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Wohnungsbau

Die Schwarmstadt Tübingen lockt

Tübingen ist attraktiv und platzt aus allen Nähten. Im Löwen-Kino diskutierten die Grünen am Dienstagabend über die Wohnsituation in der Innenstadt.

17.11.2016
  • Carina Speck

Das ideale Bild von Vater, Mutter und Kindern im Einfamilienhaus auf dem Land oder am Stadtrand entspricht schon lange nicht mehr der Realität. Die Menschen zieht es in die Städte, die Zentren – sie wollen am kulturellen Leben teilnehmen und von Vielfalt und Chancenreichtum profitieren. Eine Verdichtung der Innenstädte ist nötig. So auch in Tübingen.

Doch wie soll das alles gehen bei einem Wohnungsbau, der völlig aus der Balance geraten ist? Der Wohnraum in der Innenstadt ist knapp, passende Grundstücke fehlen und selbst die kleinsten Kellerlöcher scheinen unbezahlbar. Zudem sollen Wohnungen modernisiert und gleichzeitig barrierefrei und energiesparend gestaltet werden. Die frühere TAGBLATT-Redakteurin Ulrike Pfeil fragt, frei nach Rainer Maria Rilke, skeptisch: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr?“ Gemeinsam mit dem Architekten und Professor Manuel Herz aus Basel, dem Sprecher für Bau- und Wohnungspolitik der Bundestagsfraktion der Grünen Chris Kühn und dem Vorsitzenden der AL/Grüne-Gemeinderatsfraktion Christoph Joachim diskutierte sie den Zielkonflikt: „Wie wollen wir wohnen? Wie sollen wir bauen?“. Organisiert wurde die Podiumsdiskussion von der Gemeinderatsfraktion der Grünen.

Die verschiedensten Bevölkerungsgruppen zieht es in die Innenstadt – Studenten suchen verzweifelt nach Wohnungen und auch Senioren haben Tübingen als Refugium entdeckt. „Tübingen ist zur Schwarmstadt geworden“, sagt Kühn. Eben diese Wanderbewegung müsse durch urbane Qualität gewährleistet werden. Auch in Zeiten des Flüchtlingszuzugs.

Eines ist klar: die Anforderungen an die Architekten sind groß, sollen sie doch für alle Bereiche Spezialisten sein. Manuel Herz ist bewusst, dass es nicht leicht ist, Bezahlbarkeit, kulturelle und soziale Anforderungen, Qualität, Ästhetik und Klimaschutz unter ein Dach zu bekommen.

„Da steht einem vor allem der Wust von Regeln im Weg“, berichtet der Architekt. Brandschutzregelungen, erlaubte Maße und Stellplatzverordnungen – „es gibt sogar Vorgaben für die Höhe eines Geländers.“ Da müsse man deutlich flexibler und freier werden. „Aber in Deutschland findet man Überreglementierung wohl ziemlich aufregend“. Auch Kühn schüttelt den Kopf über die 16 Landesbauordnungen. Ausgemistet wurde bereits bei der Stellplatzverordnung: Bei Wohnungen unter 90 Quadratmeter Fläche, mit regelmäßigen Busverbindungen vor der Haustür und der Möglichkeit zum Car-Sharing gilt nun eine reduzierte Stellplatzanzahl.

Ein weiteres großes Problem sind die fehlenden Baugrundstücke, wie beispielsweise am Tübinger Bahnhofsareal. Auf 12 vorhandene Grundstücke bewarben sich hier 50 Baugruppen. Kühn beklagt eine „Privatisierungswelle“ in den vergangenen Jahren und macht diese für mangelnde Bauareale verantwortlich: Immer mehr Wohnungen würden so dem öffentlichen Wohnungsmarkt entzogen und bilden „verlorene Flächen für die Städteverdichtung“. Dabei bedeute die Innenverdichtung einen Mehrwert für ein gesamtes Quartier – eine Investition in dauerhaft bezahlbaren Wohnraum.

Kommt an dieser Stelle „Experimentelles Bauen“ ins Spiel? „Auf jeden Fall muss höher und dichter gebaut werden“, findet Christoph Joachim. Nur so sei man dem Zustrom in die Stadt gewachsen. „Tübingen muss zu einer Stadt der kurzen Wege werden.“ Nicht die Innenverdichtung ist dabei das Grundproblem – „die Qualität der Bebauung insgesamt muss stimmen“ (Kühn), da waren sich alle einig. Hier sollen Wettbewerbe und Architekturdebatten helfen. Außerdem müssen Nutzungskonflikte ausgeräumt werden. „Insgesamt muss man einfach viel mehr übers Bauen reden“, beschloss Ulrike Pfeil die Diskussion.

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17.11.2016, 01:00 Uhr

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