inland, ein Drittel Weltmarkt“ – Christoph Leppla, seit 2010 Geschäftsführer bei den Öschingern, fasst die Wurzeln des Umsatzes zusammen. Leppla ist zwar verhältnismäßig neu am Öschinger Mühlberg – neu in der Branche ist er keineswegs. Der 48-Jährige, ausgebildet an der Maschinenbauer-Kaderschmiede RTWH in Aachen, hat vor zwei Jahren von einem Konkurrenten vom Eifelrand nach Schwaben rübergemacht. Seit Anfang des Jahres ist er alleiniger Geschäftsführer. Günther Schaupp dagegen, geboren 1938 und jahrzehntelang die prägende Figur der Öschinger Siebfabrikanten, ist ausgestiegen. Er beschränkt seine Arbeit jetzt auf Beratertätigkeiten.

Schaupp ist ganz offenkundig Firmenpatriarch alter Schule, stets eine Anekdote aus jahrzehntelanger Reise- und Führungserfahrung auf den Lippen. Er hat jetzt, mit dem Verkauf an den Dillinger Mittelstands-Investor Adpart, sein unternehmerisches Vermächtnis bewahren wollen. „Wir streben keinen Exit an“ wirbt die Beteiligungsgesellschaft. Einen Exit hat auch Schaupp nicht angestrebt, doch eine Übergabe an die nächste Familiengeneration zerschlug sich mit dem Tod von Ehefrau und Sohn. Ein Thema, über das Schaupp, der die Geschäftsleitung 1988 selbst von Schwiegervater und Firmengründer Arthur Maurer übernommen hat, offen spricht mit dem TAGBLATT. „Das Unternehmen ist jetzt in sehr guten Händen“, zeigt sich der Alt-Chef allerdings überzeugt.

Gute Hände. Für Firmen, die Industriesiebe herstellen, hat der Begriff eine ganz eigene Bedeutung. Eigens ausgebildete Fachleute gibt es für die Öschinger fast nicht. Die SFU sucht deshalb immer zunächst flexible Alleskönner mit Talent. 72 Mitarbeiter beschäftigt die Firma derzeit. „Wir müssen viel in die Weiterbildung unseres Personals investieren“, sagt Christoph Leppla. „Wir brauchen zudem Leute mit Multitasking-Fähigkeiten – alle müssen alles können.“ Und Günther Schaupp betont den qualitativen Anspruch, etwa bei hauchfeinen Lötarbeiten: „Wenn ein neuer Mitarbeiter gut ist, darf er nach drei Monaten bei uns ein bisschen was machen.“

Das liegt auch daran, dass die Öschinger Siebfabrikanten einen Nischenmarkt bedienen. Spezialisierte Siebe aus Bronze oder Polyester. Für die Hersteller von Banknoten-Papier, Teebeuteln oder Windelstoffen. Für Lebensmittelhersteller und Faserzement-Fabriken. Und, als Alleinstellungsmerkmal: Selbstgewebte Siebe mit einer Web-Breite von bis zu neun Metern. „Für Unternehmen, die das auf dieser riesigen Breite fehlerfrei brauchen“, ergänzt Leppla. „Ein winziges Sieb für einen Wasserhahn können Sie nämlich kleinschneiden. Unsere Kunden brauchen große Siebe ohne einen einzigen Fehler.“ Im Laufe der Jahrzehnte sind die Siebe vom Mühlberg immer feiner geworden, teils nur mit der Zentimeterlupe zu beurteilen, und müssen immer höheren Ansprüchen genügen.

Den zweiten Vorteil einer Nische kennt Manfred Schöll, technischer Verkaufsleiter: „Nischen machen uns etwas unabhängiger von der reinen Orientierung an Preisen.“ Sie sorgen zudem dafür, dass die SFU-Mitarbeiter den Service sogar in Übersee übernehmen – und die Kunden lange treu bleiben. Als Firma, die ausschließlich im teuren Deutschland produziert, muss die Öschinger Siebfabrik zudem stets mit technischem Vorsprung glänzen – und schaffte das bislang auch prima, wie Ex-Chef Günther Schaupp betont: „Wir haben in all den Jahren kein einziges Mal rote Zahlen geschrieben.“ An Verlagerungen ins Ausland habe er nie ernsthaft gedacht, so Schaupp: „Sie brauchen die kurzen Wege, die nahen Absprachen.“

In der Region findet der neue alleinige Geschäftsführer Leppla offenbar alle Arbeitskräfte, die er braucht – und sie finden die SFU. „Wir kriegen gute Leute, die nicht bis nach Stuttgart fahren wollen“, so Leppla. Auch wenn er zugibt, dass die Suche nach Fachkräften auch für sein Unternehmen tendenziell „immer ein Problem“ ist.

Die Schwaben sieben
Es geht immer noch ein bisschen feiner: Die Öschinger Siebfabrikanten vor einem tonnenschweren Bronzesieb-Webstuhl – mit einem für ihre Verhältnisse eher grob gewirkten Stück Industriesieb (von links: Betriebsleiter Michael Sager, Geschäftsführer Christoph Leppla, Leiter Technischer Verkauf Manfred Schöll, Anke Beckmann und Ex-Chef Günther Schaupp). Bild: Franke

72 Beschäftigte arbeiten derzeit bei der SFU Siebfabrik Arthur Maurer GmbH & Co. KG in Öschingen. Das Unternehmen startete im Jahr 1962 mit Gründer Arthur Maurer, zwei Mitarbeitern und einem Webstuhl in Lichtenstein-Unterhausen. Von 1988 an war Schwiegersohn Günther Schaupp alleiniger Geschäftsführer, nun schon mit neun Webmaschinen. Die Produktpalette erweiterte sich in den Jahren kontinuierlich, bald auch auf Kunststoffgewebe und Rundsieb-Zylinder. Seit 2001 können die Öschinger weltweit als einziger Produzent Metallgewebe mit einer Breite von neun Metern herstellen. In den Krisenjahren 2009 und 2010 lag der Umsatz nach Firmenangaben bei knapp unter 10 Millionen Euro, im Jahr 2011 auf einem Höchststand von knapp unter 12 Millionen Euro. Seit 2010 ist Christoph Leppla im Führungsteam, seit Anfang dieses Jahres alleiniger Geschäftsführer. Die ehemaligen Eigentümer Günther Schaupp und Margrit Friedrich haben sich jetzt vollständig aus dem Unternehmen zurückgezogen. Die Beteiligungsgesellschaft Adpart hat im Jahr 2012 die SFU erworben. Die Gruppe erzielt nach eigenen Angaben einen Umsatz von rund 180 bis 200 Millionen Euro.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

18.07.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball