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Tübingens erster Staatspräsident

Die Stadt ehrt Lorenz Bock

Die Stadt Horb ehrt Lorenz Bock auch mit einer Ausstellung in Nordstetten.

02.09.2002

TÜBINGEN/NORDSTETTEN. Unter den Gründerfiguren des Staates Württemberg-Hohenzollern, der in Tübingen seinen Regierungs- und in Bebenhausen seinen Parlamentssitz hatte, ist er die vergessenste. Carlo Schmid, Theodor Eschenburg, Gebhard Müller, sie sind im Gedächtnis geblieben — doch wer kennt Lorenz Bock, den ersten Staatspräsidenten, der von 1883 bis 1948 lebte und das höchste Amt, das je in Tübingen vergeben wurde, genau 13 Monate lang, bis zu seinem überraschenden Tod, innehatte? W ie vergessen Lorenz Bock in Tübingen ist, zeigte sich am vergangenen Freitagabend, als die Stadt Horb eine ihm gewidmete Ausstellung im Schloss von Nordstetten eröffnete.

Da waren die Einheimischen weitgehend unter sich. Aus der ehemaligen Landeshauptstadt Tübingen waren einzig zwei Alt-Regierungspräsidenten, Hans-Jörg Mauser und Max Gögler, herübergekommen. Auch die erste Riege der Landespolitik, obgleich, so war anschließend beim Wein zu hören, mit Nachdruck eingeladen, glänzte bei dieser Gedenkveranstaltung für den einstigen Zentrums-, dann CDU-Gewaltigen Lorenz Bock durch Abwesenheit.

Keinen Bock geschossen

Die Vertreter der politischen Provinz, aus der der in Nordstetten geborene Bauernsohn Bock — der Name ist dort immer noch häufig — stammte, blieben also zwangsläufig auf sich gestellt. Dennoch haben sie ihre Sache gut gemacht, sowohl mit Würde als auch mit Stil. Der Musikverein Nordstetten eröffnete den Abend mit einem Fanfaren-Stück von Henry Purcell. Und Horbs Oberbürgermeister Michael Theurer sowie Nordstettens Ortsvorsteher Klaus Bok ehrten den „großen Sohn“ der Gemeinde, der auch der Dichter der „Schwarzwälder Dorfgeschichten“, Berthold Auerbach, entstammt, vor rund sechzig Gästen im Schlosssaal dezent und ohne jede Lobhudelei.

Beide stellten sie, so wie später in seiner Festrede der Stuttgarter Landeshistoriker Frank Raberg, den katholischen Politiker Lorenz Bock als einen der wichtigsten „Wegbereiter“ in eine Reihe mit den Gründervätern des Südweststaats, dessen fünfzigster Gründungstag auch den Hauptanlass gab, wenigstens in seiner unmittelbaren Heimat die Erinnerung an Bock aufzufrischen.

Das Mittel, das zu dieser Auffrischung vor allem dient, ist eine so umsichtig wie liebevoll eingerichtete Ausstellung zum Leben und Wirken Lorenz Bocks im Schlossgang, der so ganz unvermittelt zur „Lorenz-Bock-Straße“ wird. „Von der Schulbank bis zum Regierungssitz“, so lautet der Titel der Schau, und die Stadt Horb hat sie in eigener Regie gemacht und dafür keinen zeithisto-rischen Event-Designer verpflichtet.

Vor dem neugierigen Auge breitet sich in den Vitrinen und an den Wänden mehr als ein Menschenle-ben aus. Es entsteht das Panorama einer Zeit mit vielfachen Brüchen. Gleich zweimal stand Lorenz Bock selbst an solchen Zeit-Bruchstellen, 1918/19 und 1945/46, und beide Male hat er als Demokrat aus der katholischen „Zentrums“-Partei versucht, gestaltend einzugreifen.

