Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Die Sehnsucht nach Zinsen
Auf der Stuttgarter Anleger-Messe Invest können sich Besucher über Anlagemöglichkeiten informieren. Foto: dpa
Finanzmesse

Die Sehnsucht nach Zinsen

Geld aufs Sparbuch und Jahr für Jahr wird es mehr– diese Zeiten sind vorbei. Aber im Internet locken Angebote für attraktive Festgelder. Also per Klick ins Rendite-Glück?

08.04.2017
  • DPA

Stuttgart. In Zeiten niedriger Zinsen wirken manche Web-Angebote fast wie eine Fata Morgana. Für ein Jahr Festgeld verspricht das Finanzportal Savedo 0,9 Prozent Zinsen, bei Weltsparen sind es 1,35 Prozent und bei Zinspilot sogar 1,6 Prozent. Zum Vergleich: Bei deutschen Banken und Sparkassen bekommt man derzeit nur wenige Zehntelprozent oder manchmal sogar nur 0,05 Prozent. Besagte Internetportale vermitteln Anlagen bei Banken in Portugal, Großbritannien, Rumänien, Bulgarien oder Kroatien. Die Nischenbranche sieht sich dank Niedrigzinsphase im Aufwind. Mancher Finanzexperte sieht die Angebote allerdings kritisch.

Bei der Stuttgarter Finanz- und Anlegermesse Invest bewerben auch die Zinsportale ihre Anlagen. Letztlich sind sie Profiteure der Politik der Europäischen Zentralbank (EZB). Die hat die Zinsen praktisch abgeschafft – die Menschen und Firmen sollen Geld ausgeben und die Wirtschaft ankurbeln anstatt zu sparen. Die Finanzportal-Start-ups wiederum setzen darauf, dass Deutsche dennoch Geld anlegen.

Erspartes schrumpft

„In Deutschland gab es jahrzehntelang anständige Zinsen für Sparguthaben“, sagt Savedo-Chef Christian Tiessen. „Die Nullzinspolitik der EZB hat damit Schluss gemacht.“ Nun werde immer mehr deutschen Anlegern bewusst, „dass sich ihr Erspartes unter den gegebenen Umständen nicht weiter vermehrt, sondern schrumpft“, sagt er mit Blick auf die Inflation. Deutsche Sparer legten immer mehr Geld im EU-Ausland an.

Ähnlich wie Zinspilot und Savedo preist Weltsparen „rentable und sichere“ Alternativen zu deutschen Niedrigzinsen an. „100 Prozent abgesichert“, heißt es auf der Weltsparen-Webseite, und weiter: „Einlagen sind bis zu einem Gegenwert von 100 000 EUR pro Bank und Sparer gemäß EU-Recht garantiert.“ Tatsächlich gibt es EU-Vorgaben, die den Mitgliedstaaten ein nationales Sicherungssystem vorschreiben: Jeder Staat muss dafür sorgen, dass Spareinlagen bis zu 100 000 EUR im Fall einer Bankenpleite aus einem separaten Topf erstattet werden. Guthaben oberhalb 100 000 EUR wären außen vor. Sie würden wenn nötig zur Bankenrettung mit herangezogen.

Sind also Guthaben deutscher Sparer in anderen EU-Staaten wegen der nationalen Sicherungssysteme absolut sicher? Nein, sagt Hans Peter Burghof, BWL-Professor an der Universität Hohenheim. Natürlich sei da ein Risiko drin. „Am Kapitalmarkt bekommt man nichts geschenkt – wenn die Zinsen so viel höher sind, dann liegt das am höheren Risiko.“ In Sicherungstöpfen anderer EU-Staaten sei „viel zu wenig drin, um eine nationale Bankenkrise durchzustehen“, sagt er.

Reiche das nicht aus, müsse die EU eingreifen. „Das hat bei der Bankenkrise in Zypern 2013 geklappt – aber ist dieser politische Wille zukünftig wirklich noch da, um mit EU-Geldern ein nationales Problem zu entschärfen?“, fragt Burghof. Nationalistische Strömungen in Frankreich oder der Brexit verdeutlichten, dass der Wille zur gemeinsamen Rettung und Aufnahme finanzieller Lasten nachlasse. „Zu sagen, das Geld in Bulgarien, Portugal oder Rumänien ist sicher, ist nicht seriös“, sagt Burghof.

Und wie laufen die Geschäfte der Finanzportale? Weltsparen berichtet, die Kundenzahl habe sich binnen eines Jahres etwa verdreifacht, auf mehr als 65 000 Kunden, für die Anlagen über gut 2,8 Mrd. EUR vermittelt wurden. Weltsparen bekommt Gebühren von den Banken, an die vermittelt wurde. Savedo nennt zwar keine Zahlen, Firmenchef Tiessen sagt aber: „Die Nachfrage entwickelt sich sehr erfreulich.“

Zinspilot teilt mit, man habe im vergangenen Jahr 40 000 Kunden gewonnen mit Guthaben von 1,2 Mrd. EUR. Das klingt nach viel, aber zum Vergleich: Heimische Banken und Sparkassen verfügen laut Deutscher Bundesbank über 3433 Mrd. EUR als Guthaben von Privat- und Firmenkunden. dpa

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

08.04.2017, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball