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Glühend rote Sonne

„Die Sorgen und die Macht“ nach Peter Hacks in Berlin

Aufarbeitung der eigenen politischen (Theater-)Vergangenheit - das gelingt in Berlin witzig und erhellend in der kommentierten Wiederaufführung des frühen DDR-Skandalstücks „Die Sorgen und die Macht“.

08.09.2010
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin In der 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts rang die im hoffnungsvollen Aufbau befindliche DDR heftig mit ihrer Selbstdarstellung durch die Künstler. Kritik vertrug das Regime gerade von dieser von ihr hochsubventionierten Seite am allerwenigsten. Es hagelte Absetzungen und Verbote an den Bühnen der Hauptstadt. Für den größten Skandal sorgte der 1955 von München nach Ostberlin gewechselte Dramatiker Peter Hacks mit seinen mild ironischen Stücken „Die Sorgen und die Macht“ und „Moritz Tassow“, beide vorgesehen fürs Deutsche Theater (ebenfalls dem Bannfluch der Einheitspartei erlegen sind zur selben Zeit etwa Heiner Müllers „Lohndrücker“). Und dieses Deutsche Theater reflektiert jetzt zum Spielzeitbeginn mit einer zeitgeschichtlich bewegenden szenischen Rückschau die für das weitere Schicksal der DDR und ihrer besten Köpfe prägenden Ereignisse rund um diese Macht-Sorgen und ihren später schwer irrlichternden Schöpfer Peter Hacks.

Die brillante Inszenierung von Tom Kühnel und dem auch selbst deftig kabarettelnd mitspielenden Jürgen Kuttner nennt sich im Untertitel „ein Stück über die Zukunft von gestern nach Peter Hacks“. Die Moralökonomie preisende Originalhandlung dieses typischen Produktionsstückes von der Liebesglücksuche zwischen einem Brikettfabrik-Arbeiter und einer Glasfabrik-Arbeiterin wird skizzenhaft getreulich nachgestellt. Doch nicht genug damit (obwohl das schon, von heute aus gesehen, bizarr genug erscheint). Es geht ums Ganze. Also um die Person des vor sieben Jahren 75-jährig gestorbenen Peter Hacks.

Requiem und Revue in einem, Nachruf und slapstickhafte Parodie, quirlig zusammengemischt und wirklichkeits-dokumentarisch aufeinander bezogen - das gelingt der dialektisch von Widerspruch zu Widerspruch elegant hüpfenden Inszenierung vor allem dank der virtuosen Spielfreude des Ensembles. Elias Arens, Christoph Franken, der endlich einmal aufgetaute Felix Goeser und die verblüffend verwandlungsfähige Susanne Wolff verhindern jeglichen Anflug von DDR-Nostalgie, wie sie den späten Hacks zum tragikomisch skurrilen, fast nicht mehr zurechnungsfähigen Sonderling und Allround-Ironiker werden ließ.

Das darf man nun alles als Solo-Nummern im O-Ton hören und ohne interpretierende Gebrauchsanweisung sehen: den eiernden Parteisekretär, der das Stück 1962 verdammte, den als liebedienerischen Interviewer instrumentalisierten Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, den von Peter Hacks geradezu hymnisch begeisterten FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, den trotz peinlicher Selbstkritik ob des Stückes gestürzten Theaterintendanten Wolfgang Langhoff und als Gipfel Peter Hacks himself.

In „Die Sorgen und die Macht“ lautet der anstoßerregende Erkenntnissatz so: „Kollegen, Kommunismus, wenn ihr euch den vorstellen wollt, dann richtet eure Augen auf was jetzt ist und nehmt das Gegenteil, denn wenig ähnlich ist dem Ziel der Weg.“ Am Ende seines skurrilen Weges zum Ziel gelten des höhnischen Dichters Tränen vermächtnishaft einer „vormals blühenden“ DDR, den für deren Untergang sorgenden DDR-Bürgerrechtlern wünscht er als geborenen Konterrevolutionären die Guillotine an den Hals und „der Erdenwunder schönstes war die Mauer“.

Das kann aber denn doch nicht als letztes Macht-Sorgen-Wort stehen bleiben. Und so endet nach dreieinhalb kurzweiligen Stunden die putzmuntere DDR-und-das-Theater-Bilanz mit einem schmachtenden Pop-Song über das glückliche Ende der Mauer. Dazu wird die ganze Bühne überflutet von glühendem Rot - entweder symbolisiert dies einen Sonnenaufgang oder einen Sonnenuntergang . . .

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08.09.2010, 12:00 Uhr

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