Spannend und anrührend sind auch die dargebotenen Schaustücke: die ausufernde Briefmarkensammlung des passionierten Phila-telisten; das Porzellan-Service eines gerne tafelnden Familienoberhaupts, das es vom kleinen Bauernjungen bis zum viel gefragten Rottweiler Rechtsanwalt mit eigener Villa gebracht hatte; der Bebenhäuser Stuhl aus dem Nachlass des Monarchen, der Lorenz Bock als präsidentielle Sitzunterlage diente.

Oder jenes „Wahllied“ von 1920, in dem es sinnig heißt: „Wählt Ihr Bock, Ihr Volksgenossen,/ Habt Ihr keinen Bock geschossen!“ Doch ein Blick in die Vita genügt, um auch festzzustellen, welchen Preis Bock im Leben zu entrichten hatte: Nach 1933 musste er sich als Weimarer Demokrat der Politik fern halten; 1944 wurde er kurzzeitig inhaftiert, weil der alte Freund des aus Rottenburg gebürtigen christlich-demokratischen Widerständlers Eugen Bolz in den Verdacht geraten war, zu den Leuten des 20. Juli zu gehören. Auf Fotos ist überdeutlich dokumentiert, dass Kriegsende und Neubeginn einen vom Leben und von der Zeit gezeichneten Mann gesehen haben. 1940 hat das Ehepaar Bock an der Ostfront den ersten seiner beiden Söhne verloren; 1944 auch den zweiten.

Die drei B

Die erste Berührung mit Tübingen hatte der katholische Bauernspross, der in Rottweil das Abitur abgelegt hatte, in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Er belegte an dessen Universität Jura und stieg bald in die Studentenpolitik ein. So wie andere erstrangige Vertreter des politischen Katholizismus in Schwaben, etwa der spätere Stuttgarter „Zentrums“-Vorsitzende Joseph Beyerle, schloss er sich der katholischen Studentenverbindung „Alamannia“ an, die zu der Ausstellungseröffnung in Nordstetten übrigens zwei ihrer führenden Mitglieder in vollem Wichs entsandt hatte. Bereits im Kreis der Tübinger Alamannen zeichnete sich also jene Machtkonstellation ab, die man im nachmals Freien Volksstaat Württemberg „die drei B“ nennen sollte: Beyerle (Parteivorsitz des mitstaatstragenden „Zentrums“), Bolz der Staatspräsident, Bock der „schwarze“ Fraktionschef im Stuttgarter Landtag.

Seine zweite Tübinger Zeit, die Amtszeit als Staatspräsident, war weit beschwerlicher als die erste. Es war schon im Todesjahr 1948 kein Geheimnis, dass Lorenz Bock „an der Politik gestorben“ sei — was auch die Todesanzeigen erstaunlich freimütig aussprechen. Doch wieso? Bocks Amt, so hoch es auch war, war ein Amt der völligen Abhängigkeit. Die französische Besatzungsmacht gab die Befehle, Bock hatte sie zu erfüllen. Spielräume fand er wenige.

Bestenfalls eine „Verwaltung des Mangels“ könne man Bocks Politik nennen, sagte in realistischer Einschätzung und ohne dies schmälernd zu meinen Festredner Raberg. Die Notlage der Südwürttemberger drückte Bock. Umso mehr, als die Franzosen mit ihren Demontagen und Holzhieben fortfuhren. Erst sein Nachfolger Gebhard Müller sollte es mit ihnen deswegen zum Krach kommen lassen.Kurt Oesterle

Die Ausstellung zu Lorenz Bock im Nordstettener Schloss ist noch bis 4. Oktober zu sehen. Nähere Auskünfte bei der Ortsverwaltung unter (0 74 51) 22 74. Am „Tag des offenen Denkmals“, dem 8. September 2002, hat die Ausstellung von neun bis 16 Uhr geöffnet.

Die Stadt ehrt Lorenz Bock
Lorenz Bock (1. Staatspräsident Württemberg)

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02.09.2002, 12:00 Uhr

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