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Theater

Die Seele ist vereist

Das Schauspiel Stuttgart zeigt „Thaddäus Troll“ – eine Revue über den Autor, die Schwaben und den Krieg. Passender Untertitel: „Kein Heimatabend“.

06.05.2019

Von OTTO PAUL BURKHARDT

„Nach dem Krieg wurde er schizophren“, sagt Thaddäus Troll in seinem selbst verfassten Nachruf über sich. Jannik Mühlenweg ist einer von vier Schauspielern, die den Schriftsteller jetzt auf der Bühne in Stuttgart verkörpern. Foto: Björn Klein

Kehrwoch', Pietismus, Lombaseggl. Kein Wunder, dass bei derlei Stichworten die Schauspieler auch bald eine „Schimpfwortkantate“ anstimmen: „Drecksau, Giftspritz‘, Entaklemmer“. Und vier Männer tanzen in Kittelschürzen einen bitterbösen Putz-Cancan über das „Mysterium des Sauberkeitskults“. Ja, manchmal fühlt sich dieser Abend unter dem Titel „Thaddäus Troll“ wie Kabarett zu einem etwas ausgeleierten Sujet an – über hinlänglich belächelte, angeblich schwäbische Eigenarten. Doch gerade zum Thema „Deutschland deine Schwaben“ hat nun mal der Autor Hans Bayer, dessen Pseudonym Thaddäus Troll auch cool in die heutige „Netzkultur“ passen würde, anno 1967 einen Bestseller gelandet.

Alles ist doppelt lesbar

Fast noch mehr Raum aber nimmt an diesem Abend das Thema Krieg ein. Denn Troll war 1940 bis 1945 „Wortberichter“ und Schriftleiter bei NS-Propagandakompanien in Polen und der Sowjetunion – eine verdrängte Vergangenheit, für die er sich, „als Augenzeuge und Spießgeselle eines Unrechts“, zeitlebens schämte. Hier die Schwaben, dort der Krieg: „Thaddäus Troll“ ist zu keinem Zeitpunkt eine nette Hommage ans Klischee des schwäbischen Dichters, sondern das, was man eine kritische Würdigung nennt. „Kein Heimatabend“ – der Untertitel trifft's. Am Samstag feierte das knapp eindreiviertel Stunden kurze Stück Uraufführung im Stuttgarter Kammertheater.

Schon Vorgänger-Intendant Armin Petras hat mit Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“ regionale Stoffe erkundet, Nachfolger Burkhard C. Kosminski versucht nun Ähnliches. Regie bei „Thaddäus Troll“ führt Gernot Grünewald, ein gebürtiger Stuttgarter, der 2015 mit dem Puppen-Stück „Zur Liebe verdammt fürs Schwabenland“ über Remstal-Rebell Helmut Palmer Furore gemacht hat – heute ist er in Hamburg, Berlin und Wien unterwegs. Und jetzt wieder in Stuttgart. Wenn sich Grünewald in seinem Troll-Abend auf die Kriegszeit und auf das Verhältnis zu Schwaben konzentriert, dann deshalb, weil sich hier die Widersprüchlichkeit, die Zerrissenheit des Autors, der 1980 in den Freitod ging, am deutlichsten offenbart. Alles ist doppelt lesbar: Die Bühne ist von zwei gegenüber liegenden Zuschauertribünen einsehbar und bietet auch medial eine zweifache Perspektive – oben Film, unten Theater. Überhaupt, Grünewalds Troll-Abend ist vieles: Musical, Doku, Biopic, Kabarett, Revue, Re-Enactment und mehr. „Soldat im Krieg zu sein, bedeutet eine Art gesteigerten Lebens“:

Wenn solche Sätze anklingen, die an Ernst Jünger erinnern, sehen wir oben im Film ganz nah die Augen eines Rekrutengesichts, dessen Brille mit Dreck bespritzt wird – und gleichzeitig unten auf der Theaterbühne das Making-Of mit Kamera, Wasser und Blumenerde. „Die Seele ist vereist, um sich das Übermaß an Schmerzen zu ersparen“, schreibt Troll 1941, bevor er als Schriftleiter die Armeezeitung „Der Sieg“ übernimmt. In seinem selbst verfassten Nachruf sagt Troll über sich: „Nach dem Krieg wurde er schizophren“. Vor diesem Hintergrund bekommt seine sarkastische Abrechnung mit den Schwaben – „Kennst du das Land, wo keiner lacht“ – eine noch schärfere Note.

Alles in allem: Das quirlige Darsteller-Quartett aus Sebastian Röhrle, Benjamin Pauquet, Jannik Mühlenweg und Giovanni Funiati hat ein Kompliment verdient. Stark auch die Musik: eine turbulente Achterbahn zwischen Volkslied, Kirchenchor, Pop und wildem Wagnerschem Walkürenritt. Die Schwaben, der Krieg und Thaddäus Troll: Grünewald hat daraus eine spannende Collage gezaubert, immer haarscharf an der Grenze zwischen bitterem Ernst und befreiendem Lachen.

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Erstellt:
6. Mai 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Mai 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Mai 2019, 06:00 Uhr

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